Wer im Glashaus liebt (R: Michael Verhoeven)
Wer im Glashaus liebt (R: Michael Verhoeven)

Senta Berger

Erfahrung und Handwerk

| Christian Genzel |
Senta Berger wurde im November beim Braunschweig International Film Festival mit dem Schauspielpreis „Die Europa“ und einer dazugehörigen Retrospektive geehrt. Im Interview spricht der Weltstar über seine Arbeit und Erfahrungen.

Ein Blick, eine beiläufige Geste, einen Moment der Stille: Viel mehr braucht Senta Berger meist nicht, um vom Innenleben ihrer Figuren zu erzählen. Die 1941 geborene Wienerin wurde nach ersten deutsch-österreichischen Produktionen (Es muss nicht immer Kaviar sein) bald zum souveränen Weltstar, drehte in Hollywood mit Kirk Douglas oder Charlton Heston und in Europa mit Wim Wenders, Volker Schlöndorff oder Dino Risi. 1966 heiratete sie den Regisseur Michael Verhoeven, mit dem sie nicht nur als Schauspielerin arbeitete, sondern auch die eigene Produktionsfirma Sentana gründete, die Filme wie Die weiße Rose oder Das schreckliche Mädchen herstellte. Später war Senta Berger u. a. in Helmut Dietls Kultserie Kir Royal und in der langjährigen Krimireihe Unter Verdacht zu sehen, 2006 erschien ihre lebhafte Autobiographie Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann. Demnächst ist sie in wieder im Kino in Oskars Kleid zu sehen, in dem der von Florian David Fitz gespielte Protagonist Ben von seiner Frau und den gemeinsamen Kindern Oskar und Erna getrennt lebt. Wegen eines Krankenhausaufenthalts seiner Ex ziehen seine Kinder zwischenzeitlich wieder bei Ben ein, doch im Zuge der Annäherung hält Oskar eine Überraschung für seinen Vater bereit. Beim 36. Braunschweig International Film Festival wurde Senta Berger für ihr Werk mit der „Europa“ ausgezeichnet und ließ mit einer Retrospektive Stationen ihrer Karriere Revue passieren.

In Ihrem Buch nennen Sie drei Filme, bei denen Sie am Anfang Ihrer Karriere gesagt haben: Solche Rollen möchte ich spielen. Alle drei Filme sind mit Jeanne Moreau – „Fahrstuhl zum Schafott“, „Die Liebenden und „Stunden voller Zärtlichkeit“. War Moreau ein Vorbild für Sie?
Senta Berger: Ich war sehr jung, als ich das französische Kino und damit auch Jeanne Moreau entdeckt habe – zu einer Zeit, wo ich vertraglich verpflichtet war, einige Filme zu machen, die mich zwar handwerklich weitergebracht, aber ansonsten nicht gefordert haben. Das Kino am Ku’damm, das Maison de France, war mein Heimkino, und da lief ein Film mit Jeanne Moreau nach dem anderen. Sie war für mich eine erwachsene Frau, die erwachsene Geschichten erzählte. Man hatte das Gefühl: Die hat Erfahrung, die hat Leben, die hat schon Schmerz gespürt und zeigt das auch. So wollte ich immer auch sein: Ich wollte erwachsen sein, ich wollte ernstgenommen werden, und ich wollte mich auf eine Art und Weise ausdrücken, die nicht plump und vulgär war. So wie ich damals in diesen ersten Musikfilmen von Artur Brauner eben gezeigt worden bin – es waren diese Mädchenrollen, die immer „Babsi“ oder „Trixi“ hießen, und die waren immer so lustig. Ich habe wirklich darunter gelitten. Darum war Jeanne Moreau so wichtig für mich als Bild: So will ich arbeiten.

Sie schreiben, was Ihnen von anderen Leuten über das Schauspielen mitgegeben wurde. Zum Beispiel von Willi Forst: „Weniger ist mehr“. Oder auch von ihrem Schwiegervater Paul Verhoeven, der „nichts“ machen, Pausen finden wollte – wie wichtig ist das für Ihr Spiel?
Senta Berger: Sehr wichtig. Und immer noch. Oft wird ja über Konkurrenzdenken und Rivalität und Eifersucht gerade unter Schauspielkollegen gesprochen – das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Wenn ich etwas sehe, was mich mitnimmt, dann nehme ich es auch wirklich in mein Leben mit. Ich stehle mir auch etwas. Gut stehlen ist gutes Handwerk, nicht nur unter Autoren. Eine der wunderbaren Lektionen war mein Partner Alec Guinness in einem britischen Film, der zum ersten Mal den Satz gesagt hat: „Denken und Denken sichtbar machen“. Ich wollte mich natürlich am Anfang zu stark beweisen, die Prüfung bestehen, auch durch starkes Engagement und durch Temperament. Das muss man dosieren, das ist auch Handwerk.

