Eine höchst gelungene, überzeugende und unprätentiöse künstlerische Reflexion über eine durch ein fatales Grippevirus hervorgerufene Krise: die HBO-Miniserie „Station Eleven“.
Covid-19 hat unsere Welt, etablierte Verhaltensmuster und Gewohnheiten aus den Angeln gehoben – wie umfangreich und nachhaltig, das wird sich erst noch weisen. Streaming wiederum hatte die Film- und Fernsehbranche bereits vor der Pandemie aufgemischt und nun in der Krise weiter an Bedeutung gewonnen. Das schier unermessliche Angebot an Serien, an Content mit Möglichkeit zum Binge-Watching zu jeder Tages- und Nachtzeit wurde im Covid-Isolations- und Rückzugskokon zu einer Konstante, die Ablenkung, Halt und Sicherheit vermittelte. Dem TV wurde ja bis vor wenigen Jahren die künstlerische Relevanz abgesprochen. Angesichts des vielen Schrotts, der für das kleine Bildschirmformat und den ständigen Content-Bedarf von Privatsendern und Pay-TV produziert wurde, war die Kritik in vielen Fällen auch gerechtfertigt. Erst mit dem Aufkommen von Serienund Filmen hoher Qualität (die Vorzeige-Beispiele variieren naturgemäß, je nach geschmacklichen Vorlieben), vornehmlich auf den Streaming-Plattformen, änderte sich das Bild. Auch Station Eleven hebt sich wohltuend ab vom rasant und schablonenhaft produzierten Endlos-Angebot; die „limited series“ mit zehn Episoden von HBO ist ein beeindruckendes, vielschichtig grandioses Beispiel, das thematisch, politisch und in seiner Reflexion zur Stellung von Kunst und Kultur in (pandemischen) Krisenzeiten aktueller nicht sein könnte.
Social Distancing
Basierend auf Emily St. John Mandels gleichnamigem Bestseller-Roman von 2014, entwirft Station Eleven eine spannende, komplexe postapokalyptische Saga mit mehreren Zeitebenen und Handlungssträngen. Die Ausgangssituation, die skizzenhaft, aber klar verständlich dargelegt wird, ist eine durch ein mutiertes Super-Grippevirus ausgelöste globale Mega-Katastrophe, die nur wenige überleben. Eine zentrale Rolle spielt ein von einer afroamerikanischen Autorin geschriebener, selbstverlegter und prophetischer Science-Fiction-Roman namens „Station Eleven“.
Weit vor der aktuellen, realen viralen Ausnahmesituation behandelt St. John Mandel literarisch die großen Fragen einer apokalyptischen Krise und des Umgangs damit, die uns jetzt tagtäglich herausfordern. Von HBO entwickelt, begann der Serien-dreh nach einer Idee und nach einem Drehbuch von Patrick Somerville, der bereits als Autor für die HBO-Serie The Leftovers erfolgreich tätig war, noch vor dem Ausbruch der weltweiten Covid-Krise, wurde dann aber mitten während der Dreharbeiten kalt erwischt. Nach zwei in Chicago fertig gedrehten Episoden mussten die Aufnahmen unterbrochen werden und konnten erst nach einer Pause in Oshawa und Mississauga (Ontario, Kanada) fortgesetzt werden. Die reale Pandemie floss offensichtlich in die Storyline ein, und Station Eleven erhielt als Reflexion zu gesellschaftlicher Verfasstheit und Polarisierung im menschlichen Miteinander in einer drastischen Ausnahmesituation unvermittelt eine visionäre metaphorische Ebene.
Im Zentrum der Handlung stehen Jeevan (Himesh Patel), ein Theaterbesucher, die Nachwuchs-Shakespeare-Darstellerin Kirsten (Matilda Lawler), Understudy und Protegée des großen Hollywood-Stars Arthur (Gael García Bernal). Dieser kehrt zu seinen Wurzeln im Theater zurück und gibt, von vielen heiß erwartet, in Chicago den King Lear. Dazu kommen Clark (David Wilmot), Arthursältester Freund und langjähriger Theater-Wegbegleiter, sowie Elizabeth, seine erste Frau (Caitlin Fitz Gerald, bekannt auch aus der Erfolgsserie Masters of Sex), eine erfolgreiche Schauspielerin, samt ihrem Sohn Tyler. Die spezifischen Lebensumstände dieser Menschen und ihre Geschichten vor und nach dem Ausbruch der fatalen Grippe werden breit aufgefächert. Durch Zufall und durch die rasant um sich greifende Krise werden Jeevan und Kirsten zu einer Einheit. Jeevans Schwester, die in einem Spital in der Notfallambulanz arbeitet, trägt ihm per Handy eindringlich auf, Kontakte zu Menschen strikt zu meiden, Proviant für mehrere Wochen zu beschaffen, bei seinem Bruder Frank Unterschlupf zu suchen und sich total abzuschotten. Da Kirstens Eltern nicht zu Hause sind und es keine Option ist, sie alleine zurückzulassen, nimmt Jeevan das Kind kurzerhand mit und steht bald mit ihr und mit mehreren prallgefüllten Einkaufswagen in der Lobby eines glitzernden Hochhauskomplexes in Chicago und wenig später vor der Wohnungstür seines Bruders im 42. Stock. Und noch ein wenig später finden wir uns recht abrupt zwei Jahrzehnte später in einem ländlichen, leeren, aber nicht komplett verwüsteten Amerika wieder. Kirsten (als Erwachsene gespielt von der großartigen Mackenzie Davis) zieht mit einer Schauspieltruppe namens Travelling Symphony durch die Lande.
