Die Odyssee (Animation 2021)

Filmkritik

Die Odyssee

| Alexandra Seitz |
Eine in herrliche Bilder gesetzte schreckliche Geschichte fängt unsere Gegenwart in einem Brennglas ein.

Mit den Mitteln des Märchens erzählt die mehrfach preisgekrönte Animationsfilmerin und bildende Künstlerin Florence Miailhe in ihrem ersten Langfilm Die Odyssee die Geschichte der halbwüchsigen Geschwister Kyona und Adriel. Deren Dorf wird eines Tages von Soldaten überfallen, woraufhin die Eltern beschließen, mit den Kindern in ein anderes, ein gelobtes Land zu fliehen. Doch schon bald gerät die Familie in eine Kontrolle und wird getrennt, fortan sind Kyona und Adriel auf sich gestellt. Sie schließen sich einer Gruppe Jugendlicher an, die am Rande einer großen Stadt auf einer Müllhalde lebt; sie werden gefangen und verkauft an ein reiches Ehepaar, das sie wie Spielzeug behandelt; sie laufen davon und verlieren einander in einem Schneesturm im Wald; sie finden einander bei einem Zirkus wieder – und immer weiter geht die ruhelose Bewegung durch die meist feindlichen Räume, in der Hoffnung, dass das Versprechen einer glücklicheren Zukunft in einer neuen Heimat endlich doch noch eingelöst wird.

Vertreibung und Flucht, generell Migrationsbewegungen sind menschheitsgeschichtliche Konstanten und mit brutaler Wucht plagen sie unsere Gegenwart. Insofern ist Die Odyssee ein schmerzhaft aktueller Film. Doch die Arbeit an ihm begann bereits 2006, als die 1956 in Paris geborene Miailhe die Idee entwickelte und dabei auf ihre eigene Familiengeschichte zurückgriff: Die Urgroßeltern waren zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts vor antisemitischen Pogromen aus Odessa geflohen. Als Inspirationsquelle dienten außerdem die Skizzenbücher der Mutter, der Kunstmalerin Mireille Miailhe, aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Das Drehbuch, das schon 2010 auf dem Premier Plans Festival in Angers ausgezeichnet wurde, schrieb Florence Miailhe gemeinsam mit ihrer regelmäßigen Kollaborateurin, der Schriftstellerin Maria Desplechin. Dann vergingen noch einmal fast zehn Jahre, bis die Finanzierung des Projektes endlich stand und es in Studios in Frankreich, Deutschland und der Tschechischen Republik in einer der aufwändigsten Tricktechniken realisiert werden konnte: Die Odyssee ist in Öl auf Glas handgemalt.

Der Stil der Bilder ist schlicht und erinnert an naive Malerei, unterwirft sich jedoch keinem naturalistischen Dogma, sondern überschreitet, darin seinen Protagonisten ähnlich, immer wieder die Grenzen. Dann reicht die Malerei ins fantastisch Transformative und schafft auf diese Weise ebenso leuchtende wie einleuchtende Räume für die Gefahr, wie für das Rettende.