ray Sonderheft – Dr. Veit Heiduschka

Dieses spezielle Gespür

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Das Filmarchiv Austria widmet Veit Heiduschka zum 80. Geburtstag eine umfassende Retrospektive – von „Zeitgenossen“ bis „Happy End“.

Wenn man die Liste der von Veit Heiduschka produzierten Filme durchsieht, fällt einem als erstes die enorme Bandbreite, die Vielseitigkeit der Werke aus den gut 35 Jahren der Wega Film auf. Aber trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen einem Michael Haneke und einem Reinhard Schwabenitzky, was die grundsätzliche Ausrichtung der Filme betrifft, haben alle Regisseurinnen und Regisseure, mit denen Veit Heiduschka zusammengearbeitet hat, doch eine klare formale und inhaltliche Vision ihrer Geschichten. Diese neben der Finanzierung maßgebliche Eigenschaft eines guten Produzenten, nämlich die Vorstellungen der Regisseure und/oder Drehbuchautoren rückhaltlos zu unterstützen, sobald man ihnen einmal vertraut, besitzt Veit Heiduschka offensichtlich, sonst würden die meisten namhaften Filmschaffenden nicht immer wieder mit ihm arbeiten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des anhaltenden Erfolgs der Wega Film ist die Gabe, Talente zu entdecken und zu fördern. Im Rahmen der großen Filmarchiv-Retrospektive zu seinem Geburtstag kann man also nicht nur sämtliche Haneke-Kinofilme (statt Funny Games U.S. wird der Fernsehfilm Das Schloss gezeigt) sehen, sondern auch erstaunlich viele frühe Arbeiten von Leuten sehen, die das österreichische Filmschaffen maßgeblich mitgestaltet haben, darunter Niki List, Paulus Manker, Michael Kreihsl, Andreas Prochaska, Andreas Gruber, Arash T. Riahi oder auch Josef Hader, der sein Regiedebüt Wilde Maus ebenfalls Veit Heiduschka anvertraute.

Heutzutage ist Michael Haneke dank unzähliger Auszeichnungen wie Oscar oder Goldener Palme ein international anerkannter Regiestar, aber als der damals 47-jährige Fernsehregisseur seinen ersten Kinofilm realisieren wollte, brauchte es jemanden wie Veit Heiduschka mit seinem Gespür für das Besondere, um das als schwierig geltende Projekt erfolgreich umzusetzen. Der siebente Kontinent wirkt bereits wie eine Blaupause für Hanekes spätere Welterfolge in seiner unsentimentalen Analyse der Entfremdung in der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft: Nüchtern zeigt der Film die Arbeitsabläufe seines Protagonisten, eines Überwachungstechnikers, auch das Familienleben von Vater, Mutter, Kind läuft nach ähnlichen Ritualen ab, bis die Risse in dieser mechanisierten Welt immer deutlicher werden und die Familie sich zu einem radikalen Schritt entschließt. Die Zuschauerzahlen waren nicht übermäßig hoch, aber bei der Kritik und im internationalen Festivalzirkus erregte der Film Aufsehen. Bei Haneke hat sich die Geduld von Veit Heiduschka zweifellos ausgezahlt, doch natürlich kann nicht aus jedem Talent ein international gefeierter Regisseur werden.

Ernst Josef Lauscher ist heute nur mehr Insidern ein Begriff, dabei spiegelt sein heute kaum mehr gezeigter Film Zeitgenossen (1983) – die erste offizielle Wega-Produktion – perfekt das Lebensgefühl der frühen achtziger Jahre mit seinen ständigen Umwälzungen, den latenten Aggressionen und den Prä-Aids-amourösen Verstrickungen wider. Auch Niki Lists zum Kultfilm avanciertes Müllers Büro war damals ein Wagnis, doch die schräge Krimi-Musical-Komödie nach Motiven von Dashiell Hammett mit Christian Schmidt, Andreas Vitasek und Barbara Rudnik – gedreht u.a. in der legendären Blue Box – sprengte mit 440.000 Zuschauern alle österreichischen Kassenrekorde und wurde auch im Ausland (mehr als 2 Millionen Besucher in der DDR, in Japan als VHS-Video mit Untertiteln herausgebracht) ein Riesenerfolg. Humorvolle Filme wurden trotzdem nicht das Markenzeichen der Wega Film, auch wenn 1991 mit Ilona und Kurti von „Mundl“-Regisseur Reinhard Schwabenitzky eine Multikulti-Farce mit Tiefgang produziert wurde. Hanno Pöschl überzeugt als windiger Erbschleicher, der zusammen mit seiner Mutter (Louise Martini) mittels gefälschter Unterschrift das Geld einer Nachbarin an sich reißen will. Als plötzlich deren Tochter Ilona aus Südosteuropa auftaucht, muss der liebe Kurti all seinen Charme spielen lassen, damit das Komplott nicht auffliegt. Die Musik steuerte übrigens kein Geringer als Ennio Morricone bei.

Generell haben Veit Heiduschka immer Herausforderungen jeglicher Art gereizt. Wenn Regisseure als schwierige Charaktere galten, wie etwa Paulus Manker, war das kein Hindernis, ehrgeizige Projekte wie Weiningers Nacht in Angriff zu nehmen. Nach dem gleichnamigen Theaterstück von Joshua Sobol spielt Manker selbst den radikalen jüdischen Philosophen und Schriftsteller Otto Weininger, der Anfang des 20. Jahrhunderts zum Protestantismus konvertierte und als Antisemit und Frauenhasser im Alter von 23 Jahren im Sterbehaus Beethovens Selbstmord beging. Dass die Wega Film aber nicht auf das Arthouse-Label reduziert werden kann, belegen viele Filme für ein spezielles Zielpublikum, egal ob im Fernsehen oder im Kino. Den jüngeren Zuschauern sei Andreas Prochaskas Nöstlinger-Verfilmung Die 3 Posträuber ans Herz gelegt, der mit viel Schwung und Wiener Schmäh auch erwachsene Begleitpersonen garantiert nicht langweilt. Mit seinem Regiedebüt bewies der ehemalige Haneke-Cutter, dass er auch das Regiehandwerk beherrscht und schuf so die Basis für spätere Arbeiten wie In 3 Tagen bist du tot oder Das finstere Tal.

Dieses spezielle Gespür für Talente hat Veit Heiduschka bis heute nicht verlassen. In den vergangenen zehn Jahren hat er u.a. die Karriere von Arash T. Riahi durch die aufwändige Produktion von dessen erstem Spielfilm Ein Augenblick Freiheit befördert. Arash, der selbst als Zehnjähriger mit seinen Eltern über die Türkei nach
Österreich gelangte, schafft mit diesem kraftvollen, aber immer realistischen Drama um drei Flüchtlingsschicksale den schwierigen Spagat zwischen Information über die Zustände in der Türkei (was den Film auch heute sehr aktuell macht) und purer Emotion. Auch Umut Dag˘s Kuma beschäftigt sich auf sehr subtile Weise mit dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. In diesem Familienkammerspiel werden die Risse innerhalb einer türkischen Familie in Wien, ohne zu werten, bildgewaltig auf den Punkt gebracht. Visuell beeindruckend ist auch der Film, der Wega Film Ende der neunziger Jahre finanziell alles abverlangte: Fritz Lehners Jedermanns Fest war weder beim Publikum noch bei den Kritikern ein durchschlagender Erfolg, doch mit etwas zeitlichem Abstand kann man Lehners stilisierter Bearbeitung des Jedermann-Stoffes einiges abgewinnen. Nicht nur Klaus Maria Brandauers Wucht, die gerade durch sein unterkühltes Spiel noch deutlicher hervortritt, auch die detailverliebten Dekors und die melancholische Grundstimmung machen den Film zu einem veritablen Kinoerlebnis.

Veit Heiduschka hat seine Kinofilme eben für die große Leinwand produziert, deshalb sollte man diese Retrospektive nicht verpassen. Viele der Filme werden so bald nicht wieder im Kino zu erleben sein.