Künstlerporträt eines Klaviervirtuosen
Man möchte ihm permanent auf die Finger schauen. Als könnten seine Hände auch nur den kleinsten Hinweis darauf geben, welches Geheimnis hinter dem großen Talent von Igor Levit steckt. Das Klavier ist sein Instrument, sein Medium, sein Leben. Doch selbst wenn der Pianist nur über Beethoven redet, ist er immer mit dem ganzen Körper dabei – und mit dem Herzen sowieso. Manchmal hat man sogar das Gefühl, die Musik würde direkt in seinem Innern entstehen. Das zumindest ist der Eindruck, den man als Zuschauer dieses sensiblen filmischen Porträts gewinnt, das Regina Schilling dem rastlosen Künstler gewidmet hat.
Die Regisseurin hat Levit seit Herbst 2019 ein gutes Jahr lang begleitet. Ihr Dokumentarfilm endet, als Levit im Dezember 2020 unter freiem Himmel für eine Gruppe von Klima-Aktivisten im Wald spielt. Gemeinsam mit dem Pianisten schlittert man also förmlich hinein in die Pandemie und erlebt einen jungen Mann, der auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere plötzlich ausgebremst wird. Über hundert Konzerte hätte er spielen sollen. Daraus wird zwar nichts, aber Levit steht trotzdem nie still. Er ist ein Künstler, der seine Kunst braucht, wie andere die Luft zum Atmen. Einer, der spielen muss, egal wo, egal wie. Hier. Und jetzt.
Die eigene frühe Kindheit in Russland hat er selbst ausgeblendet. Seine Erinnerung, betont er immer wieder, setze erst mit der Ankunft seiner Familie in Hannover Mitte der neunziger Jahre ein. Damals war er gerade acht. Dass ihm auch schon vorher eine Karriere als musikalisches Wunderkind bevorstand, verrät nur eine kurze Archivaufnahme. Mehr Zeit nimmt sich Schilling, um das politische Engagement des Künstlers von heute in den Vordergrund zu stellen. Stets ist er auf sämtlichen Social-Media-Kanälen aktiv, vor und nach den Konzerten, im Privatleben und in Gesprächen, immer wenn es etwas gibt, das er mit der Welt zu teilen wünscht. Auch seine 52 „Hauskonzerte“, die er seit März 2020 tagtäglich gespielt und über Twitter gestreamt hat, finden ihren Platz im Film, ebenso wie die zum Teil nervenaufreibenden Proben wie etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Oder die endlosen Nächte mit seinem Tonmeister und Vertrauten Andreas Neubronner in dessen Studio in Stuttgart, wo Levit mit ihm bis tief in die Nacht über der Klavierpartitur einer Sonate schwitzt.
Das Faszinierendste, Schönste, Unfassbare ist jedoch die Musik. Wenn Levits Hände fast unmerklich über die Tasten seines Steinway-Flügels gleiten oder er sich die Seele aus dem Leib spielt, als würde es bei jedem Ton jetzt ganz sicher um alles oder nichts gehen. Für Levit scheint es so zu sein. Dann ist der Künstler, der Pianist und vor allem auch der Geschichtenerzähler Igor Levit ganz bei sich, in sich. Und wir mit ihm.
