Children-of-the-Mist

Filmfestival

Zukünfte von poetischer Auflehnung

| Jakob Dibold |
Ein Rückblick auf die 31. Ausgabe des International Film Festivals Innsbruck, das Wettbewerbs-Sektionen mit sehr unterschiedlicher, durchgehend hoher Qualität sowie eine Retrospektive voller Wiederentdeckungen mit aktueller Relevanz bot.

„Als globales Phänomen in all seinen Facetten” wolle man Film feiern, so war schon vor Festivalbeginn auf der Startseite der IFFI-Website zu lesen. Keine leeren Worte, denn schon allein die beiden Hauptwettbewerbe lösten dieses Versprechen vollständig ein.
Nominiert für die Auszeichnung als bester Spielfilm liefen sechs Filme, die gemeinsam wirklich fast alle Richtungen abdecken, die sich in der Arbeit mit diesem Medium einschlagen lassen. Als am außergewöhnlichsten dieser sechs sind wohl einerseits der semifiktionale audiovisuelle Trip Atlantide von Yuri Ancarani und die mysteriösen 16mm-Bildwelten des Arbeiterdramas El Gran Movimiento von Kiro Russo zu nennen. Während sich die von Techno- und Trap-Beats angetriebene Speedboat-Fahrt durch das echte, junge Venedig insgesamt quasi selbst disqualifiziert, weil Ancarani die machohafte Selbstgefälligkeit, die er abbildet, allzu stark seine eigene virtuose Kunst beherrschen lässt, ist das ungemein vielschichtige La-Paz-Porträt von Russo ein Werk, das, mindestens ebenso reich an gestalterischen Wundern, auch durch komplexe Narration besticht. Die Handlungsvektoren sind unberechenbar: arbeitslos gewordene Minenarbeiter in der hektischen Stadt, personifiziertes altes Wissen im nächtlichen Wald, Markttreiben, Knochenjobs, ungeklärtes Krankheitsbild … und eine überraschende, großartige Tanzszene.

Inhaltlich klarere Töne schlagen Gessica Généus in Freda und Shootingstar Luàna Bajrami in Luaneshat E Kodrës (The Hill Where Lionesses Roar) an. Auch wenn sich beide Filme auf den ersten Blick dem Typus Coming-of-Age zuordnen lassen, sind ihre erzählerischen Linien nicht glattgebügelt. Généus schafft mittels Einbindung von „echten“ Aufnahmen aktueller Straßenproteste und fiktionalen, äußerst authentischen Figuren des religiösen Patriarchats in ihrer Geburtsstadt Port-au-Prince mehr als „nur“ eine Erzählung über eine junge Frau, die sich einem Dilemma gegenübersieht. Die Drei-Mädchen-Gang in der kosovarischen Pampa hingegen muss sich bald selbst etwas einfallen lassen, um überhaupt vor mehr als eine Option gestellt zu sein; spätjugendliches Warten weicht dem Übergehen moralischer Grenzen und dann einer schimmernden Allegorie des Loslösens – ohne Happy End.

Special Mention beziehungsweise Hauptpreis verliehen die Jury schließlich an zwei sehr unterschiedliche Werke, die am ehesten eint, dass sie klassische Stilmittel etablierter Genres zu einem Ganzen mischen. In Gaey Wa’r (Streetwise), für den Regisseur Na Jiazuo die lobende Erwähnung zuteilwurde, fließen Action, Gangsterfilm, Liebesdrama, Tragikomödie, Vater-Sohn-Konflikt und Gesellschaftsporträt ineinander, dies mitunter durch plötzliche Rückblenden sowie einiges an Voiceover durchaus fordernd. Im Zentrum stehen dabei ein junger Mann und eine junge Frau, die als eine Art Romeo und Julia des Kriminalmilieus einer chinesischen Kleinstadt vor allem mit ihrer Elterngeneration zu kämpfen haben – und mit der Frage, wohin. Abwechslungsreiche Kamera und erfinderischer Szenenbau tragen dazu bei, dass das filmisch trotz beinahe zu vieler Ideen recht gut funktioniert. Und (zu) viele Ideen sind auch ein Stichwort, das Medusa von Anita Rocha da Silveira beschreibt: Der wilde Mix aus Satire, Horror und fantastischer – obwohl eigentlich nur zeitgenössischer – Dystopie bleibt zwei Stunden lang kurzweilig, was in der derzeitigen Arthouse-Welt ein ja keineswegs selbstverständliches Qualitätsmerkmal darstellt, und machte im heurigen Spielfilm-Wettbewerb das Rennen. Vor dem realen Hintergrund fundamentaler, nicht vor Gewalt zurückschreckender Christinnen in Brasilien inszeniert die Autorin eine pulsierende Abrechnung mit sturem Konservativismus und der scheinbaren Frömmigkeit seiner Gefolgschaft. Die Spezialmission, die ein Mitglied der anti-feministischen maskierten Schlägerinnentruppe in ein unheimliches Krankenhaus der anderen Art führt, bringt den Grusel, die ultrareligiösen Predigtevents bringen absurde Musical-Elemente. Zwei Frauen der radikalen Gläubigen beginnen an ihrer Gesinnung zu zweifeln. Die Geschichte von Medusa und ihrem Schrei, im grellen Zeitalter von Social Media.