Ich freue mich sehr, dass „Wer im Glashaus liebt“ von Ihrem Mann Michael Verhoeven Teil Ihrer Retrospektive ist.
Senta Berger:
Ich habe noch nicht den Mut gehabt, mir das anzuschauen. Den habe ich bestimmt seit 30 Jahren nicht mehr gesehen. Aber ich muss jetzt wohl. (Lacht.)

Wieso haben Sie da Berührungsängste?
Senta Berger: Das war so ein persönlicher Film, so eine aufregende Zeit. Wir waren so jung. Und wir waren jung verheiratet und … machen dann einen Film über die Entscheidung, ob man monogam in Zweisamkeit lebt, oder ob man auch selbstverständlich andere Besitzansprüche hat, und ob das innerhalb unserer Gesellschaft nicht möglich sein kann. Warum sollte ein Mann nur einer Frau gehören oder umgekehrt? Es hat überhaupt nicht unserer persönlichen Beziehung entsprochen, wir waren beide eifersüchtig wie die Katzen! Dieses Öffnen der Gesellschaft, das Sich-Freimachen, war ein bisschen das Motto von Friedensreich Hundertwasser, in dessen Atelier wir gedreht haben, und er ist ein bisschen auch der Mann, der in dieser Dreiecksbeziehung vorkommt, der für freie Liebe plädiert. Und tatsächlich war ich so infiziert von meiner Zeit, dass es mir bis heute schwerfällt, „mein Mann“ zu sagen. Wir haben damals gesagt: Das gibt es nicht, ein Mensch gehört niemandem.

Es ist ja auch viel Unsinn passiert in den 68ern und in den Siebzigern, natürlich. Aber man hat auch vieles dadurch diskutiert und in Frage gestellt, in diesen Jahren ist sehr viel passiert. Ich wundere mich heute über einige gesellschaftliche Phänomene, die zum Teil aus Amerika kommen und mich erinnern an die Frauenclubs der Zwanziger, oder an die, die Ingrid Bergman verurteilt haben, weil sie unverheiratet ein Kind bekommen hat: „Geht nicht in ihre Filme“. Jetzt gibt’s diese Cancel Culture, wir sollen gar nicht mehr diskutieren. Das wundert mich sehr, weil es eben das absolute Gegenteil in den siebziger, achtziger Jahren war.

Auch Wenders’ „Der scharlachrote Buchstabe“ ist in der Retrospektive – der ist ja quasi die andere Seite dieser Untersuchung, auch da geht es um Moralvorstellungen, wie man zu leben hat oder nicht zu leben hat.
Senta Berger: Da bin ich sehr unzufrieden mit mir selbst in dieser Rolle. Sehr unzufrieden. Ich bin ja geschminkt in diesem Film. Das ist mir so peinlich, wenn ich das heute sehe! Ich verstehe auch den Wim nicht – wieso hat er nie mit mir geredet und gesagt: „Du, Senta, lass das mal!“ Ich kann den Film gar nicht sehen. Vielleicht ist er sogar gut – oder vielleicht bin ich sogar gut, ich weiß es nicht. Ich sehe nur den Fehler, den ich damals gemacht habe. Wie ist uns das passiert? Und da waren lauter tolle Leute dabei vom WDR. Der Volker Canaris war ein unglaublicher Redakteur, Tankred Dorst hat das Drehbuch geschrieben, eigentlich doch alles da – und ich habe es verhunzt. (Lacht.)