Stärke durch Shakespeare
Mit berührender Poetik und Subtilität, gekonnt gemischt mit Suspense und Dramatik, erkundet Station Eleven die großen Fragen des Zusammenlebens und des individuellen Seins, lotet höchst aktuelle gesellschaftliche Problemfelder aus, findet Bilder und Texte für die unsere Gegenwart prägenden Dichotomien von Stadt und Land, Individualismus und Kollektivität, Gemeinwohl und Egoismus, Hoffnung und Verzweiflung, Zusammenarbeit und tiefe Spaltung, Kompromissbereitschaft und -losigkeit, Zukunftsskepsis und Endzeitromantik – und vor allem für die Bedeutung von Kunst und Kultur in allen diesen Szenarien. Dazu greifen – neben anderen – Jeremy Podeswa (Regisseur von Erfolgsserien wie Six Feet Under und Nip/Tuck) oder Helen Shaver, bekannt als Schauspielerin u. a. aus Desert Hearts und seit geraumer Zeit auch erfolgreiche (Serien-)Regisseurin, auf dramaturgisch bewährte, fast klassische Gestaltungsmethoden und die überzeugende Power von Dialog, Schauspiel, Kamera, Musik und Schnitt zurück, ohne jeden Schnickschnack. Keine teuren Visual Effects und Animationen, keine endlosen Voice-overs, um die Handlung zu erklären, sondern filmisches Gestalten, das Landschaften, Räume, Atmosphären und Charaktere effektvoll in Szene setzt, in Tönen zu changieren weiß und viele aktuelle Hollywood-Star-Vehikel gestalterisch in den Schatten stellt. Rückblenden, Zeitsprünge, manche klar im Handlungsfluss durch Text-einblendung erkennbar, andere unvermittelt und schnell wechselnd, sparsame Dialoge und viel Raum für Schauspiel mit Nahaufnahmen, dazu Panoramabilder der vereinsamten, verwüsteten Weite und Schönheit der Gegend um die Great Lakes, Raum für die Wirkung von Bildern und Text. Diese Elemente verdichten sich effektvoll in überzeugend wechselnden Grundtönen, legen Zug um Zug die Vernetzung der einzelnen Charaktere und Lebenskontexte sowie der Themen frei und verhandeln dabei paradigmatisch die großen Gegensätze und Konfliktlinien in unserer aktuellen Welt.
Für Komplexität und Einfachheit, für urbane Moderne und ländliche (Schein-)Idylle, für Individualität/Gemeinschaftssinn, Einsam- und Gemeinsamkeit und vor allem für das große Überthema der Polarisierung und der unversöhnlichen, apodiktischen Beharrung auf eigenen Positionen, Lagerdenken und Hass und Unversöhnlichkeit findet Station Eleven subtile und doch kraftvolle Ausdrucksformen, immer wieder gekonnt verwoben mit dem künstlerischen Kosmos, den die Travelling-Symphony-Truppe mit den Stücken des großen Meisters William Shakespeare auch in der Post-Apokalypse erkundet und in ihm Glück, Stärke, Hoffnung und Zuversicht findet, ohne die Verzweiflung, die Ängste, Zweifel und Rückschläge in der Gestaltung einer „Zukunft“, eines gemeinsamen Neuanfangs auszublenden.
