Rück- und Vorschau zum 15-jährigen Bestehen: Stand der Dinge bei This Human World, Österreichs erstem Menschenrechts-Filmfestival
2008, im Jahr des 60-jährigen Jubiläums der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen, suchen die Verantwortlichen der Wiener Kinos Schikaneder und Top Kino nach Möglichkeiten, der immer größer werdenden Anzahl an sozial- und gesellschaftskritischen filmischen Arbeiten, die in Österreich keinen Verleih finden, gerecht zu werden. Zur problemlösenden Idee inspiriert die Beobachtung, dass sich gleichsam Filmfestivals, die sich explizit dem Thema Menschenrechte widmen, international mehren. Manche gab es zu diesem Zeitpunkt schon länger, etwa das International Human Rights Festival in Buenos Aires seit 1997 oder das tschechische One World seit 1999, manche bereits ein paar Jahre, wie sowohl die Docudays in der Ukraine oder das Documents Human Rights Festival in Schottland seit 2003, und manche waren noch ganz neu, wie das Inconvenient Films in Litauen, das 2007 seine erste Ausgabe beging. In Wien gab es jedenfalls noch keines. Im Rest Österreichs auch nicht, es war also „naheliegend, ein solches ins Leben zu rufen.“
So beschreibt das Gründungsduo des Festivals, Lisa und Johannes Wegenstein, in Grundzügen die Entstehung von This Human World, jenem Festival, das seit nunmehr 15 Jahren die österreichische Filmfestivalsaison beschließt. Einen Platz im Festivalkalender zu finden, sei die geringste Schwierigkeit gewesen, schließlich schien es ideal, sich um den Tag der Menschenrechte am 10. Dezember zu positionieren, wodurch sich der Starttermin Ende November/Anfang Dezember wie von selbst ergab. Schwieriger gestaltete sich anfänglich naturgemäß die budgetäre Lage, wovon man sich aber nicht beirren ließ – auch, weil die Publikumsresonanz schon gleich ziemlich hoch gewesen sei. Zentrale Unterstützung – auch in inhaltlicher Hinsicht – kam ab der ersten Stunde vom Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte, damals geleitet von Dr. Manfred Nowak; eine Zusammenarbeit, die bis heute anhält. Die stetig wachsende Gruppe an Förderern und Partnern und maßgeblich auch die auf Initiative der Vienna Independent Shorts und espressofilm erfolgte Gründung des Forums österreichischer Filmfestivals im Jahr 2012 trugen zur weiteren Etablierung von Österreichs erstem Menschenrechtsfilmfestival bei.
In alle Welt, aus aller Welt
Knappe „1.200 Filme und hunderte Gäste“ konnte This Human World seit seinem ersten Stattfinden zeigen und begrüßen. Zu jenen Persönlichkeiten, die in den ersten Jahren am meisten Eindruck hinterließen, zählen Rebiya Kadeer, die damalige Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren, die anlässlich des ihr gewidmeten Filmporträts 10 Conditions of Love (R: Jeff Daniels) 2009 in Wien zu Gast war oder der große Dokumentarist Claude Lanzmann, der im Zuge einer Retrospektive seines Werks präsent war. Des Weiteren erinnern Lisa und Johannes Wegenstein, die die Geschäfte des Festivals leiten, besonders den Besuch des Auschwitz-Überlebenden Danny Chanoch, „dessen Humor und Lebensfreude gepaart mit großer Erzählkraft, wie im Film Pizza in Auschwitz zu sehen, überwältigend waren“ und jenen der pakistanischen Aktivistin Malala Yousafzai 2016, die vier Jahre zuvor ein Attentat der Taliban überlebt hatte – nicht ohne zu betonen, dass eine solche Auflistung von „Höhepunkten“ natürlich nie als vollständig, sondern maximal als exemplarisch gelesen werden sollte.
Weiterhin gelingt es This Human World Jahr für Jahr, mutige Filmschaffende nach Wien zu holen, und niemals sind die von ihnen behandelten Themen nur temporär relevant. Weil es sich bei dem ganzen Unterfangen nichtsdestotrotz um ein Filmfestival handelt, werden seit dem zweiten Festivaljahr auch Preise verliehen. Doch auch in dieser Hinsicht betritt This Human World zunächst einmal Neuland und weiß bereits mit dem ersten ins Leben gerufenen Preis in der Sektion „The Future Is Ours To See“, über dessen Gewinn von Jugendlichen aus ganz Europa entschieden wird, von Anbeginn die jungen Generationen miteinzubinden. Allmählich ergibt sich in Folge eine Struktur aus vier Wettbewerbs-Sektionen und einem Internationalen Jurypreis, einem Preis für den besten Erstlingsfilm, einem für den besten Beitrag der „Expanded Shorts“ sowie einem Preis für den besten österreichischen Film. Diese fortlaufend zu betonen hat auch den einfachen Grund, dass die Gewinnerfilme über die Jahre wiederum ein ganz eigenes Archiv der Tatsache darstellen, dass es zahlreiche Krisen gibt, die nie aufhören, brennend aktuell zu sein: Other Europe von Rosella Schillaci, „der sich mit dem Drama von nach Europa gelangten Flüchtlingen befasst und der nicht minder traurigen europäischen Einwanderungspolitik“, 2012 von der Jury zur besten internationalen Arbeit gekürt oder Those Shocking Shaking Days von Selma Doborac, 2016 bester österreichischer Film und eine „Antikriegsdoku, wie sie nicht besser in unser heutiges, durch den Ukrainekrieg gefährdetes Europa passen könnte“, sind nur zwei Beispiele, die dies belegen. Wie auch das Festival als Ganzes ein lebendiges Archiv von Menschenrechtsverletzungen und der Auflehnung gegen eben diese darstellt.
Kein Frontalunterricht
Mit dieser Auflehnung muss es weitergehen. Nach zwei bitteren Jahren, in denen Online-Festivalausgaben faktisch die einzige Möglichkeit waren, trotz sehr kurzfristiger Untersagung von Präsenz-Veranstaltungen, soll die 15. Ausgabe von This Human World wieder in seiner physischen, sehr involvierenden Form stattfinden. Dessen, dass die Gespräche und Diskussionen nach den Screenings sowie das Rahmenprogramm überhaupt mit das Herzstück des Festivals sind, ist sich auch die neue künstlerische Leiterin Carla Lehner bewusst: „Es soll echter Austausch stattfinden, nicht nur zwischen jenen mit Expertise vor einem Publikum, sondern mit dem Publikum. Teilweise ist es auch gar nicht zumutbar, das Publikum den Kinosaal verlassen zu lassen, ohne dass das Gesehene in einen weiteren Kontext gesetzt wird. Die Einbindung des Publikums ist generell sehr, sehr wichtig bei uns, nicht nur in den Q&As, sondern auch in Workshops, auch außerhalb der Kinoräumlichkeiten.“ So bietet das diesjährige Programm etwa einen von dem externen Kurator Adrian Haim konzipierten Schwerpunkt zum Neuen Antisemitismus, der sich zusätzlich zu Filmvorführungen in Form von Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen ereignen wird. Im Sinne eines Weiterdenkens des Festivalraumes aus den Vorführungssälen hinaus, erarbeitet This Human World heuer auch erstmals ein weiteres mediales Element: Ein Festivalmagazin, das als Hybrid aus Programmheft und Reader zusätzlich zu den Filminhalten die behandelten Themenschwerpunkte in redaktionellen Texten aufarbeitet. Und auch die aus der Not heraus kreierte Online-Plattform für das Streaming ausgewählter Festivalfilme wird es zwecks verstärkter Zugänglichkeit weiterhin geben, wenn auch natürlich quantitativ reduziert.
Neue Wege
Stichwort hybrid: Schon in den letzten Jahren stachen im Programm des This Human World einige experimentierfreudige Filme heraus, die ihre Aussage nicht streng dokumentarisch, sondern als Mischform mit fantasievoller und fiktionaler Anreicherung übermitteln – etwa das eindringliche Anorexie-Psychogramm Ecstasy von Moara Passoni (Ausgabe 2020). Ein Trend? „Auch dieses Jahr gab es viele Einreichungen, die einem hybriden Modell entsprechen: viel und verschiedenes Archivmaterial, Doku-Elemente, Spielfilm-Elemente … Man merkt, dass diese Trennlinien immer stärker verschwimmen. Im Vordergrund steht, was erzählt werden möchte, die strikte Wahl eines bestimmten Zugangs ist nicht mehr so wichtig“, so Lehner. Vielleicht würden Spielfilme oder bestimmte Aspekte daraus auch öfter gewählt, weil sie in gewissem Sinne einen einfacheren Zugang zu im Grunde unerträglichen Lebensrealitäten oder Schicksalen ermöglichen.
Gemäß der neuen Leiterin nicht minder auffällig war im Sichtungsprozess die große Zahl an Einreichungen, die verschiedene Ausprägungen von Aktivismus und Protestbewegungen zum Gegenstand haben. Darunter auch viele Werke über aktuelle aktivistische Bewegungen in Wien und Österreich, wobei das Hauptaugenmerk auf dem interessanten Wandel liegt, dass sehr junge Menschen sich aktivistisch zum Thema Klimakrise engagieren. Diese Unzufriedenheit der jüngeren Generation, die nun um ihre Zukunft kämpfen müsse, soll beim Festival auch gebührend Raum zur Verfügung gestellt bekommen. Der thematische Fokus unter dem Titel „Collective Activism“ werde dementsprechend fortgeführt, wenn nicht erweitert werden.
Konkrete Aussichten
So ist mit Die Wüste Lebt ein Film im Programm der Ausgabe 2022, der mit dem Protestcamp in der Wiener Lobau die in letzter Zeit prägendste Besetzung von öffentlichem Raum hierzulande vielschichtig dokumentiert. Der Künstler und Filmemacher Oliver Ressler, der unter anderem 2017 bei der documenta in Kassel vertreten war, hält darin Gegenwarts-Diskussionen ebenso fest wie Zukunftsvisionen. Während die von Hollywoodstar Elliott Page produzierte reale Coming-of-Age-Geschichte Into My Name (R: Nicolò Bassetti) den hürdenreichen Weg von trans Personen begleitet und mit Vorurteilen aufräumt, steht The Killing of a Journalist wie emblematisch für die Bedeutung von This Human World als Ort ständiger Alarmbereitschaft gegenüber Missständen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie als wichtige Stelle akuter Wissensvermittlung: Matt Sarneckis erschütternde Dokumentation gewährt Einsicht in ein tödliches Zusammenspiel aus organisiertem Verbrechen und korrupter Staatsführung – mitten in Europa.
Direkt wird kein Filmfestival die Welt so verändern können, wie es sich alle Beitragenden wünschen, doch ist es der stark bewusstseinsschaffende Charakter, der Festivals wie The Human World auszeichnet – das sieht auch die aktuelle Leitung so. Und gerade nach zwei Jahren Pandemie sei es nach Lehner umso wichtiger, dem Publikum neben mahnenden auch hoffnungsvolle Perspektiven zu eröffnen. Das Festival ist weiterhin bestrebt, dies zu leisten, auch weil einer der Umstände, der zum Gründungsgedanken beigetragen hat, weiterhin vorherrscht: Viele der sehenswerten Einblicke sind weiterhin exklusive Kino-Erlebnisse.
