Jess Franco, dem das Filmarchiv Austria einen Tribute widmet und Joe D’Amato: Zwei Regisseure, die allein durch ihren Arbeitseifer beeindrucken und doch zeitlebens heftig umstritten um ihre Respektabilität ringen mussten.
Als Jess Franco am 2. April 2013 verstarb, veröffentlichte „Der Spiegel“ einen Nachruf mit dem Titel „Der Schmuddelgott“. Diese ein wenig despektierlich anmutende Überschrift eines ansonsten im Tenor durchaus würdigenden Texts bringt den Mangel an Wertschätzung, die den Filmemacher Franco lange Zeit begleitete, ziemlich genau auf den Punkt. Ein Schicksal, das er mit seinem Regiekollegen Joe D’Amato teilt. Allein Filme wie Der Hexentöter von Blackmoor, Mondo Cannibale 3 – Die blonde Göttin der Kannibalen, Die Säge des Todes oder Die nackten Superhexen vom Rio Amore – die besonders griffigen deutschen Verleihtitel unterstreichen dies noch zusätzlich – scheinen ein gewisses Präjudiz in Sachen Jess Franco zu bestätigen. D’Amato hat da mit Nackt unter Kannibalen, Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf, Endgame – Das letzte Spiel mit dem Tod oder Sklavin für einen Sommer auch einiges an rustikalen Titeln aufzuweisen. Doch wie so oft sollte man auch bezüglich der Bewertung von Jess Franco und Joe D’Amato gern gepflegte und gehegte Vorurteile einer eingehenden Prüfung unterziehen.
Die Umtriebigen
Zugegebenermaßen liegt das Spielfeld von Franco und D’Amato primär in jenem Kino, das man der Sparte „Exploitation“ zuordnet. In dem Dokumentarfilm Inferno rosso: Joe D’Amato sulla via dell’eccesso (Joe D’Amato on the Road of Excess; Regie: Manlio Gomarasca, Massimiliano Zanin, 2021), der auf den renommierten Festivals von Venedig und Rotterdam gelaufen ist, verweist Jean-François Rauger, Filmkritiker und Kurator der Cinémathèque française auf einen Aspekt, der durchaus bemerkenswert erscheint: „Das erste, was aus Joe D’Amatos Karriere hervorsticht, ist allein die Anzahl an Filmen, die er gemacht hat, es müssen an die 200 sein. Das ist an sich schon aufschlussreich, ein derartig umtriebiger Regisseur ist einfach interessant. Ich denke da auch an Jess Franco oder Woody Allen, die Jahr für Jahr einen oder mehr Filme gedreht haben. So produktive Regisseure sind spannende Figuren, und Joe D’Amato hat zeitweilig sogar fünf oder sechs Filme in einem Jahr fertig gestellt. Kino wird für so jemanden das Leben, filmen ist dann so notwendig wie atmen.“
Auch das Œuvre von Jess Franco umfasst mehr als 200 Filme, ganz genau lässt sich das auch aufgrund der zahlreichen Pseudonyme nur mehr schwer eruieren. Unter seinem bürgerlichen Namen Jesús Franco Manera am 12. Mai 1930 in Madrid geboren, begann Franco in den fünfziger Jahren in mehreren Funktionen in der spanischen Filmindustrie zu arbeiten. So fungierte er als Assistent von Regisseuren wie Juan Antonio Bardem oder León Klimovsky, verfasste Drehbücher und komponierte – Jess Franco galt als ausgewiesener Jazz-Liebhaber – etliche Scores. Nach einigen Kurzfilmen konnte er schließlich 1959 seinen ersten Spielfilm inszenieren. Unter dem Eindruck einiger Arbeiten aus dem Haus der legendären britischen Produktionsfirma Hammer Films wandte Jess Franco sich jedoch bald dem Horrorgenre zu und drehte 1962 die spanisch-französische Koproduktion Gritos en la noche (Schreie durch die Nacht), in deren Mittelpunkt der Chirurg Dr. Orloff, der Frauen aus Nachtclubs entführt, um mit deren Haut das durch einen Unfall entstellte Gesicht seiner Tochter wiederherzustellen. Was nach einer gängigen Genre-Arbeit klingt, war allerdings im Spanien dieser Tage unter der Herrschaft des „Caudillo“ Francisco Franco ein durchaus diffiziles Unterfangen. Um die rigiden Zensurbestimmungen auszuhebeln, verlegte Jess Franco die Handlung etwa nach Paris, hätte doch eine in Spanien spielende Horrorgeschichte in den Augen des reaktionären Regimes die Reputation des Landes schmälern können. Mit dem international vertriebenen Gritos en la noche gelang es Franco, auch überregional auf sich aufmerksam zu machen. Bereits in dieser frühen Phase seiner Karriere zeigte sich die für ihn charakteristische hohe Produktivität, mit der Jess Franco höchst unterschiedliche Genres wie Musical (Vampiresas 1930), Krimi (Rififí en la ciudad) oder Western (El Llanero) in Angriff nahm. Zwischenzeitlich fungierte er auch als Second-Unit-Regisseur in Orson Welles’ Shakespeare-Adaption Chimes at Midnight.
