Vom Kino verschluckt. Begeistert. Das Filmfestival in Venedig beweist mit einem starken Programm, warum Filme auf der großen Leinwand in Postpandemie-Zeiten wichtiger und aufregender sind denn je.
„Im Kino gewesen. Geweint“, schrieb Franz Kafka 1913 in sein Tagebuch. Und was er damals auszudrücken versuchte, gilt bis heute: Filme ergreifen und erschüttern uns, sie begeistern und verstören, entnerven und strapazieren ihr Publikum. Immer wieder entführen sie die Zuschauer in unzähligen wahren wie erfundenen Geschichten in die entlegensten Winkel des menschlichen Denkens und Fühlens – ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, ohne Netz und doppelten Boden.
Kino ist Leben. Das wird einem dieser Tage auf dem Lido immer wieder, immer spürbarer bewusst, wenn man von einer Vorstellung in die nächste taumelt, zunehmend benommen vom Rausch der Eindrücke und Emotionen. Und das Kino in Venedig zeigt sich in diesem Jahr so lebendig wie schon lange nicht mehr. Selbst wenn die Figuren auf der Leinwand manchmal schon kurz vor dem Aus stehen. So wie im Fall von Charlie (Brendan Fraser), der in Darren Aronofskys The Whale den ewigen Schmerz über den Tod seines Lebensgefährten mit Fast Food und Schokolade zu kompensieren versucht. Die Pfunde, die sich der Englischlehrer mit der Zeit angefressen hat, sorgen dafür, dass er sich kaum mehr vom Sofa erheben kann und sein Herz binnen weniger Tage zu versagen droht. Das zumindest sagt ihm seine gute Freundin Liz (Hong Chau) voraus. Sie ist Krankenschwester, sie muss es wissen. Aber Charlie hat andere Prioritäten. Und als plötzlich seine entfremdete Teenager-Tochter Ellie (Sadie Sink) vor der Tür steht, kommt der massige Koloss tatsächlich noch einmal in Bewegung. Für die Zuschauer ist das mitunter schwer mit anzusehen. Fraser schnaubt und wälzt sich regelrecht durch Aronofskys Film, der auf dem gleichnamigen Theaterstück von Samuel D. Hunter basiert, dass einem selbst der Atem stockt. Doch schon bald spürt man, dass sich hinter all dem Fett und dem Fleisch eine enorm zerbrechliche Seele verbirgt, die sich nach guter Literatur (am liebsten „Moby Dick“) ebenso sehnt wie nach Nähe und Liebe.
Der einfältige Padraic (Colin Farrell) in The Banshees of Inisherin von Martin McDonagh dagegen trägt sein großes Herz stolz auf der hageren Brust. Jeden Tag pünktlich um zwei Uhr ruft er nach dem Mann, den er für seinen besten Freund hält, um mit ihm gemeinsam in der Kneipe ein Bier trinken zu gehen. Immerhin leben sie irgendwo im irischen Nirgendwo, fernab von der Nachbarinsel, auf der schon seit einiger Zeit der Englische Bürgerkrieg wütet. Aber eines Tages beantwortet Colm (Brendan Gleeson) die Aufforderungen seines Kumpels nicht mehr, ignoriert ihn und spielt lieber Geige. Er komponiert sogar einen Song, dem der Film seinen merkwürdigen Titel verdankt. Für Padraic bricht damit jedoch eine Welt zusammen und er versucht zu ergründen, was hinter der plötzlichen Ablehnung steckt. Aus dieser scheinbar einfachen Prämisse strickt McDonagh nach seinem sagenhaften Erfolg mit Three Billboards Outside Ebbing, Missouri vor fünf Jahren nun sein jüngstes Meisterwerk: eine leise Studie über männliche Einsamkeit, stummen Groll und verschluckte Wut die nicht nur seltsam fesselnd ist, sondern auch voller wunderbarem Humor.
Ähnlich zurückhaltend, aber nachhaltig beeindruckend geht auch Luca Guadagnino in seinem Wettbewerbsbeitrag ans Werk. Der italienische Regisseur hat schon in seinen früheren Filmen ein gutes Gespür dafür bewiesen, wenn es darum ging, zwischen den Genres und wieder zurück zum Drama zu wechseln. In seiner dritten Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor David Kajganich (nach A Bigger Splash und dem leider sträflich missglückten Suspiria–Remake) löst er nun die schwierige Aufgabe, eine zarte Geschichte über zwei jugendliche Kannibalen glaubhaft zu machen, die sich in einer Welt zurechtfinden müssen, in der ihre Vorliebe für Blut, Haut und Eingeweide auf wenig Zustimmung stößt. Mit der Newcomerin Taylor Russell und Mädchenschwarm Timothée Chalamet in den Hauptrollen lässt der Regisseur seine beiden Außenseiter durch den amerikanischen Mittleren Westen treiben, während sie nach einem Sinn und einer Heimat suchen und sich dabei vorsichtig ineinander verlieben. Bones and All wird so zu einem romantischen Roadmovie-Western; eine Art Bonnie und Clyde oder Badlands angereichert mit Horrorvisionen und Teenage Angst, in dem sich immer wieder ethische und emotionale Grenzen verschieben.
