Wie lebt es sich im Hochgebirge? Eine sehenswerte Bestandsaufnahme
Sechs Episoden über die Alpen, genauer über ihre Menschen. Die filmische Reise führt ins Kärntner Mölltal, ins bayrische Garmisch-Partenkirchen, nach Méribel in Frankreich, Zermatt in der Schweiz sowie in das italienische Örtchen Premana und ins Valle Stura im Piemont. Die dort lebenden Menschen und ihr Tagwerk veranschaulichen einerseits die harten Bedingungen, die die Berge stellen, und die mal mehr, mal weniger akute Bedrohung der Bevölkerungsabwanderung, sowie eindrücklich das oftmals rücksichtlose Verfahren mit der Natur. Gegeben wird keinesfalls wenig, aber auch nicht zu viel Information – ein Grund dafür, warum der Mythos Alpen in dieser Dokumentation nicht entzaubert wird. Beinahe im Gegenteil balancieren Robert Schabus und sein Kameramann Lukas Gnaiger ihre stichprobenhaften Milieustudien, die nicht blockweise aufeinanderfolgend, sondern ineinander verzahnt gezeigt werden, angenehm mit Bildern der landschaftlichen Erhabenheit und mit gutem Gespür für die Bewegung von Maschinen und Gegenständen aus.
So ist Alpenland zwar nicht der brisanteste, doch insgesamt ein recht kurzweiliger Film, von dem man sich gerne mitnehmen lässt. Wohl am dringlichsten über allem schwebt dabei über die Nationalgrenzen hinweg die Frage, wie es in den Alpenregionen weitergehen kann und soll: Wenn die Bergbauerntochter den Hof nicht weiterführt, hat dieser als Betrieb wohl keine Zukunft mehr, in Garmisch werden Sozialwohnungen verkauft, um Schneekanonen zu finanzieren, in Méribel geht der Arzt bald ohne Nachfolge in Sicht in Pension, im Valle Stura donnert neuerdings der LKW-Verkehr durch die Dörfer.
In Zermatt steht die portugiesische Community im Scheinwerferlicht, oben nahe den Gipfeln wird versucht, zumindest einen Teil des Gletschers zu retten. Weder Klimawandel noch Massentourismus oder Saison-Eigentum scheinen hingegen das Leben in Premana zu trüben: Betreiber und Arbeiter einer Scheren- und Messermanufaktur berichten, dass zwar kein Platz für große Träume ist, aber das (auch wirtschaftliche) Leben in der Gemeinde funktioniert. Angesichts des massiven Kunstschnee-Sprühens, das anderswo den Skizirkus zusammenhält, scheint dies eher ein Weg zu sein, der Zukunft hat – eine der Feststellungen, die im Film zwar nahegelegt, aber nicht mit der Moralkeule eingebläut werden. Auch Letzteres trägt maßgeblich dazu bei, dass dem Filmteam nicht passiert, was eine italienische Hirtin angesichts des Umstands, dass viele dem Gebirgsleben den Rücken kehren, wie folgt formuliert: „ein Scheitern an den Bergen“.
