Wann kommst du meine Wunden küssen

Filmfestival

Isarglamour

| Alexandra Seitz |
Das 39. Münchner Filmfest zeigte sich postpandemisch in präpandemisch guter Form.

Womit der am 30. März diesen Jahres ermordete Dokumentarist Mantas Kvedaravičius die letzten Wochen seines Lebens verbracht hat, ist in Mariupolis 2 zu sehen. Der Blick vom Dach der Kirche zeigt die Silhouette der schwer umkämpften Werft am Horizont. Zwischen Werft und Kirche die Stadt, aus der Rauchsäulen aufsteigen und nachts der Widerschein der Feuer leuchtet. Die Sonne dringt schon lange nicht mehr durch die Schwaden, die die Gefechte verursachen. Bombenabwürfe, Granateinschläge, Raketenbeschuss – irgendwas ist immer. Ein Dauerterror im Hintergrund; darin eingebettet ein in seiner abgrundtiefen Entsetzlichkeit zugleich ungeheuer eintöniger Alltag, der in erster Linie aus Vorsicht und Schutzsuchen besteht. Zwischendurch wird Suppe gekocht, denn essen muss man ja auch. Doch vor das Essen setzt der Priester das Gebet. Kvedaravičius beobachtet und zeichnet diesen Alltag auf, in einer Kirche, in deren Untergeschoss zahlreiche alte Frauen und Männer sowie Mütter mit Kindern vorläufigen Unterschlupf gefunden haben. Weit und breit ist diese Kirche so gut wie das einzige Gebäude, das, mit zerborstenen Scheiben zwar, aber doch immerhin noch steht.

In Mariupolis 2 wird nichts erklärt, werden uns keine einzelnen Menschen und deren Schicksale vorgestellt, wird unserem Mitleid keine Brücke gebaut; wir, das Publikum, das nun diesen hinterlassenen Film im Bewusstsein seines hohen Preises ansieht, bleiben ebenso außen vor, wie wir weit weg sind. Seine letztlich explosive Wirkung aber entfaltetet der Film in eben dieser Distanz zwischen Sicherheit (des Betrachterstandpunkts) und Gefährdung (der Betrachteten), die schließlich himmelschreiend schmerzhaft spürbar wird.

Auch wenn es blöd klingt, Mariupolis 2 war eines der Highlights – und selbstverständlich kein Publikumsrenner – des diesjährigen Filmfestes in München. Zum prachtvollen Wetter gesellte sich auf Seiten der Festivalmacher die gute Laune angesichts voller Kinosäle und allgemeinen Zuspruchs, die Branche feierte sich selbst, die Menschen, die Preise gewannen, freuten sich (Liste: Gewinner:innen 2022), und über einen, der leer ausging, soll hier nun noch gesprochen werden: Timo Müller nämlich, der mit Der rote Berg in der Sektion Neues Deutsches Kino für einen der renommierten Förderpreise nominiert war. Bereits 2008 hatte Müller beim Filmfest seine Abschlußarbeit an der HFF München, Morscholz, vorgestellt und war mit dem Förderpreis für Beste Regie ausgezeichnet worden – und sodann sozusagen in der Versenkung verschwunden. Morscholz war eine deutliche Ansage ans bequeme, öffentlich-rechtlich geförderte Erzählkino, ein sperriges Trumm unklaren Gegenstands, das Hoffnung machte auf neue Formen und ungewöhnliche Inhalte und neugierig auf das deutlich größere Talent, das da am Werke war. Und dann dauerte es geschlagene 14 (!) Jahre, bis Müller seinen nächsten Film – klarerweise neuerlich ungefördert entstanden – in die Welt heben konnte: Der rote Berg. Und wieder kracht da etwas Gewaltiges auf die Leinwand, für das die Begrifflichkeit erst gefunden werden muss: ein experimentell-dokumentarisch-fiktionaler Hybrid, der von der titelgebenden Gesteinsformation (sie liegt in der Nähe von Trier) handelt, von jenen, die sie bewohnen, und jenen, die dort herumstreifen, und von den Mythen, in denen der Berg lebt.

