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Filmstart

Top Gun: Maverick

| Marc Hairapetian |
Vorhersehbar, aber technisch perfekt: Regisseur Joseph Kosinski und Hauptdarsteller Tom Cruise gelingt es, einen Propagandafilm abzuliefern, der nicht reaktionär ist.

„Filme wie Top Gun sind schwer zu beurteilen, denn seine guten Szenen sind sehr gut und seine schlechten Szenen unbarmherzig schlecht.“, schrieb US-Filmkritiker-Guru Roger Ebert 1986 zum Kinostart von Top Gun. Quentin Tarantino drückte es später weniger diplomatisch aus. Für ihn war das ein „schwuler Fantasyfilm“. Tony Scotts vorzüglich fotografierter Werbestreifen für die Elite-Flugschule der US-Navy (!), der – heute kaum vorstellbar – eigentlich von David Cronenberg inszeniert werden sollte, war der endgültige Durchbruch für Tom Cruise und auch für Val Kilmer. Das Hohelied auf den militärischen Gemeinschaftssinn, das bei Produktionskosten von 15 Millionen Dollar sage und schreibe 356,8 Millionen Dollar einspielte, findet nun nach 36 Jahren endlich seine Fortsetzung. In ihr glänzt der kaum gealterte Tom Cruise als Charaktermime, denn der erste Teil mag Kult sein, der zweite ist auf jeden Fall der bessere Film.

Aufgrund seiner Schwierigkeiten mit Autoritäten hat es Flieger-Ass Capt. Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise) nie geschafft, die wirklich große Karriere in der Navy zu machen. Wo andere Orden einheimsten, konnte er nur Disziplinarverfahren sammeln. Deswegen wird er kurzerhand zu seiner alten Elite-Flugschule Top Gun zurückversetzt. Dort soll er junge Fliegerinnen und Flieger, unter denen sich auch Rooster (Miles Teller), der Sohn seines verstorbenen besten Freundes Goose (Anthony Edwards) befindet, auf eine Mission Impossible vorbereiten: Das schwer geschützte Nuklearprogramm eines namentlich nicht genannten fremdes Landes muss zerstört werden! Es bleiben nur drei Wochen zur Vorbereitung. Der Ausbilder wider Willen hat nun alle Hände voll damit zu tun, die besten Absolventinnen und Absolventen der vergangenen Jahre zu einer Einheit zu formen. Denn ein Selbstmordkommando können weder er noch die Navy gebrauchen.

Neben Tom Cruise, der auch mit knapp 60 eine im Wortsinn gute Figur abgibt und mehr als durch seine Action-Sequenzen als mit Nachdenklichkeit und dem Hinterfragen all seines Handelns überzeugt, ist vor allem Joseph Kosinski (Tron Legacy) auf dem Regiestuhl eine gute Wahl. Mit Respekt vor dem Original, aber mit wesentlich mehr emotionaler Tiefe inszeniert er einen Militär-Propaganda-Film, der gar nicht reaktionär ausgefallen ist. Dieses Kunststück muss ihm erst einmal einer nachmachen.

Wie im Science-Fiction-Epos Oblivion (2013) läuft bei ihm Cruise zur Hochform auf. Am intensivsten ist ihm die kammerspielartige Szene zwischen seinem Hauptdarsteller und dem Gaststar Val Klilmer (The Doors) gelungen. Der einstige Konkurrent und jetzige Admiral Tom „Iceman“ Kazanski schützt Maverick im Hintergrund vor seinen übellaunigen Vorgesetzten. Der Schauspieler ist bekanntlich seit einer Kehlkopfkrebs-Erkrankung kaum mehr auf der Leinwand zu sehen, doch die Produktion fand einen Weg, ihn in einer schönen gemeinsamen Szene mit Cruise noch einmal auftreten zu lassen, wobei er sich erst mit Gebärdensprache, dann mit seiner Ersatzstimme (auch „Ruktusstimme“ genannt) verständigt. Chapeau!

Das Budget für Top Gun: Maverick betrug zehn Mal soviel wie für seinen Vorläufer. Der technisch exzellent gemachte Film, der auch durch seinen mitreißenden Soundtrack von Harold Faltermeyer, Hans Zimmer, Lorne Balfe und Lady Gaga überzeugt, wurde in einer Bildauflösung von etwa 6K gedreht. Dabei kam ein neues Aufnahmesystem zum Einsatz, bei dem gleichzeitig sechs IMAX-Kameras innerhalb des Cockpits verwendet wurden. Cruise flog höchstpersönlich eine North American P-51 und verschiedene Hubschrauber. Ihm wurde aber von der Navy untersagt auch eine F/A-18 Super Hornet selbst zu steuern. Allerdings durfte er von einem Flugzeugträger starten und wieder landen, was zuvor kein Schauspieler für einen Film jemals getan hatte. Wie in Christopher Nolans Dunkirk (2017) bekommt man den militärischen Gegner übrigens nie zu Gesicht. Und wenn man ein Haar in der Suppe finden will, ist dies die vorhersehbare Handlung.