Zeit, innezuhalten. Ein Plädoyer
In Alcarràs, einem kleinen Ort in Katalonien, unterhalten die Solés eine Pfirsichplantage. Doch der Don, dem ihr Land gehört, will es verpachten an ein Unternehmen, das dort wiederum Solarpaneele aufstellen will. Das machen jetzt viele so, denn die Landwirtschaft wirft einfach nicht mehr genug ab, jedenfalls nicht für Familienbetriebe.
Auch die Solés kommen kaum noch über die Runden; Papa Quimet rackert sich den Rücken kaputt, Mama Dolors versucht, den Laden zusammenzuhalten, bekommt es aber immer wieder mit dem landestypischen Machismo zu tun, Sohn Roger hilft, wo er kann, sollte aber eigentlich die Schulbank drücken und Tochter Mariona steckt in der Pubertät und hat keinen Bock. Außerdem sind da noch die drei Kleinen sowie Oma und Opa. Oma erzählt Geschichten von früher und Opa versteht die Welt nicht mehr: Die Sache mit dem Land, die hatte er doch seinerzeit während des spanischen Bürgerkrieges per Handschlag mit dem Opa vom Don geregelt! Wieso will dessen Enkel jetzt plötzlich einen Vertrag sehen?!
Was nutzt ein Handschlag in Zeiten wie diesen? Für Alcarràs – Gewinner des diesjährigen Goldenen Bären – greift die katalonische Regisseurin Carla Simón auf autobiografische Erfahrungen zurück. Am titelgebenden Ort bauen ihre Onkel Pfirsiche an und pflegt die große Sippe der Simóns sich sommers und zur Weihnachtszeit zusammenzufinden. Und wenngleich auch nicht mit Mitgliedern der eigenen Familie besetzt, so sind es doch Laien-Darsteller, die dem Leben der Solés und der Arbeit auf der Finca die authentische Anmutung verleihen.
Am Beispiel der Drei-Generationen-Bauernfamilie, die sich mit dem Ende ihrer traditionellen Lebensweise konfrontiert sieht, dröselt Simón aber auch einige grundsätzliche Probleme der spanischen Gegenwartsgesellschaft auf: das nach wie vor quasi-feudale System von Großgrundbesitzern und pachtenden Kleinbauern, in dem Überheblichkeit auf Unterwürfigkeit trifft; die skandalöse Agrarpolitik, die mit Dumping-Preisen kleinen Betrieben das Überleben unmöglich macht; Solarpaneele, die Kulturlandschaften vernichten; Familienbande, die den rasanten Veränderungen nicht mehr standhalten.
Und da das alles wichtig und richtig ist und ihr außerdem sehr nahe geht, erzählt es Simón in Alcarràs vielleicht ein ganz kleines bisschen zu ausführlich. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Schließlich wünscht man mit Simón unbedingt, dass diese Pfirsichplantage überlebt.
Happy End? In Zeiten wie diesen?