Wie das wahre Leben auf der Leinwand zum Ereignis wird, kann man in Argentina, 1985 von Santiago Mitre miterleben, der in Koproduktion mit Amazon entstanden ist. Inspiriert von den wahren Begebenheiten, erzählt der spanische Regisseur darin die Geschichte der Staatsanwälte Julio Strassera und Luis Moreno Ocampo, die es wagten, gegen Argentiniens blutigste Militärdiktatur zu ermitteln und sie strafrechtlich zu verfolgen. Unbeeindruckt vom immer noch beträchtlichen Einfluss der ehemaligen Unterdrücker in ihrer zerbrechlichen neuen Demokratie ließen sie sich Mitte der achtziger Jahre unterstützt von einem jungen Anwaltsteam auf einen äußerst spannenden rechtlichen Kampf ein, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mitres Film mag einer der Außenseiter im Rennen um den Golden Löwen sein. Aber die enorme Kraft, die Argentina, 1985 aus den Fakten wie aus dem Spiel seiner hervorragenden Darsteller schöpft, machen das Gerichtsdrama zu einem der Highlights im diesjährigen Wettbewerb.
Und apropos Highlights. Ebenfalls auf wahren Personen und Geschehnissen basiert Eismayer von David Wagner, ein beeindruckendes Spielfilmdebüt, in dem der Regisseur die heimliche Homosexualität und das Coming-out eines österreichischen Feldwebels ins Zentrum rückt. Gerhard Liebmann spielt mit Bravour diesen Mann, der lange Zeit jedem Soldaten das Fürchten lehrte, bis ein Neuzugang im Regiment seine Tarnung zerstört. Zwar soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, aber Eismayer, der bereits Ende Oktober auch hierzulande zu sehen sein wird, ist großes Kino im Kleinen, mit einer Wucht und einer Zartheit, dass man beim Zuschauen regelrecht eine Gänsehaut bekommt.
Vera, der neue Film des österreichischen Regie-Duos Tizza Covi und Rainer Frimmel, der in der Sektion Orizzonti uraufgeführt wurde, nennt stattdessen nicht nur die Protagonistin gleich beim Vornamen, sondern auch die Schauspielerin, die dahinter steckt: Vera Gemma, eine stolze Frau mit grellblonden Haaren und einem künstlich in Form gebrachten Körper, ist das magische Epizentrum eines klug konstruierten, zwischen Realität und Fiktion schwankenden filmischen Porträts, das – ähnlich wie das Publikum – auf so viel Ehrlichkeit, Wärme und Persönlichkeit, wie sie in diesem einen Menschen stecken, kaum vorbereitet ist.
Überhaupt sind es in diesem Jahr vor allem großartige Schauspielerinnen, die in Venedig einen bleibenden Eindruck auf der Leinwand hinterlassen, angeführt von Cate Blanchett als strauchelnde Dirigentin in Todd Fields fantastischem Psychodrama Tár. Aber dazu gehören auch Ana de Armas, die es wagt, ihrer Marilyn Monroe in Andrew Dominiks Blonde einen kubanischen Touch zu verleihen, oder Virginie Efira, die Rebecca Zlotowskis bittersüßem Drama Other People’s Children das nötige Rückgrat gibt, um den Film vor zu viel Kitsch und Klischee zu retten. Ihrer Präsenz und Ausdruckskraft ist es zu verdanken, dass einem dieser 79. Festivaljahrgang als einer der stärksten seit langem in Erinnerung bleibt. Weil man sich in ihren Figuren verliert. Weil sie sich in ihren Figuren verlieren. Und weil sie zeigen, was Kino möglich macht, ganz gleich ob einige Filme im Programm mitunter von Streaminganbietern wie Netflix oder Amazon finanziert worden sind. Lachen, weinen oder staunen und auch sich gruseln kann man immer noch am besten im dunklen Saal. In Venedig kommt man aus dem Kinosessel heuer kaum heraus.
