Alice Schwarzer Film

Filmkritik

Alice Schwarzer

| Barbara Reumüller |
Annäherung an die Ikone der zweiten deutschen Frauenbewegung

Alice Schwarzer, die nach fünf Jahrzehnten immer noch aufmerksame und scharfsinnige Journalistin und Aktivistin, feiert im Dezember ihren 80. Geburtstag. Wesentlich geprägt wurde sie von ihrer Kindheit mit viel Freiheitssinn, Liebe und Akzeptanz in Wuppertal, von einem für die damalige Zeit außergewöhnlich feministischen Großvater und einer intellektuellen, herausfordernden Großmutter. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Neugier fanden Unterstützung und Ermunterung. Mit 21 ging sie nach Paris und fand schnell Zugang in die bestimmenden intellektuellen Zirkel, war mit De Beauvoir und Sartre befreundet, nahm an Aktionen der gerade entstehenden Frauenbewegung teil, beteiligte sich an großen Märschen und der legendären Kampagne von 343 prominenten Frauen, die 1971 im „Nouvel Observateur“ öffentlich deklarierten, abgetrieben zu haben. Es ging um mehr Rechte und Selbstbestimmung in allen Teilen der Gesellschaft. Denn auch in den progressiven Zirkeln war das patriarchale Rollenverständnis tief verwurzelt.
Scharfer Intellekt, Wortgewalt und Mut zeichnen Schwarzer aus, als sie in den Siebzigern die deutsche Nachkriegsgesellschaft und deren unverhohlenen Sexismus, vor allem in der Medienwelt, aufzumischen beginnt. Legendär sind ihre TV-Duelle mit Alphamännern wie Henri Nannen, Rudolf Augstein oder Schauspielmacho Klaus Löwitsch. Schwarzer argumentiert präzise, mitunter ironisch-entwaffnend, auch wenn ihre Gegenüber oft mit persönlichen Untergriffen kontern. Sie wird zum Reibebaum für Männer, aber auch einige Frauen, die mit ihrem Mut, sich Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu nehmen, Probleme haben. Schwarzer polarisiert, greift unpopuläre Themen auf, vertritt unbequeme Positionen und ist vielfach ihrer Zeit weit voraus.
Ihre internationale Vernetzung wird in Derflingers Film in vielen schönen und wohlgewählten Originalaufnahmen deutlich, ebenso Schwarzers visionäre filmische Beiträge über Simone de Beauvoir oder über gewalt- und gefahrlose Abtreibungen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zensiert wurden. Leider werden diese Pretiosen mit wichtigen und heute noch relevanten Messages von vielen wenig gelungenen, langatmigen aktuellen Szenen überlagert. Zudem fehlt dem Film und dem Material eine Struktur, ein Rhythmus und vor allem ein wirkliches Narrativ, das die beachtliche Lebensgeschichte, die wichtigen Themen und ihre Aktualität und die persönliche Komponente der sehr zugänglichen und menschlichen Feministin und Denkerin zum Vorschein bringt. Eine bedauerlich vergebene Chance. Am besten Schwarzer lesen – ihre Bestseller-Bücher, z. B. über De Beauvoir und Romy Schneider, und natürlich immer noch „Emma“, druckfrisch auf Papier und online.