Erwachsenwerden zwischen Reagan und Rassismus
Der Originaltitel von James Grays autobiografisch angelegtem Film geht auf Ronald Reagan zurück. In Armageddon Time beschreibt der 1969 geborene US-amerikanische Regisseur seine eigene Kindheit in Queens, New York, zu Beginn der achtziger Jahre – der Zeit also, in der Reagan als US-Präsidentschaftskandidat feierlich verkündete, dass den USA eine moralische Katastrophe bevorstehe – oder, wie er es formulierte, ein „Armageddon“. Gray war damals gerade zwölf Jahre alt. Jetzt hat er seine Erinnerungen in einer Art filmischer Novelle zusammengefasst, in der sein junges Alter Ego Paul Graff heißt und mit einer entwaffnenden Mischung aus Temperament und kindlicher Neugier von dem jungen Banks Repeta gespielt wird.
Der blasse jüdische Junge mit feuerrotem Lockenkopf hat es schwer in der Schule. Er ist gerade erst in eine neue Klasse gekommen und sein unsympathischer Lehrer hat es auf ihn abgesehen. Dass er sich ausgerechnet mit Johnny (Jaylin Webb) anfreundet, einem schwarzen Jungen, der seine Ambitionen teilt, als Klassenclown groß herauszukommen, macht die Sache nicht einfacher. Aber Paul erkennt auch, dass Johnny härtere Strafen bekommt, und er lernt schnell, was Rassismus im Alltag bedeutet. Zu Hause verbringt er viel Zeit mit seinem Opa (Anthony Hopkins), der ihm liebevoll und spielerisch die Welt erklärt, während sein hitziger Vater (Jeremy Strong) oft die Nerven verliert. Irving Graff ist ein ernster, strenger und hart arbeitender Mann, der sich in seiner Selbstbefangenheit oft nicht anders als mit roher Gewalt zu helfen weiß. Und Mutter Esther (Anne Hathaway) steht irgendwo dazwischen. Doch auch sie hat Besseres zu tun, als ihre beiden Söhne zu verhätscheln. Ihr Job als Lehrerin für Hauswirtschaft bedeutet ihr viel. Nebenbei kandidiert sie für einen Sitz in der Bezirksschulbehörde, bis der Druck irgendwann immer größer wird, auch ihren Jüngsten auf einer Privatschule unterzubringen, um ihn vor zu vielen falschen Einflüssen zu bewahren.
Darius Khondjis Kameraarbeit mit ihren unzähligen Braunschattierungen kann manchmal ein bisschen behäbig erscheinen, und auch Gray wechselt ein paar Mal zu oft zwischen verschiedenen Tonlagen, die den Film bisweilen aus dem Gleichgewicht bringen. Seine Stärke liegt jedoch darin, das wunderbar beschwingte Zusammenspiel zwischen Repeta und Hopkins bis ins kleinste Detail einzufangen und einfühlsame Momente zu schaffen, die Pauls Erwachsenwerden vor dem Hintergrund der nationalen Geschichte widerspiegeln. Armageddon Time erinnert daran, dass die Versäumnisse der Politik heute ihren Ursprung in den Problemen der Politik von damals haben. Selten hat sich ein historisches Coming-of-Age-Drama so zeitgemäß angefühlt.