Während neben Anita Rocha da Silveira auch Mounia Akl (Siegerin Publikums-Wettbewerb mit Costa Brava, Lebanon) und Mano Khalil (Sieger Jugendjury-Wettbewerb) ihre Preise nicht persönlich entgegennehmen konnten, nahm die Gewinnerin in der Doku-Sparte die IFFI-Trophäe „IFFIGENIA“ sehr freudig im Leokino entgegen und betonte in ihrer Rede noch einmal etwas, das ihren Film Children of the Mist so besonders macht: Als Regisseurin und Kamerafrau ist Diem Ha Le so nahe an ihrer Protagonistin und den im Grunde wahnwitzigen Gefahren, der diese ausgesetzt ist, dass die Bedeutung ihres Tuns sich direkt im Geschehen zeigt. Dass das Ergebnis eines solchen Prozesses, in dem keine Grenzen mehr zwischen Dokumentieren und Tun existieren, dann auch ein wirklich guter Kinofilm ist, das ist sehr, sehr selten. Die Begleitung der jungen Di, die die Bedrohung einer Zwangsheirat – in Vietnam zwar offiziell illegal, betreiben die Hmong diese Tradition immer noch –, erfährt, fängt den Mikrokosmos im Norden Vietnams unprätentiös ein. Die beeindruckenden nebeligen Hügel nutzt Diem Ha Le dabei nicht als Dekor, vielmehr setzt sie die Landschaft in Verbindung mit den menschlichen Arbeits- und Machtverhältnissen in ihr, den ritualisierten Abläufen und Verhandlungen der teilweise angestrebten, teilweise abgelehnten „Verheiratung“ lässt sie ihre Spannung und wohnt sie als handlungsfähiges Subjekt bei, und die Abwendung der Misere verantwortet sie persönlich mit. In der Dankesrede im vollen großen Saal bedankt sie sich für Di mit, die sie weiterhin unterstützen will.

Eine maßlos verdiente Gewinnerin bedeutete in diesem Wettbewerb nicht, dass die anderen Filme nicht sehr gut waren, im Gegenteil. Spezielle Erwähnung ging an A Night of Knowing Nothing, Payal Kapadias in den Bann ziehende Dokumentation studentischer Proteste in Indien. In Schwarzweiß und überhaupt viel Dunkelheit gehalten, vermittelt Kapadia spürbar eine Stimmung aus rationaler Wut und zorniger Sachlichkeit, wobei die poetische Sprachlichkeit das Gefühl, in eine andere, konkrete Welt einzutauchen, intensiviert. Im Kopf sprachlos machen dazwischen CCTV- oder andere Zeugnisse vom Vorgehen der Polizei. Auch in farblosen, gleichwohl ausdrucksstarken und zarten Bildern auf die Leinwand bringt Carlos Alfonso Corral seinen Film Dirty Feathers. Wohnungslose Menschen in und rund um das „Opportunity Center“ in El Paso, Texas, kämpfen sich durch den Alltag und greifen teils tief in die autobiografische Erzählkiste. Diese rund 75 Minuten sind das Gegenteil von Betroffenheitskino: Im O. C. fühlt man sich als große Familie, man schwelgt in alten Heldentaten und hat weiterhin neue Träume. Ausgespart werden Probleme wie Drogensucht keineswegs, doch hier regiert ganz grundlegend eine Liebe zum Leben. Das Gesprochene ist oft raue Lyrik, auch die Musik spielt eine große Rolle: Mal ist der tägliche Hustle von Jazz unterlegt, mal von Chopin.

Tagesgeschäft ist einem weiteren Film des Wettbewerbs so präsent, dass Freizeit, Wohnen und Arbeiten kaum trennbar sind: A Thousand Fires begibt sich zu einer Familie auf den Ölfeldern der Magway-Region Myanmars und beobachtet die tausenden kleinen Abläufe ebenso genau wie die Entwicklung des Sohns, der für dieses Leben ungeeignet erscheint. Durchaus überraschend dann die Wendung, dass die abergläubischen Eltern ihn bei seinem Traum unterstützen, Fußballer zu werden. Von Minute eins in bezaubernder Farbwärme – alles scheint karamellisiert –, hält Saaed Taji Farouky – auch dank der schrägen Cello-Soundwände von Fatima Dunn – bis zum Ende ein beachtliches Level an filmischem Scharfsinn.

