Cannes Blog 1

Cannes bleibt Cannes

| Pamela Jahn |
Zum 75. Jubiläum wartet das Festival von 17. bis 28. Mai mit einem Programm auf, das großes Kino verspricht.

Alles wie gehabt: Es ist Mitte Mai in Cannes, die Sonne scheint, auf der Croisette wimmelt es von Menschen, die alle irgendwie irgendwas mit Film zu tun haben, und vor dem großen Premierenkino Grand Théatre Lumière wird noch schnell der rote Teppich gesaugt. Heute Abend geht es los, und es liegt deutlich spürbar ein Gefühl der Erleichterung in der Luft. Zwar wird das Tragen von Masken im Palais und in dem Kinos offiziell weiterhin empfohlen. Aber die strengen Corona-Regeln vom letzten Jahr sind weg und dafür die Stars wieder da. Das passt gut, denn das wichtigste Festival der Branche feiert heuer seine 75. Ausgabe, und es scheint, als wollten diesmal wieder alle dabei sein.

Den inoffiziellen Auftakt macht am morgigen Abend Tom Cruise, dessen lang erwartete Fortsetzung des Kultklassikers Top Gun insgesamt mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als der eigentliche Festival-Eröffnungsfilm. Aber auch Final Cut von Michel Hazanavicius sorgte bereits im Vorfeld des Festivals für Schlagzeilen: Die Zombie-Komödie des französischen Regisseurs (The Artist) sollte im Original ursprünglich „Z“ heißen. Doch angesichts des Krieges in der Ukraine hat man sich kurzfristig entschieden, den Film umzubenennen. Der Buchstabe erinnere zu offensichtlich an das Zeichen auf russischen Panzern, das in der internationalen Öffentlichkeit in den vergangenen zwei Monaten zu einem Symbol für die Unterstützung des russischen Angriffskrieges wurde.

Ansonsten ist es fraglich, wie Cannes mit der aktuellen Kriegssituation umgeht. Sicherlich ist es positiv zu werten, dass der inzwischen in Berlin lebende Kreml-kritische russische Filmemacher Kirill Serebrennikow seinen neuen Film Tchaikovsky’s Wife, immerhin sein dritter Beitrag im Wettbewerb, heuer persönlich präsentieren kann, nachdem ihn ein von Putins Regierung auferlegter Hausarrest in den Jahren stets daran hinderte. Und auch dass der letzte Film von Mantas Kvedaravicius, der im April in Mariupol erschossen worden war, nachträglich ins Programm aufgenommen wurde, ist richtig und wichtig. Der litauische Regisseur war in die belagerten Hafenstadt gereist, um die mutmaßlichen russischen Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Doch im gleichen Atemzug kurzfristig alle russischen Journalisten und Journalistinnen auszuladen, ganz gleich, ob sie dem Kreml nun positiv oder wie Serebrennikow ausgesprochen kritisch gegenüberstehen, ergibt wenig Sinn.

Bleiben wir also bei den Filmen. Sowohl der Opener Final Cut als auch Top Gun: Maverick laufen im Programm beide „Außer Konkurrenz“, ebenso wie Baz Luhrmanns gehypter Elvis mit Tom Hanks, der darin den legendären Manager des King of Rock’n‘ Roll, Colonel Tom Parker, spielt. Darüber hinaus meldet sich neben Luhrmann auch sein australischer Landsmann George Miller sieben Jahre nach Mad Max: Fury Road in Cannes zurück, diesmal mit Three Thousand Years of Longing, einem romantischen Fantasy-Drama mit Tilda Swinton und Idris Elba in den Hauptrollen. Zusätzlichen Glamour in der Sektion und vor allem auf dem Roten Teppich verspricht zudem die französische Schauspielerin und Sängerin Isabelle Adjani, die in Nicolas Bedos‘ an der Riviera spielendem Masquerade einen Ex-Filmstar verkörpert.

