Filme von Peter Goedel im Österreichischen Filmmuseum. Eine (Wieder-)Entdeckung.
Von 3. bis 7. August, als letzte Veranstaltung vor der Sommerpause, zeigt das Filmmuseum zehn Filme des deutschen Filmemachers Peter Goedel, der gewiss alles andere als ein „household name“ ist. Nicht von ungefähr lautet der genaue Titel der Schau „Das unbekannte Meisterwerk. Die Filme von Peter Goedel“. Die Initiative dazu stammt von Synema – Gesellschaft für Filme und Medien, jener überaus rührigen Institution, die seit vielen Jahren bei der Diagonale, im Filmarchiv oder eben im Filmmuseum für filmische (Wieder-)Entdeckungen und längst fällige Würdigungen verantwortlich zeichnet und diese stets hochwertig publizistisch begleitet. Auch zu Peter Goedel ist, übrigens schon 2018, ein kleines Büchlein bei Synema erschienen, das diesen bemerkenswerten Filmemacher vorstellt, der während der gesamten vier Tage zu allen Vorführungen im Filmmuseum anwesend sein wird.
In der genannten Broschüre finden sich aufschlussreiche Texte des renommierten Filmpublizisten Peter Nau zu Goedels Arbeiten, ebenso wie eine ausführliche Bio- und Filmografie. Nun aber kann man endlich auch die Filme sehen, wenn auch nicht seinen möglicherweise „bekanntesten“, den Kompilationsfilm Rendezvous unterm Nierentisch, den er 1987 zwar nicht inszenierte, aber produzierte. Der Film mit dem markanten Titel war seinerzeit ein Renner in den Programmkinos, kein Wunder, handelt es sich doch um eine wilde Collage aus Werbespots und Wochenschaubeiträgen aus den fünfziger Jahren, zwischen spießig-lustig und erzpeinlich à la „Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich kochen und was soll ich anziehen?“ Typisch für Goedels Arbeit ist er allerdings nicht, denn seine eigenen Filme, die er für Kino und Fernsehen, dokumentarisch und fiktional drehte, sind doch wesentlich ernsthafter.
Geboren wurde Goedel 1943 in Torgau an der Elbe. 1961 flüchtete er mit Mutter und Bruder aus der DDR in den Westen. Er studierte Literatur- und Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie und begann am Theater zu arbeiten, später auch als Regieassistent bei Film und Fernsehen. 1978 entstand sein erster eigener Film, Rainer, 21 Jahre, möchte Schlagersänger werden – ein richtungweisender Titel, denn schon im Jahr darauf drehte Goedel mit Talentprobe eines seiner Hauptwerke, „ein Stück deutscher Ethnografie“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb. In einem Park in Köln findet im Sommer 1979, ähnlich heutigen Casting-Shows, ein Gesangswettbewerb statt, zu dem sich allerlei mehr oder weniger begabte junge Menschen einfinden, um vornehmlich bekanntes Liedgut (von Blondie bis Peter Maffay, von Bata Ilic bis zu den Bee Gees) zum Besten zu geben. Goedel beobachtet mit großer Empathie die Möchtegern-Talente bei den Vorbereitungen und schließlich on stage bei ihren Auftritten. Fast noch interessanter als deren zum Teil rührenden Versuche, sich hier einen Namen zu machen, sind allerdings die Zuschauenden, die hauptsächlich mit Hohn und Spott, Beschimpfungen und Gelächter reagieren und Transparente wie „Das ist ja furchtbar“, „Äußerst schwach“ oder „Note 6-“ schwenken – ein vor-digitaler Shitstorm sozusagen. Ein sichtlich nervöser italienischstämmiger junger Mann wird gnadenlos von der Bühne gemobbt, andere Teilnehmende halten tapfer durch, das Resultat ist letztlich nebensächlich. Der Treppenwitz an der Sache ist, dass sich mehrere der Rabaukinnen und Rabauken im Publikum anschließend selbst für den Wettbewerb anmelden.
