Der US-amerikanische Regisseur Ron Howard im Gespräch über seinen neuen Film Thirteen Lives, persönliche Herausforderungen, pure Zufälle und wahre Wunder.
Ob Dokumentation oder Fiktion, Ron Howard, einst dank seines Vaters, der auch Schauspieler war, als Kinderdarsteller bekannt, ist längst einer der umtriebigsten und vielseitigsten Regisseure in Hollywood. Seine Spezialität sind jedoch Dramen, die auf wahren Begebenheiten basieren. Mit Filmen wie Apollo 13 oder Frost/Nixon hat er sich in die Kinogeschichte eingeschrieben. In seinem jüngsten Versuch, die Realität zu dramatisieren, verfilmte er mit prominenter Besetzung die spektakuläre Rettung von zwölf jungen Fußballspielern und ihrem Trainer aus dem Tham-Luang-Höhlennetz in Nordthailand – ein Ereignis, das 2018 wochenlang die Medien in aller Welt beherrschte.
Mr. Howard, Sie haben im Laufe Ihrer Karriere Filme in jeder Größenordnung gedreht. Was fordert Sie heute noch heraus?
Ron Howard: Jedes neue Projekt ist eine neue Herausforderung, und mir ist am Anfang immer ein bisschen bang, was da auf mich zukommt. Aber vor vielen Jahren habe ich mit der Hollywood-Legende Henry Fonda in einem Film mitgespielt, und als er hörte, dass ich Regisseur werden wollte, sagte er: „Du musst in diesem Geschäft alle paar Jahre etwas tun, das dir Angst macht, sonst versuchst du es nicht wirklich.“ Das hat sich in mir eingeprägt. Was konkret Thirteen Lives betrifft, ich hatte großen Respekt davor, dieses Thema anzugehen, weil es auf vielen verschiedenen Ebenen wichtig ist. Vor allem war es mir ein Anliegen, die thailändische Kultur auf authentische und ehrliche Weise widerzuspiegeln. Ich wusste, dass ein großer Teil des Films auf Thai sein würde, und ich wollte das auf eine sehr zeitgemäße und ehrliche Weise richtig rüberbringen.
Was war daran so schwierig?
Die kulturelle Seite machte mir am meisten Sorgen, weil ich wusste, dass ich sie nicht kontrollieren konnte. Ich musste mich in der Hinsicht diesmal ganz auf meine Kollaborateure verlassen, besonders auf meine Ko-Produzenten, die auch am Drehbuch mitgearbeitet haben, aber auch auf unseren Kameramann Sayombhu Mukdeeprom. Gleichzeitig musste ich auch die Schauspieler davon überzeugen, dass sie etwas beitragen. Ich wollte unbedingt verstehen, wo das Drehbuch falsch war, wo die Sprache nicht ganz stimmte oder die Übersetzung hakte. Und ich glaube, es hat eine Weile gedauert, bis die Leute begriffen, dass ich sie wirklich brauchte. Aber ich musste darauf vertrauen können, dass sie mich keine dummen Fehler machen lassen würden.
Gab es auch auf technischer Seite Komplikationen?
Ja, viel mehr als ich dachte, denn es ging nicht nur darum, die Höhlen zu bauen und Orte zu finden, an denen wir die Kameras aufstellen konnten. Viel schwieriger noch war es, sie physisch zu beleuchten, weil die Räume so eng waren. Wir wollten zum Beispiel einen bestimmten Grad an Trübheit erreichen, der die Sicht beeinträchtigte und eine Art Wolke erzeugte, durch die die Taucher sich ihren Weg bahnen mussten. Dazu kamen all die kleinen Details, die wir beachten mussten, um sicher zu stellen, dass jeder Tauchvorgang erfolgreich durchgeführt werden konnte.
Wie lief die Zusammenarbeit zwischen den thailändischen Darstellern und den Hollywood-Stars?
Abgesehen von einem hatte keiner der Jungs bis zu dem Zeitpunk jemals geschauspielert. Also arrangierten wir vorab eine Art Trainingsprozess für sie. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das wirklich funktionieren würde. Aber als es ernst wurde, ungefähr ein oder zwei Tage vor Dreharbeiten, waren die Jungs so verdammt gut, dass Viggo Mortensen und Colin Farrell ganz schön staunten.
Das Drehbuch trug zunächst den Arbeitstitel „Anatomy of a Miracle“. Muss man als Regisseur immer ein Stück weit an Wunder glauben?
