Outer Range

Serienstart | Interview

Raue Schale, weicher Kern

| Pamela Jahn |
Der Schauspieler Josh Brolin im Gespräch über die Amazon-Original-Miniserie „Outer Range“, das Western-Genre und darüber, wer er wirklich ist.

Josh Brolin wirkt entspannt, so als könnte ihm die Welt gerade nichts anhaben. Allerdings nicht, weil er das überstrapazierte Tough-Guy-Image an den Tag legt, das ihm so hartnäckig anhaftet. Sondern weil er mehr als je zuvor bei sich selbst zu sein scheint – und man gönnt es ihm gern. Seinen ersten Leinwandauftritt hatte der 1968 in Kalifornien geborene Schauspieler Mitte der achtziger Jahre in Die Goonies, doch der große Durchbruch ließ auf sich warten. Viel zu lange stand er im Schatten seines Vaters, des zweifachen Golden-Globe-Gewinners James Brolin. Immer wieder wurde er in der erste Hälfte seiner Karriere entweder als Schwiegersohn von Barbra Streisand oder Ehemann von Diane Lane wahrgenommen als vielmehr für seine beachtlichen Leinwandauftritte in Filmen wie Guillermo del Toros Mimic, Ole Bornedals Nightwatch oder Paul Verhoevens Hollow Man. Erst mit der Hauptrolle in dem Neo-Western No Country For Old Men von Ethan und Joel Coen, seiner Oscar-Nominierung für seine Nebenrolle in Gus van Sants Aktivisten-Drama Milk sowie einer Tour-de-Force-Performance als George W. Bush in Oliver Stones W sollte sich das langfristig ändern. Nun wendet sich Brolin nach lange TV-Pause erstmals wieder einer Fernsehrolle zu. Outer Range ist eine Western-Miniserie mit Mystery-Elementen, die um den Viehzüchter Royal Abbott und dessen Familie kreist. Doch der in sich gekehrte Ranger muss nicht nur um sein Land und mit privaten Schicksalsschlägen kämpfen, sondern er bekommt es zudem mit übernatürlichen Kräften zu tun, als er eines Tages ein schwarzes Loch auf seiner Weide entdeckt.

Herr Brolin, Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere in mehreren TV-Serien mitgewirkt und sich dann lange Zeit auf das Kino konzentriert. Was hat Sie an diesem Projekt gereizt, dass Sie sich jetzt wieder dem Fernsehen zuwenden?
Josh Brolin:
Das Fernsehen ist heute besser und reicher als vor 20 Jahren. Es ist ein völlig anderes Medium als damals. Und daran wollte ich mich gerne ausprobieren. Außerdem gab es ein paar Dinge, die mich am Drehbuch faszinierten. Zunächst einmal, dass die Serie das Western-Genre komplett auf dem Kopf stellt. Ich fühlte mich an die frühen Werke von Sam Shepard erinnert. Mich hat das Hybride in seinen Stücken immer begeistert. Und ich kenne niemanden, dem das so sehr gelungen ist wie ihm. Immer wenn ich neuen kreativen Zündstoff für meine eigene Arbeit brauche, nehme ich seine Werke zur Hand. Manchmal lese ich auch Samuel Beckett oder Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“. Mich hat immer interessiert, welche Absicht Artaud damit verfolgte, ganz gleich für wie wahnsinnig ihn viele hielten oder wie geisteskrank er in seinem späteren Leben dann auch wurde. All das hat mich schon in meiner Jugend gefesselt, und das Drehbuch hat diese frühe Faszination neu aufleben lassen.

Gab es noch andere Gründe?
Ja, die Tatsache, dass es ein großes Experiment war. Ich bin ja auch als Produzent eingestiegen und da ging es darum, die richtigen Leute zu finden, das richtige Team. Ich fand es immer toll, mit Regisseuren wie Oliver Stone oder den Coen-Brüdern zu arbeiten, weil sie wissen, was sie tun und fast immer auch dieselbe Crew um sich scharen. Das bringt einen enormen Vorteil mit sich, nicht nur aus schauspielerischer Sicht, weil es einem vor der Kamera Sicherheit gibt, sondern auch, weil man dadurch leichter einen bestimmten Ton kreieren kann. Und hier war das ganz anders. Alles war neu, alles fühlte sich viel mehr nach Risiko an, als ich das in den letzten Jahren gewohnt war. Auch in der Hinsicht war es eine ungemein inspirierende Erfahrung für mich.

Sie haben das hybride Element der Geschichte angesprochen. Es geht um den Kampf einer Familie von Viehzüchtern, die ihr Land und ihre Zukunft verteidigen müssen. Aber es spielen auch übernatürliche Kräfte mit hinein.
Das ist das Großartige an der Story. Man wird in das Leben der Familie hineingezogen, aber dann ist da dieses große schwarze Loch. Und ohne zu sehr ins Philosophische abdriften zu wollen, fragt man sich: Was ist das? Wofür steht das Loch? Was hat es damit auf sich? Welches Geheimnis verbirgt sich dahinter? Oder ist das Ganze vielleicht nur eine Einbildung? Es hat ja immer ein Stück weit damit zu tun, was man selbst in die Geschichte einbringt. Und für mich war es das, die Rätselhaftigkeit, der Doppelsinn, und wie wir als Menschen darauf reagieren, was das Schicksal für uns bereithält.

