Filmstart

Hive

| Jakob Dibold |
Wenn der Krieg aufhört, beginnt der Kampf

Based on a true story“ wird zwar vorausgeschickt, doch auch ohne diesen Verweis fühlte man sich in Blerta Bashollis Debütfilm sofort in Realität versetzt: Fahrije durchsucht Leichensäcke, offenkundig verzweifelt auf der Suche nach Gewissheit; Personen in UN-Uniformen müssen sie bitten, zu gehen. Daheim kümmert sie sich um Tochter, Sohn und Schwiegervater und im Ort trifft sie regelmäßig Frauen in einer Versammlung, mit denen sie eines gemein hat: Ihre Ehemänner sind im Kosovokrieg und insbesondere im Zuge des von serbischen Truppen verübten Massakers, das die Ortschaft Krusha e Mahde im März 1999 erschütterte, allesamt entweder ermordet worden oder verschollen. Die Hinterbliebenen wollen sich organisieren, Fahrije ist eine der treibenden Kräfte hinter der Idee, es Frauen zum Zweck ihrer größeren Unabhängigkeit zu ermöglichen, den Führerschein zu machen. Ohne Auto tendieren die ohnehin schwierigen Aussichten auf Arbeit schließlich gegen Null. Doch wird im Dorf viel über das „unschickliche“ Verhalten der Witwen geredet – Fahrije, die regelmäßig mit dem Auto unterwegs ist, ist bereits ein Ziel von Gewalt, die nicht nur sprachlich bleibt. In dieser strengen, patriarchal-religiösen Logik des Zusammenlebens findet die Protagonistin nur langsam genügend Mitstreiterinnen für ihre Idee, die herausragenden Fähigkeiten der Frauen in der Ajvar-Herstellung zu Geld zu machen. Nach und nach zahlt sich die Hartnäckigkeit aus – jedoch nicht ohne Widerstand.

In diesen Kampf um Grundrechte, der nichts weniger als ein akuter Existenz-Kampf ist, verstrickt, schafft es Basholli obendrein noch, das individuelle Drama ihrer Hauptfigur zu erzählen, das eng mit der Sturheit des Schwiegervaters verknüpft ist, der sich weigert, DNA-Proben zur Verfügung zu stellen, die die mögliche Identifikation seines Sohnes deutlich erleichtern würden. Hive erzählt Auswirkungen des Krieges ungeschönt, und mitunter deshalb so beklemmend, weil sich zwischen den Dialogen, von denen keiner auch nur ein Wort zu lang ist, immer wieder die selig anmutende Natur offenbart. Entfernt zwitschernde Vögel deuten auf eine mögliche Welt hin, in einem Film, der zwar Dramatisierungen hinzufügt, aber Alltag und Arbeit von Nachkriegszeit mit Bedacht auf Realismus darstellt, getragen von einer echten Frau, auf deren ausdrucksstarkes Gesicht sich die Kamera oft konzentriert, ohne sie zu durchschauen. Einzig in der hingebungsvollen Pflege des Bienenstocks scheint auf die Gefühle zu dem, den sie verloren hat, hingedeutet. Die Trauer in Hive bedeutet nie Resignation.