Jedes Frühjahr wird Stuttgart zum Mekka des Animationsfilms, der digitalen Effekte und Games.
Neben dem Internationalen Trickfilmfestival Stuttgart (ITFS) gibt es die englischsprachige FMX-Konferenz – die inzwischen wieder „Film and Media Exchange“ heißt. Beim Animation Production Day geht es um die Finanzierung neuer Projekte. Die Veranstaltungen fanden zum ersten Mal hybrid vor Ort und im Netz statt und werden die nächsten Tage online fortgesetzt.
Endlich wieder Festival Feeling
Eine positive Bilanz zog das das ITFS. Mit knapp 2.100 Filmen aus 80 Ländern wurden so viele Produktionen eingereicht wie nie zuvor. Das Zuschauerinteresse in den Kinos und beim Open Air sank zwar auf etwa 55.000 Besucher, aber das ITFS rechnet bei der Online-Nutzung mit 20.000 Views und weltweiter Nachfrage. Der künstlerische Leiter Ulrich Wegenast betonte, dass das Festival trotz schwieriger Rahmenbedingungen ein inhaltlich vielfältiges Programm bieten konnte, „das sich mit den brennenden Fragen unserer Zeit beschäftigte und einmal mehr verdeutlichte, dass Animation und Games gesellschaftlich und künstlerisch überaus relevante Medien für Erwachsene sind!“.
Den Grand Prix, dotiert mit 15.000 Euro, gewann der chilenische Film Bestia von Hugo Covarrubis, über eine Polizeiermittlerin während der Militärdiktatur. Mit dem Lotte Reiniger-Förderpreis für den besten Abschlussfilm (10.000 Euro) ausgezeichnet wurde der französische L’Immoral von Ekin Koca über die Schockstarre der Gäste in einem Lokal, als ein Gast kollabiert. Der Trickstar Nature Award (7.500 Euro) ging an den Holländer Jorn Leeuwerink für Varken, in dem ein Schwein einen Ort mit Strom versorgt. Den SWR-Publikumspreis (6.500 Euro) gewann der deutsche Beitrag Bis zum letzten Tropfen, in dem ein Patient während der Chemotherapie mit seinem Infusionsständer kämpft.
Fluchtgeschichte ist bester Langfilm
Die AnimaDoc-Produktion Flee von Jonas Poher Rassmussen war der Sieger als bester Langfilm. Es ist die dramatische Geschichte der Flucht des 16-jährigen Afghanen Amin nach Dänemark. Flee war für drei Oscars nominiert und in Sundance der beste Dokumentarfilm. Bei ITFS lieferten Line Producerin Charlotte Sanchez und bei der FMX Art Directorin Jess Nichols die Hintergründe zu dieser Produktion. Beide betonten, welche Herausforderung es bedeutet, einen dokumentarischen Stoff als Animationsfilm umzusetzen, da die gezeichneten Bilder eine längerfristige Planung verlangen. Die Graphic Novel wird ergänzt durch historische Aufnahmen verschiedener Stationen der Flucht, die ein Zeitgefühl vermitteln.
Das ITFS und die AG Animationsfilm veröffentlichten eine Erklärung, in der sie forderten, dass in Deutschland mehr Animationsfilme für Erwachsene ermöglicht werden sollten. Solche Stoffe seien durchaus auf dem Markt, würden jedoch selten realisiert. Sowohl Filmförderungen als auch Fernsehsender konzentrieren sich auf Animationsfilme für Kinder. Als ersten Schritt fordern sie eine höhere Förderung für animierte Kurzfilme, die sich an ein erwachsenes Publikum wenden.
Österreich war diesmal der Länderschwerpunkt gewidmet. Willkommen in Siegheilkirchen (Rotzbub) von Markus H. Rosenmüller war ein brillantes Beispiel, welche Qualität ein Animationsfilm für Erwachsene haben kann. Auch wenn es um die Pubertätsjahre des Zeichners Manfred Deix geht, wird mit schwarzem Humor eine Welt zwischen rechts-nationalen Männern und vollbusigen Frauen gezeichnet. Neben Flee war dies einer der Höhepunkte des Festivals. Außerdem gab es zwei Kurzfilmprogramme mit experimentellen Produktionen, animierte Musikvideos und drei Studiopräsentationen (LWZ Design, Arx Anima, Causa Creations).
Animationen in Echtzeit
Bei der FMX – Film Media Exchange ging es um aktuelle Entwicklungen bei der Film- und Spieleproduktion. Diese Bereiche wachsen immer enger zusammen. Unter dem Motto „Changing the Game“ gaben mehr als 300 internationale Referentinnen und Referenten in mehr als 180 Präsentationen und 60 Live-Q&As im Stuttgarter Haus der Wirtschaft bzw. im Netz Einblicke in ihre neuen Projekte. An der Konferenz nahmen rund 3.300 Menschen aus mehr als 60 Ländern teil, und das Publikum war dies mal auffällig jung. Auf der FMX konnte jeder eine Virtual Production Stage ausprobieren. So konnte man Echtzeittechnologie hautnah erleben. Dies war eines der wichtigen Themen in diesem Jahr, wie auch die Keynote von Hasraf ‚HaZ‘ Dulull zur Eröffnung deutlich machte. Denn neue Technologien ermöglichen die Veränderungen und Entwicklung von Animationen in Echtzeit. Die beteiligten Gewerke können so das Design des Films zusammen entwickeln. Die einmal festgelegten Sets können dann für Filme ebenso wie für Spiele oder VR-Anwendungen genutzt werden. Die Effektivität wird dadurch gesteigert, aber etwas verloren geht dabei, dass es manchmal auch Zeit braucht, um Geschichten kreativ zu entwickeln.