Im Internationalen Wettbewerb tummeln sich in diesem Jahr regelrecht die großen Namen und – hoffentlich – noch größeren Filme. James Gray hat mit Armageddon Time einen Film über seine Kindheit in Queens, New York, in den achtziger Jahren gedreht und dafür Anthony Hopkins, Anne Hathaway und Jeremy Strong vor die Kamera geholt, während David Cronenberg acht Jahre nach seiner Hollywood-Groteske Maps to the Stars mit seinem neuen Body-Horrorfilm Crimes of the Future (mit Kristen Stewart und Viggo Mortensen) an die Croisette zurückkehrt, in dem Viggo Mortensen, Kristen Stewart und Léa Seydoux agieren. Armageddon Time ist neben Kelly Reichardts Showing Up mit Michelle Williams die einzige US-amerikanische Produktion unter den insgesamt 21 Titeln, die in diesem Jahr um die Goldene Palme konkurrieren. Die eigentlichen Schwergewichte kommen dieses Jahr aus Asien und Europa.

Der japanische Regisseur Kore-eda Hiokazu, der 2018 den Hauptpreis für Shoplifters gewann, präsentiert seinen neuen Film Broker, auf den man vor Ort mindestens genauso gespannt ist wie auf Park Chan-wooks Mystery-Crime-Drama Decisicion to Leave. Auch der Südkoreaner wurde in der Vergangenheit sowohl für Oldboy (2004) als auch für Thirst (2009) in Cannes geehrt. Ob es diesmal für die wichtigste Auszeichnung reicht, wird sich zeigen. Denn auch aus Frankreich und Skandinavien kommt starke Konkurrenz, die es der Jury unter der Leitung von Schauspieler Vincent Lindon in diesem Jahr schwer machen dürfte.

Da wären zunächst die Cannes-Veteranen Jean-Pierre und Luc Dardenne, die mit Tori and Lokita pünktlich zum Festival ein neues Drama fertig haben, ebenso wie der Rumäne Cristian Mungiu (RMN), dessen Debüt Occident vor genau zwanzig Jahren in der Sektion Directors‘ Fortnight uraufgeführt wurde. Zu den alteingesessenen Autorenfilmern, die für Aufsehen sorgen könnten, zählen unter anderem Ruben Östlund mit Triangle of Sadness, Tarik Salehs politischer Thriller Boy from Heaven sowie Holy Spider des in Dänemark lebenden Iraners Ali Abbasi, dessen herrlich skurriler Film Border 2018 den Hauptpreis in der Sektion Un Certain Regard gewann. Damals gelang es ihm, eine seltsam wirksame Mischung aus Fantasy, skandinavischem Krimi und Romanze in einem seltsamen Märchen für die Außenseiter dieser Welt zu vereinen. Diesmal basiert sein Film auf der wahren Geschichte und handelt von einer Journalistin, die einem Serienmörder auf der Spur ist, der sich auf Prostituierte konzentriert.

Schade ist, dass trotz des großen Triumphs von Julia Ducournau mit Titane im Vorjahr die Regisseurinnen im Wettbewerb wieder extrem in der Minderheit sind. Diesmal haben es fünf Frauen in die engere Auswahl geschafft, und auch von denen darf man auf der Leinwand sicher einiges erwarten. Vor allem die Filme von Claire Denis (Stars at Noon) sind immer einen Blick wert. Zudem sind mit Léonor Serraille (Mother and Son) und Valeria Bruni Tedeschi (Forever Young) zwei weitere Französinnen vertreten, als wolle man damit im Jubiläumsjahr einen besonderen Schwerpunkt setzen. Unser Herz schlägt dagegen für Reichardt, deren letzter Film First Cow auf der Berlinale 2020 so sträflich von der Jury übersehen wurde.

Wie sich dieser Wettbewerb im Laufe der kommenden zehn Tage entwickelt, werden wir wie immer mit Spannung verfolgen. Und natürlich sollen auch die ebenfalls stets vielversprechenden Nebenreihen wie die Sektionen Un Certain Regard und Directors‘ Fortnight nicht unbeachtet bleiben. Hier sei vorab insbesondere Marie Kreutzers Film Corsage mit Vicky Krieps als Kaiserin Elisabeth erwähnt, der bereits im Juli in den österreichischen Kinos startet.

www.festival-cannes.com