Im Gespräch mit dem Publikum zeigt sich Müller zwar offen (und freilich zu Recht) enttäuscht von der bundesrepublikanischen Förderlandschaft, verleiht aber unverdrossen der Hoffnung Ausdruck, Publikum und Kinobetreiber und Verleiher möchten sich darauf besinnen, dass abseits des Mainstream die weitaus interessanteren Pflänzchen wachsen, deren letztlich eben immer nur im Kreis herum führende Existenz innerhalb des Festivalzirkus rückwirkend auch der wirklichen Welt die Seins- und Denkmöglichkeiten abschneidet. Als einen seiner Einflüsse nennt Müller Werner Herzog. Schaut man sich Der rote Berg dahingehend an, ist rasch klar, dass hier quasi ein Meisterschüler am Werk ist und Herzog stolz und getrost um sein Erbe in diesem Jahr achtzig werden kann. Oder vielmehr könnte, wenn Müller – dessen Partnerin-in-Crime übrigens Jessica Krummacher ist, die zuletzt mit Zum Tod meiner Mutter im Berlinale Encounters Wettbewerb reüssierte – endlich doch noch so richtig durchstarten dürfte.

Was sonst noch so war? Hanna Doose, deren letzter Spielfilm Staub auf unseren Herzen (in der die immer vermisste, große Susanne Lothar eine ihrer letzten Rollen spielte) auch schon wieder zehn Jahre zurück liegt, wurde für Wann kommst du meine Wunden küssen mit dem Bayern2- und SZ-Publikumspreis ausgezeichnet – und damit ein mit gutem Gespür besetzter Ensemblefilm, der präzise in seiner emotionalen Textur von der Ernüchterung nach der großen Party handelt; herausragend Godehard Gieses Miniatur eines fremdgehenden Familienvaters. Nicolas Ofczarek, wie nicht anders zu erwarten, erobert mit seiner Darstellung des Titelhelden das junge Zuschauerinnen und Zuschauer und kann sich gemeinsam mit Regisseur Michael Krummenacher über den Kinderfilmfest-Publikumspreis für Räuber Hotzenplotz freuen. Und Claudia Müllers vielstimmige Dokumentation Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen erhielt den Fipresci-Preis „für seine herausragende Schnitttechnik, die dem Kinopublikum die Empfindungen einer umstrittenen Künstlerin näherbringt“. (Man möchte meinen, dass eine aus Menschen, die über Filme schreiben, gebildete Jury zu einer etwas eleganteren, um nicht zu sagen: profunderen Begründung hätte imstande sein müssen.)

Adrian Goigingers Märzengrund erweist sich als veritable Bauernsaga; ein Melodram um Arbeit, Erbe, Land und Freiheit, im stolzen Bewusstsein der erzählerischen Tradition mit großer Geste und langem Atem inszeniert. Goigingers konventioneller Narration gegenüber wirkt, was Christopher Roth in Servus Papa, See You in Hell aus den letzten Zügen der Kommune des Wiener aktionistischen Kinderschänders Otto Mühl macht, fast impressionistisch. Clemens Schick unterfängt sich in der Rolle Mühls sehr erfolgreich im Register des durchgeknallt-diabolischen Manipulators, der in nur lose verknüpften und mitunter unmotiviert lange währenden Szenen, die nicht selten einfach so versanden, wie die Spinne im Netz im Hintergrund die Fäden zieht. Was sich dabei und auf die Dauer mitteilt, ist der ennui eines aufs Zentralgestirn ausgerichteten Sektenlebens. Denn wenn der Führer nicht in Form ist, gerät auch schnell der Rest der Truppe aus der Fasson. So wie zwischenzeitlich der Film.
Doch nicht das Festival, auf dem er lief.

www.filmfest-muenchen.de