Inwieweit haben Sie sich in der Figur Royal Abbott auch selbst wiedergefunden?
Ich versuche, stets ehrlich zu sein und ich weiß, dass ich kein schlechter Kerl bin. Ich bin ein Familientyp, wie Royal. Und ich fand es interessant, eine Figur zu spielen, die so verletzlich und so in sich gefangen ist, ohne dass man es ihm äußerlich ansehen würde. Ich habe gerade eine Komödie mit Peter Dinklage abgedreht, Brothers. Und darin spiele ich einen Typen, der sich auch körperlich über seine Opferrolle definiert, der etwas übergewichtig ist und einfältig. Royal dagegen ist ein Mannstyp, ein Ranger mit einer harten Schale, die nach und nach zu zerbrechen droht.

Wie erklären Sie sich die enorme Popularität des Western-Genres in der heutigen Zeit?
Jedes Genre hat seine Zeit und seinen Kreislauf. Ich weiß noch, als wir True Grit drehten, schien es aus rein ökonomischer Sicht das Dümmste, was man machen konnte. Und dann wurde es für die Coen-Brüder der größte Erfolg überhaupt. Und ich weiß nicht, ob es daran liegt, aber das Western-Genre repräsentiert in den meisten Fällen eine Zeit, in der die Dinge einfacher waren, und daran ist eine bestimmte Nostalgie geknüpft. Mein Vater hat immer davon gesprochen, wie es war, als er zur High School ging und man auf dem Sunset Boulevard noch die Autos zählen konnte. Und ich kann diese Sehnsucht nach einer simpleren Vergangenheit verstehen. Denn die Welt, in der wir heute Leben, ist ein einziges Chaos, und wir sind permanent damit beschäftigt, uns neu zu orientieren, abzuwägen, Entscheidungen zu treffen, um zu überleben. Und darum geht es ja auch in unserer Geschichte. Es geht um einen Mann, der mit dem überfordert ist, was auf ihn zukommt, und der durch seine Art, damit umzugehen, die ganze Familie mit in den Untergang reißt.

Sie haben in New Mexico gedreht. Fühlen Sie sich dort schon wie zuhause?
Ich liebe Santa Fe, das Land und die Leute. Wir haben sowohl No Country for Old Men als auch True Grit dort gedreht, und es ist nicht schwer für mich, dort viel Zeit zu verbringen.

Liegt Ihnen das Cowboy-Leben nahe?
Ich habe mein Leben lang im Sattel gesessen. Für mich ist das kein Problem. Bei Lili Taylor, die meine Frau spielt, sah das etwas anders aus. Sie kommt aus New York. Ich weiß noch, damals bei Young Riders hatte ich auch einen Haufen Städter um mich, allen voran Stephen Baldwin, der behauptete, er wäre sattelfest. Und kaum wurde es ernst, war klar, dass er vom Reiten keine Ahnung hatte. Aber Lili hat extrem hart daran gearbeitet, das muss man ihr lassen. Ich habe großen Respekt davor, wie sie sich da reingekniet hat.

Haben Sie ein spezielles Verhältnis zu Pferden?
Pferde können alle möglichen Emotionen in uns Menschen hervorrufen. Es gibt neuerdings wohl auch ein Therapieverfahren, bei dem man inhaftierte Kriminelle zum Reiten bringt, weil Pferde etwas in uns auslösen, das überwältigend und unkontrollierbar ist. Ein Pferd spürt sofort, was in dir vorgeht. Und es spürt, wenn du Angst hast und reagiert dementsprechend.

Wie hat die Arbeit im Western-Genre Ihre Vorstellung von Männlichkeit geprägt?
Ich denke, darum liebe ich das Genre so sehr, weil es eine Art von Männlichkeit repräsentiert, die mir im wahren Leben eher fremd ist. Das hängt damit zusammen, dass ich ein Faible für Gegensätze habe. Sehen Sie, ich habe meinen Cowboy-Hut direkt hier neben mir liegen. Ich bin auf einer Ranch aufgewachsen und mit einer strengen texanischen Mutter. Immer wieder werde ich als der ultimative harte Kerl verkauft, als der Mann fürs Grobe. Die Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus. Ich bin emotional wie Wackelpudding, ein Gefühlstyp, vor allem seit ich Kinder und einer Familie habe.

Wie war das früher?
Als ich jünger war, habe ich gegen meine Gefühle angekämpft. Das hat jedoch lediglich dazu geführt, dass ich frustriert und verstört war. Und ich weiß nicht, ob es mit dem Alter zu tu hat oder mit meiner Familie, wahrscheinlich beides. Ich krieche derzeit mit einem einjährigen Baby und einer Dreijährigen zu Hause auf dem Teppich herum. Aber ich finde das nicht albern, sondern einfach nur wunderbar. Und natürlich muss man als Elternteil auch hart sein können, doch es kommt viel mehr darauf an, dass man sich dem Chaos hingeben kann, und dass man den Moment genießt, weil man sonst etwas unheimlich Wertvolles verpasst im Leben. Ich denke, diese Erfahrungen haben mich über die Jahre mitfühlender und aufmerksamer gemacht, menschlicher eben. Und das sage ich nicht mit der Arroganz eines Besserwissenden, sondern als jemand, der selbst überrascht ist über diese Einsicht. Heute weiß ich, dass ich früher viel Zeit verschwendet habe. Aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt.