Rheingold

Rheingold

Gangsta’s Paradise

| Jörg Schiffauer |
In „Rheingold“ widmet sich Fatih Akin der turbulenten Biographie des Rappers und Musikproduzenten Xatar.

Selbst wenn man sich nur die einigermaßen gesicherten Eckdaten im Leben von Giwar Hajabi, wie der als Rapmusiker bekannt gewordene Xatar mit bürgerlichem Namen heißt, vergegenwärtigt, erscheint seine Geschichte mehr als nur drehbuchreif. Geboren wurde er 1981 als Sohn einer im Iran ansässigen kurdischen Familie, die sich im Zug der Machtergreifung Chomeinis und des Mullahregimes gezwungen sah, ihre Heimat zu verlassen. An diesem Punkt setzt Rheingold bereits ein, über etliche Zwischenstationen gelangt die Familie Hajabi schließlich nach Deutschland. Giwars Vater Eghbal Hajabi, ein bekannter Komponist, der besonders in der kurdischen Gemeinde ein hohes Ansehen als Künstler genießt, nimmt bald nach der Ankunft seinen kleinen Sohn zu einer Probe von Wagners „Das Rheingold“ mit ins dortige Opernhaus. Und obwohl Giwar in diesem Umfeld ziemlich bürgerlich aufwächst, bleiben Reibungen – sowohl innerhalb der Familie als auch in einem für die Hajabis neuem sozialen Umfeld nicht aus. Fatih Akin, der es in Regiearbeiten wie Solino oder Gegen die Wand kongenial verstanden hat, solche Reibungsflächen, die aufgrund unterschiedlicher kultur- und milieubedingter Hintergründe entstehen, nuanciert und abseits breitgetretener Klischeevorstellungen aufzuzeigen, findet dazu auch in Rheingold differenzierte Zugänge. Die unerbittliche Gründlichkeit, die etwa Vater Eghbal beim Klavierunterricht gegenüber seinem Sohn an den Tag legt, assoziiert man dann doch eher mit einer als typisch deutsch angesehenen Eigenschaft. Doch dass Akins Inszenierung kein Biopic konventionellen Zuschnitts vor dem Hintergrund von Migration sein will, wird spätestens dann deutlich, als Rheingold sich mit dem Lebensabschnitt Giwars befasst, in dem der Protagonist als Halbwüchsiger nach und nach ins (klein)-kriminelle Milieu eintaucht und dabei als „Xatar“ – was „Der Gefährliche“ heißt – seine erste Karriere macht.

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Ab diesem Zeitpunkt mutiert Rheingold zu einem geradezu schwelgerischen Eintauchen ins Genrekino, das den Aufstieg Xatars zu einer ziemlich großen Nummer in der Welt des Verbrechens irgendwo zwischen Schelmenstück und Gangsterfilm – angesichts manch tolldreister Episoden sollte man sich auch das anfängliche Insert „inspiriert von wahren Ereignissen“ ins Gedächtnis rufen – beleuchtet. Der entsprechende Genrekanon changiert zwischen grimmiger Härte und Überhöhung in Richtung Meta-Ebene, eine dramaturgische Strategie, die zumindest konzeptuell an Martin Scorseses Goodfellas und Casino – dass Scorsese da aber in einer anderen, unerreichbaren filmischen Liga spielt, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt – sowie, was den nonchalanten, ironisierten Umgang mit Gewaltdarstellung angeht, an einige von Guy Ritchies Regiearbeiten erinnert. Fatih Akin knüpft mit dieser stilisierenden Darstellung an seine vorangegangene Regiearbeit Der goldene Handschuh an, in der er die Geschichte des Serienmörders Fritz Honka als exzessiven Blutrausch in der Tradition des Grand Guignol aufbereitet. Im Fall von Rheingold erscheint die Gangsterpose durchaus stimmig, spielt doch eine (überhöhte) Selbstdarstellung gerade im Rapmetier, in dem sich Xatar nach und nach einen Namen – einige Songs nimmt er etwa während eines Gefängnisaufenhalts heimlich in seiner Zelle auf – machen konnte, eine nicht unwesentliche Rolle. Ruft man sich mit einigem Schaudern das grauenhaft misslungene Biopic über einen anderen Deutschrapper, Zeiten ändern dich, in dem Bushido sich selbst spielt und mit hölzerner Verkniffenheit vergeblich versucht, Authentizität zu generieren, erscheint Akins Zugang als sinnvolleres Regiekonzept. Dass Fatih Akin sich dabei eine selbstironische Distanz bewahrt hat, wird in der Schlusseinstellung deutlich, wenn die Rheintöchter samt Goldschatz tatsächlich ins Bild gerückt werden.