Eine der bemerkenswertesten Regiearbeiten Francos aus den sechziger Jahren zählt jedoch wieder zum Horrorfach. In Miss Muerte (Das Geheimnis des Dr. Z) variiert er mit der Figur des verrückten Wissenschaftlers eines seiner bevorzugten Motive. Anhand des Plots um eine Tänzerin, die mittels Gedankenkontrolle zu einem mörderischen Instrument der Rache wird, setzt Franco expressionistisch anmutende Traum-Sequenzen elegant in Szene.
Durch die Bekanntschaft mit dem Produzenten Karl Heinz Mannchen – wegen seiner jüdischen Herkunft musste Mannchen in den dreißiger Jahren vor dem Terror der Nationalsozialisten aus seiner deutschen Heimat nach Spanien fliehen, wo er nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der dortigen Filmindustrie arbeitete – konnte Jess Franco vermehrt auch außerhalb Spaniens ans Werk gehen. So drehte er neben dem bekannten deutschen Produzenten Arthur Brauner – die erste Zusammenarbeit datiert bereits aus dem Jahr 1966 mit dem etwas satirisch angehauchten Agentenfilm Lucky M. füllt alle Särge (Lucky, el intrépido) – auch für die österreichische Lisa Film von Karl Spiehs, die bekannteste Produktion dabei dürfte der Slasher Die Säge des Todes (1981) sein. Doch genau genommen filmte Jess Franco produktionstechnisch quer durch Europa, von Frankreich, England, Italien, Deutschland bis in die Schweiz. So drehte er 1976 in Zürich Jack the Ripper, eine seiner Kollaborationen mit Erwin C. Dietrich. Der Schweizer Dietrich war als Gründer von Elite Films (später Ascot) vor allem als in den sechziger Jahren höchst umtriebiger Produzent von Erotik- und Expoitationfilmen bekannt geworden, doch er hatte auch höhere Ambitionen. So landete er 1978 mit dem hochkarätig besetzten The Wild Geese – Weltstars wie Richard Burton, Richard Harris, Roger Moore und Hardy Krüger spielen ein in die Jahre gekommenes Söldnerkommando – einen viel beachteteten Erfolg. Berührungsängste in Sachen Erotik gab es auch bei Jess Franco nie, neben so ziemlich allen gängigen Genres hatte er bereits in Necromonicon – Geträumte Sünde (1966) einen Horrorfilm mit deutlich sadomasochistischen Elementen in Szene gesetzt. Als Produzent fungierte übrigens Adrian Hoven, für den Score zeichnete kein Geringerer als Friedrich Gulda verantwortlich. Dass Franco auch in ein wenig schlüpfrig anmutenden Subgenres wie dem „Frauengefängnisfilm“ oder dem „Nunsploitation“ (Die Nonnen von Clichy, 1973) aktiv war, hat wohl in nicht geringem Ausmaß dazu beigetragen, dass seine Arbeit mit dem Begriff „Sleaze“ assoziiert wird.