Interessanterweise hat Wim Wenders ja auch gesagt, dass er gar nicht zufrieden mit dem Film ist, weil er das Historiensetting so einengend fand.
Senta Berger: Überhaupt: Er kann gar kein Buch verfilmen, das er nicht geschrieben hat. Und sich einzulassen auf eine feste Disposition mit festen Dialogen und so, das lähmt ihn. Wir haben auch darüber viel gesprochen und haben gesagt: Schade, jetzt machen wir schon mal einen Film zusammen und … ja. Er gibt den auch in seiner Biografie ungern an, nur wenn er gezwungen wird. (Lacht.) Aber der Film war ein großer Erfolg in Amerika. Der ist an den Universitäten immer wieder gezeigt worden.

Schade ist, dass „Die Moral der Ruth Halbfass“ von Volker Schlöndorff nicht in der Retrospektive ist.
Senta Berger: Den habe ich auch sehr, sehr lange nicht gesehen. Ich glaube, das Drehbuch war nicht geglückt, das war ein bisschen vage. Es sollte sowas werden wie ein Chabrol, das merkt man auch. Margarethe von Trotta war ja damals schon an seiner Seite, und die Arbeitseinteilung war ein bisschen so, dass er mit Technik und Kamera zugange war und Margarethe mit uns Schauspielern, weil Volker damals noch so geängstigt war vor Schauspielern. Margarethe hat mit Regie geführt, aber es war noch nicht soweit, dass man das zugeben wollte. Es war auch der Beginn meiner Freundschaft mit Margarethe – das ist so eine fantastische, engagierte Person.

Ein heimlicher Favorit von mir ist „Der Mann ohne Gedächtnis“ von Duccio Tessari.
Senta Berger: Ja, der hätte eigentlich in der Retrospektive sein können, als typischer italienischer Horrorfilm. Den habe ich gerne gemacht. Ich habe natürlich jeden Film in Italien gerne gemacht, einfach weil ich da gerne war. Darüber kann ich heute wenig sagen, außer, dass es eine schöne Zeit für mich war.

In Italien haben Sie ja auch „Die nackte Bourgeoisie“ mit Ornella Muti gedreht.
Senta Berger: Furchtbarer Titel. Das ist ein Stück über den Faschismus, Anfang der dreißiger Jahre, als die Nobiltà, die höhere Gesellschaft, dem Faschismus gehuldigt hat. Natürlich war es einer dieser italienischen Filme, die unglaublich ausgestattet sind. Jedes Knöpfchen an meinem Kleid war authentisch dreißiger Jahre, jede Handtasche, jeder Haarkamm. Daran haben die Italiener solchen Spaß. Wenn ich dann gesagt habe: „Aber das sieht man doch gar nicht“ – dann hat meine Kostümbildnerin gesagt: „Aber ich sehe es!“ Ich war bei einer berühmten Kostümbildnerin in Rom in der Via Margutta, und sie hat mich gefragt: „Sind Sie Deutsche?“ – „Nein, ich bin Österreicherin.“ – „Peggio ancora, noch schlimmer!“ Ich hatte schon Spaß an dieser Rolle; ich finde, der Film hat kein gutes Ende, er ist nicht zu Ende gedacht und nicht zu Ende geschrieben, hat zu viel gewollt und zu wenig gebracht.

Mit Ihrem Mann haben Sie viel gedreht und auch produziert. Das ist ja manchmal schwierig, wenn private und berufliche Ebene zusammenkommen. Gab es da Reibungen oder Absprachen, um die Rollen zu trennen?
Senta Berger: Absprachen hat es keine gegeben, aber ein ganz natürliches Sich-Einfinden in die Situation. Man weiß doch eigentlich, wie man miteinander umgehen soll und muss, wenn man zusammen arbeitet. Da braucht man keine Absprache zu halten. Es war ein wunderbares Miteinander. Wir haben am Abend, wenn wir nach Hause gefahren sind, nie mehr über die Arbeit gesprochen. Alle Konflikte, die sich anhand einer Szene, eines Buches ergeben haben, wurden vorher besprochen. Und nachdem die Bücher ja bei uns zuhause geschrieben wurden und ich über die Schulter gucken konnte, war ich immer sehr beteiligt an all diesen Arbeiten. Ich würde Ihnen gerne irgendeine kleine Anekdote erzählen, wo wir uns verkracht haben. Haben wir nicht. Wir sind immer sehr höflich miteinander umgegangen und haben uns privat gestritten. So sollte es auch sein, finde ich. Es hat uns sehr zusammengeschweißt. Mehr vielleicht, als mir damals bei den gemeinsamen Arbeiten klar geworden ist. Die sind einfach nicht zu trennen.