Wenn es auch abseits der Hauptwettbewerbe vieles Anderes zu sehen (und zu hören, u. a. ein immersives Filmkonzert von Herwig Weiser, Philipp Quehenberger und Nik Hummer; Weiser war auch eine Werkschau gewidmet) gab, brachte auch 2022 die Retrospektive jene Highlights, von denen noch berichtet werden muss. Von Claire Diao, Mitbegründerin des panafrikanischen Filmnetzwerks Sudu Connexion und Kuratorin bei der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes, zusammengestellt, brachte „Every Star And Every Planet Is in Place But You, Planet Earth. The Multiple Expressions of Afrofuturism“ filmische Positionen (zurück) auf die Leinwand, die verschiedenartig als afrofuturistisch gelesen werden können. Von titelgebendem, begriffsprägendem wie Sun Ras Space ist the Place (R: John Coney, 1974) oder John Akomfrahs alles auf den Punkt bringenden Kunst-Lehrvideo The Last Angel of History (2016) und zahlreichen kurzen Arbeiten reichte die Bandbreite dabei von weniger Bekanntem, wie dem irrwitzigen Trash-Feuerwerk Les Saignantes (The Bloodettes; 2005) des kamerunischen Regisseurs Jean-Pierre Bekolo oder Miguel Llansós nicht weniger schräger (eher mehr, oder was macht Santa Clause in einem äthiopischen Steingemäuer, dass über den Kugel-Ausgabeschacht mit einer Bowlinghalle verbunden ist?) Endzeitgroteske Crumbs bis zu Blade und Welcome II the Terrordome.

Zum kultigen Vampirjäger-Auftritt von Wesley Snipes ließe sich auch mehr als 20 Jahre nach Erscheinen (1998; R: Stephen Norrington) noch einiges schreiben – beziehungsweise einiges Neues, denn ästhetisch ist er nach wie vor – oder eben wieder – brandaktuell: die Combat-Fashion, der Techno, die Videospiellogik … Doch wenn der „Daywalker“ nicht gerade diverse „non-playable characters“ oder die Endgegner pulverisiert, ist vielleicht die Selbstverständlichkeit am beeindruckendsten, mit der er in voller Montur am helllichten Tage auf den Straßen unterwegs ist. Weniger popkulturell und viel weniger bekannt ist Welcome II the Terrordome, doch auch dieser Film wird in den letzten Jahren spürbar verstärkt (und sicher weiterhin) wiederentdeckt, was man vor allem dem Streamingdienst Mubi und dann auch dem British Film Institute zu verdanken hat. Doch selbstverständlich gehört der Film von Ngozi Onwurah, der seiner Zeit tatsächlich voraus war – der erste Film einer Schwarzen britischen Regisseurin im Kino (1994) fand wenig Anklang –, wieder in Lichtspielsäle und auf Festivals. Der Terrordome, das ist Transdean, ein Art riesige Lagerstadt für Schwarze in Großbritannien. Es regieren Drogen und Gang-Konflikte, die bewaffnete Exekutive spielt die Menschen mehr gegeneinander aus, als auch nur irgendwie zu helfen. Mittendrin in dieser dampfenden, brutalen Dystopie: Ein Paar, ein Schwarzer und eine Weiße, sie erwartet ein Kind. Der eifersüchtige, rassistische, gewalttätige Ex, ein Cop, will das nicht wahrhaben. Die beklemmende, albtraumhafte Szenerie – oft von schaurig-schönem blauen Licht durchstrahlt – entwickelt sich zum Schauplatz einer halb-zufällig ausgelösten „killing spree“ einer verzweifelten Mutter. Das Geschehen im Terrordome, in seiner Dringlichkeit von heute aus greifbar, verbindet Ngozi Onwurah mit einer hypnotischen Vision der real stattgefundenen Igbo-Suizide in den USA des Jahres 1803, der offensichtlich mehr als nur nebensächliche musikalische Aspekt mit dem titelgebenden, konfrontativen Rap von Public Enemy rundet Welcome II the Terrordome zu einem beeindruckenden Kunstwerk der Auflehnung ab, für das das seitens Kulturkritik derzeit gerne verwendete Adjektiv „transgressiv“ wie gemacht scheint. Der Film, der sicher weitere Rezeptions-Zukunft vor sich hat, bleibt damit vielleicht als das unausgesprochene Herzstück dieser Retrospektive, und eines des ganzen Festivals, in Erinnerung.

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