Orte und Topoi der globalisierten Welt werden in Station Eleven in einem devastierten Umfeld nach der Krise neu definiert und nicht mehr von kapitalistischen Interessen, Medien und Konzernen und Peer-Pressure sowie Überfluss und Verschwendung definiert, sondern von den noch lebenden Menschen in ihren örtlich und zeitlich bestimmten Grundbedürfnissen und reduzierten, verlangsamten Möglichkeiten. So wird ein Flughafen-Terminal, Symbol einer sich immer in Bewegung befindlichen, komplex vernetzten Welt, geleitet von Business und Tourismus als treibende Konsum- und Identitätsmaschinen, hier zum „safe haven“. Ein hektischer Ort der Betriebsamkeit wird zum Ort der Sicherheit, der Abschottung, des Stillstands, des Verweilens und der Selbstbesinnung und Erinnerung. Für die dort durch Zufall Versammelten entsteht ein Mikrokosmos für Modelle der Selbstorganisation und der Kollektivität. Demokratische Fragestellungen und Konflikte um Leadership, Vorgaben und kollektive Entscheidungen, Verführung und Beeinflussung durch (selbsternannte) Propheten und Anführerinnen und Anführer oder Reflexion und Wissensvermittlung, die Erkundung von verlässlichen Fakten und „fake truths“, die Bedeutung von Diskurs und Kontext, die Abwägung von Argumenten, komplex und widersprüchlich, wie sie nun einmal sein können, oder das Verführerische von einfachen Wahrheiten werden politisch und künstlerisch täglich gelebt und exerziert.
Es ist ein vielfältiges Ringen um Perspektiven und um die große Frage nach Hoffnung und Zukunft in einer scheinbar ausweglosen Situation. Charaktere und Storylines lassen Widersprüche und Schmerzhaftes zu, zeigen persönliche Grenzen in den Herausforderungen. Sie alle kreisen um die Frage: Wachsen wir an der Herausforderung und finden Lösungen, oder zerstören wir Zusammenhalt und Sicherheit, bis nichts mehr übrig ist – auch keine Hoffnung?
Art Conquers All
Das „Museum of Civilization“ sammelt Artefakte einer verlorenen Vergangenheit, um diese nicht zu vergessen und ist somit auch Ausdruck/Manifest all dessen, was zu dieser massiven Krise geführt haben mag. Ein Supermarkt, in US-Size wohlgemerkt, also riesig, ein Shopping Center, einst glorioser Tempel des schier unendlichen Angebots und des immer verfügbaren Überflusses, im Zeitalter von Online-Shopping mittlerweile selbst gefährdetes Zentrum von analogem Alltagsleben, wird zum improvisierten Spital mit einer Geburtenstation hinter leeren Regalen, zum Nukleus einer weiblichen Zukunft für eine Gruppe schwangerer Frauen, die alle an diesem Unort entbinden werden und einer neuen postapokalyptischen Generation in einer neu zu gestaltenden Zukunft das Leben schenken.Mit dem Wegfall von Strom für Handys, iPads und digitale Netze sind wir nicht mehr wir selbst, weil wir essenzielle Informationen, Bilder (von uns selbst und anderen uns wichtigen Personen und Ereignissen), in Selfies manifestierte Gefühle und Momentaufnahmen nur noch in einem digitalen Raum speichern und konsumieren. Die für uns alle selbstverständliche und unverzichtbare Basis für soziale Kommunikation und Alltag bricht weg und zeigt, wie sehr unser Leben und Weltbild, unsere Wahrnehmung des Jetzt von digitalen Medien bestimmt sind. 20 Jahre nach der Katastrophe ist in Station Eleven das endlose Wissens- und Datennetz des Internets ein Ding, das nachfolgenden Generationen erklärt werden muss. Geschichte ist hier bloß anhand von analogen Geräten präsent. Die Generation Smartphone hat keine Referenz zu einem Camcorder. Nein, so ein Ding macht keine Videos, Handys taten das. Aber Schallplatten, Geschriebenes, Gedrucktes, Bücher haben auch in dieser neuen Ära immer noch eine fixe, ja ungefährdete Stellung.
Vielfältig verwobene Ebenen von Realität und Fiktion sowieAlltagsleben und künstlerischer Gestaltung in ebendiesemzeichnen Station Eleven aus, auch oder vielleicht geradewährend und nach einer Krise, die alle etablierten Sicher-und Gewohnheiten drastisch und tief erschüttert hat. Ob nun im Flughafen als künstlerischem Unort oder auf Wanderschaft wie in den Frühzeiten des Theaters: Die Shakespeare-Truppe und die Bühnentruppe der abgeschotteten Survivors aus dem letzten gelandeten Flug exerzieren Kunst und künstlerische Äußerung als integrativen Bestandteil ihres postapokalyptischen Lebens- und Selbstverständnisses. Das allein ist schon eine kraftvolle und signifikante Message von Emily St. John Mandels Buch und in der Serie kongenial umgesetzt. Lori Petty, als Sarah die musikalische Leitfigur der Traveling Symphony, praktiziert unter freiem Himmel ihr Klavierspiel, liest Partituren und bereitet als Dirigentin des Theaterorchesters neue Aufführungen und Stücke vor. Der Aufwand, einen Konzertflügel auf einem Pferdewagen „on the road“ mitzunehmen, ist nie ein Thema. Ihr Beitrag und das Klavier, die Musik sind in der Gemeinschaft essenziell und selbstverständlich. Da zieht der lange Tross der verschworenen Truppe schon mal von einem Aufführungsort zum nächsten schon mal „we want the funk … ow we need the the funk“ (von Parliament) intonierend weiter.
