Das 40. Bergamo Film Meeting punktete mit einer herausragenden Retrospektive und einem interessanten Rückblick auf sein Gründungsjahr.
Zum Jubiläum hat das kleine, aber feine Festival in der prächtigen lombardischen Stadt einen schönen Trailer anfertigen lassen, in dem die vergangenen 39 Jahre Revue passieren, allen voran die illustren Gäste, die im Laufe der Zeit die Veranstaltung besucht haben. Den Vogel schießen dabei eindeutig die Western-Legenden Ben Johnson und Harry Carey Jr. ab, die mit riesigen Texas-Hüten und sichtlich gut gelaunt für ein Foto posieren. Doch Hollywood ist fern und längst nicht mehr im Fokus des Bergamo Film Meeting – man hat sich dem europäischen Kino verschrieben.
Und doch wehte ein Hauch von Hollywood durch die diesjährige Ausgabe, denn mit dem griechisch-französischen Meister Costa-Gavras war ein Mann zu Gast, der wie kaum ein anderer “the best of both worlds” in sich vereint. Nicht nur gilt er als ein ganz Großer des (politischen) europäischen Kinos – man denke an Klassiker wie Z oder Das Verhör –, er hat es auch verstanden, sich in Hollywood nicht vereinnahmen zu lassen. Im Gegenteil: Mit Missing (1982) drehte er ein starkes Stück politisches Kino mit einer unmissverständlichen Aussage über die Verstrickung der CIA und des US-Militärs in den Pinochet-Putsch in Chile 1973. Costa-Gavras und Ko-Autor Donald Stewart erhielten dafür den Oscar für das beste Drehbuch, während der grandiose principial cast (Jack Lemmon und Sissy Spacek) leer ausging. Neben Betrayed (1988), in dem er sich mit dem Ku-Klux-Klan auseinandersetzte, und der ein wenig plakativen Holocaust-Aufarbeitung Music Box (mit der Oscar-nominierten Jessica Lange und Armin Mueller-Stahl, 1989) drehte Costa-Gavras 1997 mit Mad City einen Genrefilm, der dennoch eminent politisch ist: John Travolta trifft als gekündigter Museumsangestellter Sam, der quasi unfreiwillig seine Ex-Chefin und eine Gruppe gerade im Museum befindlicher Kinder in Geiselhaft nimmt, auf den ebenfalls anwesenden TV-Reporter Max Brackett (Dustin Hoffman), der eine Chance wittert, seine etwas erlahmte Karriere wieder in Schwung zu bringen. Draußen vor dem Museum versammeln sich, klar, Heerscharen von Polizei und eine Medienmeute, die darauf warten, dass etwas “Handfestes” passiert. Mad City ist ein bitterböse Satire auf die Quotengeilheit der US-Networks, die noch während der Geiselnahme mittels Test-Polls abfragen, ob es sich lohnt, den armen Proletarier Sam zu unterstützen, und auf die Sensationslust der Öffentlichkeit.
Der 89-jährige Costa-Gavras ließ es sich in Bergamo nicht nehmen, ein von Witz und Weisheit geprägtes kleines Pressegespräch abzuhalten und war auch mehrfach bei den Filmvorführungen anwesend, scheinbar mühelos und ohne Ermüdungserscheinungen. Die ganze – zur Gänze restaurierte – Pracht seines reichhaltigen Œuvres sehen zu können (inklusive seines 1958 gedrehten Studenten-Kurzfilms Les Ratés), war die Reise schon wert. Schon sein erster Langfilm Compartiment tueurs (Mord im Fahrpreis inbegriffen, 1965), eine in halsbrecherischem Tempo ablaufende Krimi-Paraphrase, versammelte das Who Is Who des französischen Films: Yves Montand, mit dem er noch öfter zusammenarbeitete, Michel Piccoli, Simone Signoret, Charles Denner, Jacques Perrin und Jean-Louis Trintignant. Nach einer Reihe harter politischer Filme – neben den beiden erwähnten Klassikern auch noch État des siège (Der unsichtbare Aufstand, 1972) und Section spéciale (1975) – drehte Costa-Gavras mit Johnny Hallyday und Fanny Ardant die Gaunerkomödie Conseil de famille (1976) und, wieder mit Montand und erstmals mit Romy Schneider, Clair de femme (Die Liebe einer Frau, 1979), ein ein wenig exzentrisches Liebesmelodram. Dann ging die Reise, wie gesagt, nach Hollywood.
Aber auch Costa-Gavras’ hierzulande kaum bekanntes Spätwerk kann sich sehen lassen, etwa die pechschwarze Komödie Le couperet (Die Axt, 2005) oder das geradezu prophetische Drama Eden à l’Ouest (Eden Is West) von 2009, in dem sich ein Flüchtling namens Elias, der – ausgerechnet – in einem griechischen Nobel-Resort mit FKK-Strand an Land geschwemmt wird, auf die beschwerliche Reise zu seinem “Traumziel” Paris begibt. Der scharfen Beobachtungsgabe des Meisterregisseurs entgehen die teilweise haarsträubenden Absurditäten, die Elias auf seiner Odyssee begegnen, natürlich nicht.
Neben dieser herausragenden Retrospektive für einen Großen des Kinos erwies sich auch der Rückblick auf das erste Festival-Programm von 1983 als sehr aufschlussreich. Prominente Namen waren da vertreten, wie Robert Bresson (Das Geld), Éric Rohmer (Pauline am Strand), Maurice Pialat (Auf das, was wir lieben), Bill Forsyth mit seinem kauzigen Local Hero, Pedro Almodóvar (Dark Habits), Imamura Shohei (The Ballad of Narayama), Aki Kaurismäki (Crime and Punishment), Terence Davies mit seiner Trilogie und noch einige andere. Nicht alle diese Filme, man muss es leider sagen, haben die 40 Jahre gut überdauert, ganz besonders nicht die von Rohmer und Pialat, die mit ihrem Wortreichtum und ihren oft recht unmotivierten emotionalen Ausbrüchen doch einigermaßen an den Nerven zehrten. Und der Blick der beiden Herren auf noch dazu sehr junge weibliche Körper wirkt heute zumindest befremdlich.
Neben aller Rückschau hat das Festival in Bergamo natürlich auch einen aktuellen Wettbewerb aufzuweisen, in dem – ein wenig ähnlich wie bei Crossing Europe in Linz – jüngeres europäisches Kino im Vordergrund steht. Hier ließen sich durchaus Entdeckungen machen, wie die slowenische schwarze Komödie Inventory von Darko Sinko, die deutsche Coming-of-Age-Geschichte Die Saat von Mia Maariel Meyer oder die intensive rumänische Gesellschaftsstudie Crai nou (Blue Moon). Die junge Regisseurin Alina Grigore wurde dafür von der Jury unter Vorsitz von Volker Schlöndorff mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Auch auf diesem Gebiet gibt es in Bergamo eine Besonderheit: Der Hauptpreis des Festivals wird nicht von der Jury vergeben, sondern vom Publikum mittels Abstimmungszettel. Und dieses entschied sich für den französischen Film Sentinelle Sud (South Sentinel) von Mathieu Gérault. Darin geht es um einen aus Afghanistan zurückgekehrten Soldaten, der große Probleme hat, mit dem Erlebten – seine Einheit wurde bei einem Anschlag nahezu ausgelöscht – ins Reine zu kommen. Ein starker Film, fast im Geiste von Costa-Gavras.
