Filmkritik

One Of These Days

| Alexandra Seitz |
Was Armut mit den Menschen macht, und was die Anderen damit zu tun haben.

Ein Haufen Leute hält sich an einem Mordstrumm vom Auto fest. Wer zuletzt loslässt, hat gewonnen. Nein, dies ist nicht der umnachtete Einfall eines deliranten Drehbuchautors, dies ist, mal wieder, die Wirklichkeit – unübertroffen in der Kreation absurd-abstruser Phänomene, über die die abgeklärte Zeitgenossin gerne lachen würde, wenn es nicht so bitter wäre. Die Geschichte also, die Bastian Günther in One of These Days – uraufgeführt im Panorama der Berlinale 2020 – erzählt, beruht auf einem tatsächlichen Ereignis.

Alljährlich veranstaltet das Autohaus einer Kleinstadt in der texanischen Provinz den sogenannten „Hands-On-Contest“: Dabei nehmen die Teilnehmer Aufstellung rund um einen nagelneuen Pick-Up-Truck, auf den sie ihre Hände legen; wer diese dort sodann am Längsten behält, gewinnt das Gefährt. Zu Beginn stehen 20 arme Schweine um das Statussymbol herum, darunter der junge Familienvater Kyle, der endlich nicht mehr auf den großen Wagen seines Schwagers angewiesen sein will, wenn die eigene kleine Schrottkarre mal wieder schlapp macht. Denn jedes Mal schaut ihn der Schwager dann so verächtlich an, ihn, den Loser, der zu Fuß gehen muss.

Das Szenario „Ausdauerwettbewerb“ erinnert natürlich nicht umsonst an They Shoot Horses, Don’t They?, in dem Sydney Pollack 1969 ein während der Depressionsjahre in den USA virulentes Phänomen aufgriff, um soziale Ungleichheit, Ausbeutungsstrukturen und die zynischen Mechanismen von Entertainment aufs Korn zu nehmen. In Pollacks Film ist es ein Tanzmarathon, den die gesellschaftlich Abgehängten vor zahlendem Publikum bis zum Kollaps absolvieren. Bei Günther stehen sie unter einem Partyzelt auf einem Parkplatz, kämpfen gegen Erschöpfung, Verzweiflung und Wahn, und bilden die Hauptattraktion eines jämmerlichen Jahrmarkts inklusive Hüpfburg, Barbecue und Live-Berichterstattung des lokalen TV-Senders.

Kernthema dieses von einem tüchtigen Ensemble getragenen Kammerspiels im Freien ist die ungleiche Chancenverteilung im Kapitalismus, die weniger ruhmreiche menschliche Eigenheiten wie Schadenfreude und Voyeurismus befördert. Die Demütigung der weniger Privilegierten dient dem Amüsement der Bessergestellten – auch viele Reality-TV-Sendungen bedienen sich dieses Musters; und hier wie dort stellt sich die Frage nach der Verantwortung des Publikums mit Dringlichkeit. Denn der niederschmetternde Ausweg, den Kyle schließlich für sich findet, ist Empörung, Anklage und Hilfeschrei zugleich.