Eine Szene, konkret ein Vorsprechen für die Aufnahme in das erlauchte Bühnenensemble des Airport-Theaters, wird im nüchternen Flugkontrollturm ohne jede Bühne ein glänzendes Beispiel von Schauspielkunst, eine Konzentration auf den Text, den Ausdruck, der Schauspielerin/dem Schauspieler vertrauend, kraftvoll, berührend, eine persönliche Veräußerung von Ängsten, Hoffnungen und einer Vision der Welt und ihrer archetypischen Konflikte, die exemplarisch durch den Shakespeare-Text durchschillert. Grandios sind dabei Mackenzie Davis und Daniel Zovatto, und sie werden von der Kamera und vom Schnitt kongenial in Szene gesetzt.
„And worse I may be yet. The worst is not. So long as we can say ‘This is the worst’.“
Und das Theater mit den großen Dramen Shakespeares, das Arbeiten an Stücken, an Bühnen und Ausstattung, an Texten, an Charakteren, an der Orchstermusik, die Weitergabe der Literatur und der Leidenschaft für Kunst und Kultur an nachfolgende Generationen beschäftigt alle sinnstiftend. „Hamlet“ kommt dabei eine besondere Bedeutung und Funktion in Station Eleven zu. Mehrfach werden in der Darstellung des Stücks – mal klassisch, mal aktuell dekonstuierend – die Themen Vertrauen, Verrat, Rache, Loyalität, Trauer, Verlust, Vergebung, (Wahl-)Familie, Gemeinschaft, Neubeginn oder „ewiges Verfangensein in der Vergangenheit“ verhandelt. Die Figurenbesetzung changiert lustvoll genderunspezifisch, Geschlechter- und Generationenkonflikte oszillieren detailreich mit Anspielungen und Referenzen auf Historisches und aktuell Relevantes. Dem zentralen Mutter/Sohn-Konflikt widmet sich Station Eleven mit großer Hingabe und künstlerischer Vielfalt im Zusammenspiel von Text, Schauspiel, Musik, Ausstattung und dem Durchschimmern der persönlichen Geschichten der Interpretierenden in diversen Altersstufen. Wird Hamlet die Mutter für ihren Verrat bestrafen oder ihr doch verzeihen? Bleibt er in der schmerzhaften Vergangenheit verfangen, oder …? In Station Eleven vermischen sich die Realität der Theaterfiguren und die privaten Probleme und Leben der Charaktere als Fiktion in der Fiktion und verweisen gelungen und subtil für das Publikum auf dessen konkrete, pandemisch gebeutelte Wirklichkeit. Was wird es werden? Rache und totale Zerstörung oder Hoffnung, Neubeginn und eine Zukunft?
Dan Romer, der für die Originalmusik der Serie verantwortlich zeichnet, weiß verschiedenste Stile zu bedienen und integrieren, gekonnt zu zitieren: von Klassik über Minimal Music à la Philip Glass, von Jazz bis zum rhythmischen Hip-Hop und Jazz-Rap. Aus einem angeblichen Lebenszeichen anderer Überlebender nach dem Stromausfall wird mittels Tapedeck und Loops eine kongeniale Aufführung des Hip-Hop-Klassikers „Excursions“ von A Tribe Called Quest, die Hoffnung, Bewegung und Abwechslung in die permanente Stille der Überlebensverbunkerung im kalten High-End-Apartment bringt. Ergänzt wird die multimediale Soundkulisse der Serie mit gezielt platzierten Songs von Bob Dylan oder Lee Hazlewood, Funk von Parliament und Soul von Etta Jones bis Pearl Dowell, deren Bedeutung auch auf der Textebene erst beim zweiten Mal Anschauen sich so richtig erschließt und zur Geltung kommt.
Station Eleven endet nach zehn Episoden mit einem Song der Brotherhood of Man aus dem Jahr 1970 mit dem bezeichnenden Titel „United We Stand“. Was kann uns aus dem plötzlichen Nichts retten? Togetherness/Community und Kollektivität im Erinnern und ein Blick auf die Möglichkeiten des Tuns, der Veränderung? Vielleicht kann die Welt ja doch ein Ort im Sinne des altgriechischen „eutopia“, also ein „good place“ sein. Es ist toll und sehenswert, was Station Eleven dazu zu sagen und zu zeigen hat. Und es empfiehlt sich durchaus, die Serie im guten alten wöchentlichen TV-Rhythmus zu schauen. Das erhöht die Suspense und lässt Raum für lohnende Entdeckungen und kleine Momente der Erleuchtung, die ganz unerwartet im Kopf und im Gefühl auftauchen.