Italienischer Roger Corman
Eine Apostrophierung, mit der sich auch Aristide Massaccesi im Verlauf seiner schillernden Karriere wiederholt konfrontiert sah. Der Nom de Plume Joe D’Amato ist nur der bekannteste einer ganzen Reihe von Pseudonymen, die Massaccesi dem aus der Hochblüte des Spaghetti-Westerns folgenden Trend zur Anglisierung benutzte. Der am 15. Dezember 1936 in Rom geborene Massaccesi stammte aus einer „Kinofamilie“, wie seine Tochter Francesca dies in der Dokumentation Inferno rosso formuliert, betrieb Aristides Vater ein Lagerhaus mit kinematographischem Equipment wie Kameras oder Scheinwerfern. Bereits Anfang der fünfziger Jahre konnte Aristide erste Erfahrungen in unterschiedlichen Funktionen auf diversen Filmsets sammeln, bis man ihm schließlich anbot, als Kamera-Assistent zu fungieren. In zahlreichen Produktionen entwickelte er jene Fertigkeiten, die es ihm erlaubten, ab 1969 als „Director of Photography“ zu agieren. Joe D’Amato – um bei seinem gebräuchlichsten Namen zu bleiben – wurde rasch ein sehr gefragter und vor allem hoch geschätzter Kameramann. Regisseur Ruggero Deodato vergleicht D’Amatos Fertigkeiten, was die Bildgestaltung angeht, mit jenen von Tonino Delli Colli, einem der großen Kameramänner des italienischen Kinos, der mit Regisseuren wie Pier Paolo Pasolini, Sergio Leone oder Federico Fellini gearbeitet hatte.
Es sollte nur einige Jahre dauern, bis Joe D’Amato 1972 begann, auch Regie zu führen, wobei er zumeist auch weiterhin als Kameramann seiner eigenen Inszenierungen fungierte. Wobei er selbst offensichtlich Wert darauf legte, seine Arbeit mit der Kamera gesondert zu betrachten, firmiert er doch in den Credits als Kameramann zumeist unter seinem richtigen Namen Aristide Massaccesi.
Von Beginn an war er in den unterschiedlichsten Genres unterwegs, von Western über Horror bis zum Kriegsfilm. Und bald schon demonstrierte D’Amato sein Gespür und seine Bereitschaft, Trends zu folgen, wie Jean-François Rauger das formuliert. So drehte er im Fahrwasser von Pasolinis frivolen Il Decameron und I racconti di Canterbury zwei Filme, die dem Subgenre der „Commedia sexy all’italiana“ zugerechnet werden – ein Titel wie More Sexy Canterbury Tales verweist darauf, dass Erotik und Humor dabei eher rustikaler Natur sind. Den im Zug der gesellschaftlichen Umbrüche in den sechziger Jahren entspannteren Umgang mit Erotik, der sich etwa in dem phänomenalen Erfolg von Just Jaeckins Emmanuelle (1974) niederschlug, trug D’Amato Rechnung, indem er gleich fünf Filme aus der „Black Emanuelle“-Reihe – mit Laura Gemser in der Titelrolle – drehte. D’Amato trägt dabei dem Exploitationcharakter mit einem wilden Mix aus Erotik, Action, expliziten Gore-Elementen und Hardcore-Szenen – daraus resultieren die höchst unterschiedlichen Schnittfassungen – Rechnung. Eine genreübergreifende Verbindung praktizierte D’Amato etwa auch in Porno Holocaust (Insel der Zombies), einem Horrorfilm mit – in der entsprechenden Schnittversion – Hardcore-Elementen.
Mit der Gründung der eigenen Firma Filmirage zu Beginn der achtziger Jahre entwickelte Joe D’Amato schließlich ein eigenes Finanzierungsmodell für sein filmisches Schaffen. Dabei wurden die hauseigenen Produktionen international vorab verkauft, wobei D’Amato geschickt markante Filmplakate – etwa jene des legendären Illustrators Renato Casaro – als Verkaufsargument einzusetzen wusste. Zu den ersten eigenen Produktionen zählt dabei der Horrorfilm Anthropophagus, der wegen seiner drastischen Gore-Effekte mittlerweile Kultstatus genießt. Zudem verstand Joe D’Amato es weiterhin, sich an den Erfolg großer Blockbuster wie etwa Conan anzulehnen. Seine „Ator“-Filmreihe ist ein ebenso schönes Beispiel für Exploitation-Kino der feinsten Sorte wie sein Abstecher in das beliebte postapokalyptische Szenario mit Endgame. Daneben fungierte D’Amato aber auch als Produzent, der sowohl jungen Regisseuren wie Michele Soavi erste eigene Arbeiten ermöglichte, aber auch renommierte Regiekollegen wie Umberto Lenzi oder Lucio Fulci betreute. Der Regisseur und Drehbuchautor Claudio Fragasso bezeichnet D’Amato diesbezüglich als den italienischen Roger Corman.