Ich wünschte, dass noch viel mehr Wunder geschehen, aber man muss das unterscheiden. Wunder sind meiner Meinung nach keine Zauberei, sondern unwahrscheinliche Ereignisse, die wir gelegentlich miterleben dürfen. Und ich wollte verstehen, wie genau dieses Wunder geschehen konnte, dass die ganze Mannschaft gerettet wurde. Ich denke, es ging dabei speziell um Kultur und um Spiritualität, aber auch um ein gewisses politisches Risiko. Die thailändischen Bauern opferten ihre Ernte, und dann gab es natürlich die Taucher. Ich wollte auch die Beziehung zwischen den Thailändern und den Menschen aus dem Westen Bezug auf die Tauchteams beleuchten. Ich dachte mir, wenn man ein Gefühl für den Druck bekäme, unter dem alle standen, wäre es möglich, die Nuancen herauszufiltern in Bezug auf die schwierigen Entscheidungen, die sie zu treffen hatten, und die Risiken, die sie eingehen mussten, um die Rettungsaktion erfolgreich abzuschließen. Für mich lag darin die Anatomie eines Wunders. Die Menschen sprechen immer schnell von Wundern, die auf Glück beruhen. Glück im Sinne von etwas Undefinierbarem. Aber ohne all die kleinen und großen Schritte, ohne den Einsatz und die Mühen zahlreicher Helfer und Zivilisten wäre dieses Wunder nicht gelungen. Sie haben es möglich gemacht. Und das wurde mir beim Drehen zum Mantra. Deshalb sieht man im Film meist immer auch im Hintergrund Menschen, die arbeiten, greifbare Dinge tun, seien es Sanitäter, die sich um Verletzte kümmern, Menschen, die Lastwagen entladen oder kochen, Leute, die Schläuche tragen, Schläuche reparieren, denn das gehörte eben auch zur Rettungsaktion dazu. Das darf man nicht vergessen. Sie alle hatten ihren Anteil daran.
Was Sie berichten, klingt nach einem extrem anstrengenden Dreh …
Ich war am Ende des Films so erschöpft wie schon lange nicht mehr. Ich renne zwar immer viel umher am Set, aber diesmal war es noch intensiver, weil unser Drehplan ziemlich eng war. Jeder Tag war extrem wichtig, weil wir schnell vorankommen mussten. Das hieß auch, dass es stets darauf ankam, gut vorbereitet zu sein. Zudem haben wir in einem sehr naturalistischen Stil gedreht, weil ich nicht wollte, dass es so aussieht, als wäre alles nur inszeniert und eine große Hollywood-Show. Das Geschehen sollte spontan wirken, und das ermutigte uns wiederum, schnell zu handeln, anstatt viel zu proben. Und wie gesagt, natürlich hatten wir auf der westlichen Seite einige sehr erfahrene Schauspieler. Aber wir hatten auch auf der thailändischen Seite sehr viele Leute, die extrem viel und unheimlich gute Arbeit geleistet haben. Alle Beteiligten haben dieses Projekt von vornherein wie einen Ensemblefilm behandelt. Niemand hat sich jemals so verhalten, als wären sie Superstars, die eine Sonderbehandlung verdienten. Alle wollten, dass diese Geschichte auf möglichst authentische Weise erzählt wird. Es war durch und durch ein Herzensprojekt – man kann es nicht anders sagen.
Warum war es Ihnen so wichtig, das Ereignis zu verfilmen?
Ich denke, es ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Menschen sich zusammenschließen, um ein ehrenwertes, wenn auch auf den ersten Blick völlig unmögliches Ziel zu verfolgen. Und natürlich würde man die Geschichte nicht erzählen, wenn sie nicht wahr wäre, weil sie auf dem Papier viel zu absurd und sentimental erscheint. Aber die Tatsache, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt, gab uns meiner Meinung nach die Lizenz dafür, den Film zu drehen. Für mich ist die Rettungsaktion wegweisend in der Hinsicht, dass sie die Offenheit und Risikobereitschaft der thailändischen Behörden zeigt. Da heißt nicht, dass man in derartigen Situationen immer zu allem ja sagen sollte. Sie waren ja sehr wählerisch, sehr vorsichtig. Aber sie haben sich den Ideen von außen nicht verschlossen, und es funktionierte. Davon abgesehen hat mich die Idee des Höhlentauchens fasziniert. Ich wollte das Publikum in eine Welt entführen, von der man noch nicht so viel weiß, und gleichzeitig dieses unheimlich spannende Ereignis erzählen.
Sie wechseln im Film zwischen der Perspektive der Familien und Außenstehenden sowie derer, die sich in der Höhle befanden. Es scheint manchmal so, als würden Sie zwei Filme in einem erzählen?
Ja. Ich liebe diese Art des Filmemachens. Ich hatte etwas Ähnliches bereits mit Apollo 13 versucht. Es gab den militärischen Aspekt und den politischen Aspekt des Basislagers, es gab die Familie und die Freiwilligenseite des Basislagers und dann waren da die Taucher und natürlich die Kinder. Und teilweise die Medien. Ich hatte das Gefühl, dass jedes Mal, wenn ich mich von einem Standpunkt zum anderen bewegte und ich dieselbe Szene aus zwei oder drei verschiedenen Perspektiven zeigen wollte, dabei eine Art Zirkus oder kontrolliertes Chaos entstand. Wir haben pro Tag sehr wenige Szenen geschafft, aber es gab immer zwischen zehn und fünfhundert Leuten, die daran beteiligt waren. Dadurch entstand auch am Set ein gewisser Druck, der sich auf die Atmosphäre im Film übertrug.
Was hat es mit Ihnen und der Zahl 13 auf sich?
Einer meiner Lieblings-Basketballer aller Zeiten war Wilt Chamberlain, und seine Nummer war 13. Er war der erste, der sagte, das sei keine Unglückszahl. Ich bin selbst nicht sehr abergläubisch, was die Nummer angeht. Es liegt ein wenig Ironie in der Tatsache, dass zwei meiner Filme, die sich in vielerlei Hinsicht ähneln, beide die Nummer 13 im Titel tragen. Aber das ist sicher keine Absicht. Es ist purer Zufall, wenn es das gibt. Aber wer weiß das schon? Ich weiß es nicht.