Rund 30 Jahre später entstand mit Zugabe (diesmal unter der Regie von Manfred Behrens und von Goedel produziert) eine Art „Reunion“: Fast alle der damals Mitwirkenden konnten wieder vor die Kamera geholt werden, die meisten von ihnen hatten sich seit damals nicht gesehen, und erstaunlich viele sind in der einen oder anderen Form musikalisch tätig geblieben, wenn auch auf einem sehr überschaubaren Level. Das gemeinsame Abschlusskonzert an exakt derselben Stelle wie 1979 ist ein wirklicher emotionaler Höhepunkt im Dokumentarfilm-Genre. Diesmal treffen sie auf ein wohlwollendes Publikum, und auch der damals eingeschüchterte Italiener liefert – zu sehen immerhin als Extra auf der DVD von Talentprobe – eine mehr als respektable Version von Toto Cotugnos „L’Italiano“. Der ganze Film ist eine Liebeserklärung an Menschen, die sich mit Leib und Seele der Musik widmen, mögen ihre „Mittel“ auch bescheiden sein.
Neben diesen Huldigungen an die Kultur abseits des Rampenlichts befasste sich Goedel aber auch mit etablierten Größen des kulturellen Lebens. Schon 1975 gelang ihm für ein Fernsehporträt (von WDR und ORF koproduziert) ein wunderbares Gespräch mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Elias Canetti (Der Mensch wird noch alles und ganz werden). Prägend für Goedels Arbeit ist seine Auseinandersetzung mit dem deutschen Schriftsteller Wolfgang Koeppen (1906-1996), die 1977 mit einem Radiofeature begann und in mehrere Filme mündete, unter anderem in Goedels ambitioniertes Spielfilmprojekt Das Treibhaus (1987) nach dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1953. Der Film, bei der Berlinale uraufgeführt, wurde für den Deutschen Filmpreis nominiert. 1989 enstand – mit dem Schriftsteller selbst als Erzähler – ein ungewöhnliches biografisches Porträt. In Ortelsburg – Szczytno. Es war einmal in Masuren besucht Goedel jene inzwischen polnische Kleinstadt, in der Koeppen Teile seiner Schulzeit verbrachte. Neben einem dokumentarischen Teil mit heutigen Kindern aus der Stadt entwirft Goedel auch semi-fiktionale Szenen, in denen Erlebnisse aus Koeppens Kindheit nachgestellt werden.
Die ungeheure Vielseitigkeit des Filmemachers erweist sich anhand seiner breit gefächerten Filmografie. Er beschäftigt sich mit dem Medium Film selbst, lässt 1979 den Filmvorführer Alois Gugutzer zu Wort kommen (Das Zelluloloid, das lässt einen nicht los), porträtiert seinen oftmaligen Cutter in Peter Przygodda, Schnittmeister (1993), widmet sich der Bleistift-Dynastie Faber-Castell (1995), dreht ein Feature zu 50 Jahre Filmfestival Cannes (1996), einen Fernsehfilm nach Motiven von Patricia Highsmith (Trip nach Tunis, 1993), zahlreiche Reise-Filme, unzählige kleinere Fernsehreportagen und – noch besonders hervorzuheben – vier kurze, allerdings leider verschollene Beiträge (zwei davon über John Carpenter) zur WDR-Reihe Filmtip. Das waren rund sieben bis acht Minuten lange Kleinode im Auftrag der legendären, zeitweise budgetär sehr großzügig ausgestatteten WDR-Filmredaktion um Werner Dütsch und Helmut Merker, beide leider 2018 verstorben. In diesen Kürzestfilmen wurde substanziell zu aktuellen Kinofilmen Stellung genommen, und das von der Crème de la Crème der deutschen Filmpublizistik, aber auch von namhaften Filmschaffenden wie Harun Farocki – oder eben Peter Goedel.
