emily film

Filmstart

Emily

| Pamela Jahn |
Eindringliches Regiedebüt, in dessen Zentrum Emily, die mittlere der Brontë-Schwestern, steht

Die entscheidende Frage fällt gleich zu Beginn: „Wie hast du ,Sturmhöhe geschrieben?“, fragt Charlotte ihre Schwester auf dem Sterbebett. Und sie legt noch nach: „Vulgär und hässlich“ sei das Buch, „voller selbstsüchtiger Menschen, die nur an sich denken.“ Emilys Antwort auf das vernichtende Urteil ist knapp: „Gut“, erwidert sie, mit erstaunlicher Dringlichkeit in der schwachen Stimme, die Charlotte umso wütender macht. Sie vermutet, dass da „etwas“ dahinter steckt. Erst später, nachdem die mittlere Brontë-Schwester viel zu früh aus dem Leben gegangen ist, wird sie begreifen, was dieses Etwas ist.

Dazwischen erzählt die Schauspielerin Frances O’Connor in ihrem Regiedebüt die Geschichte der Brontës, basierend auf einem spekulativen Drehbuch, das aus ihrer eigenen Feder stammt. Im Zentrum steht Emily, die Wilde, Ungestüme, der Sonderling, die mit zerzaustem Haar durch die Heide rennt, Gedichte schreibt, und sich mit ihrem geliebten Bruder Branwell berauscht von Opium im Gras wälzt. Emma Mackey spielt diese junge Rebellin nicht, sie verinnerlicht sie in jedem Augenblick auf so unbedingte, eindringliche Weise, dass man unweigerlich an Florence Pugh in Lady Macbeth denken muss. Sie hat dieselbe rohe und elementare Energie im Blut. Auch sie wirkt wie aus der Zeit gefallen, und ist doch in ihr verankert – zerrissen zwischen den Welten, den Menschen, die sie liebt.

Als ginge es darum, ihren ewigen inneren Konflikt noch zu verschärfen, dichtet O’Connors Drehbuch ihrer Titelfigur eine stürmische Romanze mit dem jungen Vikar William Weightman an, der über seine Liebe zu der jungen Schriftstellerin erfährt, wie emotional anfällig er selbst ist. Emily spürt die schneidende Schärfe der geheimen Leidenschaft ebenso, sehr zum Missfallen ihres Bruders, der sich selbst mit zunehmendem Drogenkonsum immer mehr ins Abseits drängt. Bald wird auch sie lernen, dass Liebe grausam, schmerzhaft und rachsüchtig sein kann, und sie wird alles in das Buch einschreiben, das Charlotte so sehr hasst.

Dem viktorianischen Setting setzt die Regisseurin eine aufregende Inszenierung entgegen, die im Suggestiven, Atmosphärischen ihre größte Wirkung erzielt. Einmal genügt ihr eine vakuumartige Stille, um Schock und Trauer darzustellen, ein andermal lässt sie Emily im strömenden Regen um sich selbst kreisen, nachdem ihre Heldin sämtliche Worte der Angst, Wut und Sehnsucht erfolgreich zu Papier gebracht hat. Ihr Film greift den drängenden Rhythmus von Brontës Sprache auf, lässt Emilys physisches Empfinden in die Bilder einziehen, und kommt ihr damit näher als jeder Versuch einer Annäherung an die berühmten Schwestern zuvor.