Späte Anerkennung
Nun wird vermutlich auch die eingefleischte Fan-Gemeinde nicht insistieren, dass jeder einzelne Film von Joe D’Amato und Jess Franco ein Meisterwerk repräsentiert, das es zu entdecken gilt. Neben so manch stimmiger Genre-Arbeit finden sich auch Filme mit ziemlich hemmungslosem Exploitation-Charakter. Doch die Bedeutung von Franco und D’Amato liegt weniger in singulären Regiearbeiten mit herausragenden Qualitäten, sondern an ihrem jeweiligen Gesamtwerk, das schon durch den Umfang beeindruckt. Es ist eben diese Leidenschaft für das Kino, die beide Regisseure offensichtlich zeitlebens angetrieben hat, geradezu manisch – Francesca Massaccesi schildert in Inferno rosso sehr anschaulich die Arbeitswut ihres Vaters – einen Film nach dem anderen zu drehen. In den allermeisten ihrer Regiearbeiten spürt man geradezu eine Vitalität, die auch durch klar erkennbare Budgetlimitierungen nicht zu bremsen ist. Zudem sollte man nicht unerwähnt lassen, dass der Kinospielplan weltweit von den sechziger bis weit in die achtziger Jahre hinein zu einem guten Teil auch aus einschlägigen Genrefilmen bestanden hat, die nicht zuletzt das Kino als popkulturelle Erfahrung geprägt haben.
Dass sich Werner Herzog selbst schlicht als „guter Soldat des Kinos“ bezeichnet, mag ein wenig als Understatement erscheinen, doch der grandiose Filmemacher Herzog zielt darauf ab, damit eine langfristige Hingabe an das Kino zu würdigen. So durfte sich auch dieses Magazin anlässlich der 150. Ausgabe über diesen von Herzog verliehenen Ehrentitel freuen. In diesem Sinn erscheint es mehr als gerechtfertigt, Jess Franco und Joe D’Amato ebenso als gute Soldaten des Kinos zu bezeichnen.
Leicht wurde den beiden ihre lebenslange Begeisterung für das Kino jedoch nicht immer gemacht, entmutigen ließen sie sich nie. Ihre Filme wurden zumeist von der Kritik recht übel zerzaust, erst nach und nach erfuhren ihre Arbeiten ein gewisses Maß an Anerkennung durch Fans, Fachpresse und Filmschaffende. So artikuliert etwa der Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Eli Roth in Inferno Rosso enthusiastisch seine Bewunderung Joe D’Amatos. Jess Franco durfte es zumindest noch erleben, dass er 2009 mit dem Ehren-Goya – dem renommierten Filmpreis Spaniens – für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Bis zu seinem Tod im April 2013 arbeitete Franco unermüdlich weiter, sein letzter Film wurde posthum veröffentlicht.
Joe D’Amato tat sich mit der sich ab den neunziger Jahren stark verändernden Filmindustrie schwer. Als das Modell der Vorabfinanzierungen zu funktionieren aufhörte, investierte der Filmbesessene D’Amato seine privaten Mittel, die er dabei weitgehend verlor. Um Geld zu verdienen, musste er sich jenem Metier zuwenden, das in den neunziger Jahren zwar ökonomischen Erfolg versprach, er jedoch so gar nicht mochte: Hardcore. Auch wenn er dabei für das Genre durchaus aufwändige, gepflegte Produktionen in Szene setzte, ruinierte er sich seinen Ruf als Filmemacher zwischenzeitlich ziemlich. Eli Roth formuliert die damals vorherrschende Meinung knapp: „Joe D’Amato was seen as the bottom of the barrel – and I think it’s wrong.“ Das sollte sich erst langsam ändern: Screenings in der Cinémathèque française oder der „Tribute to Joe D’Amato“ des Filmarchivs Austria im Februar 2019, wo zehn seiner Filme zu sehen waren, aber auch die erwähnte Dokumentation Inferno Rosso, sind Indikatoren für einen angemessenen Umgang mit seinem Œuvre. Erleben durfte er das bedauerlicherweise nicht mehr. Als Joe D’Amato am 23. Jänner 1999 überraschend einem Herzinfarkt erlag, blieben – wie seine Tochter Francesca in Inferno rosso sichtlich bewegt erzählt – auch viele langjährige Weggefährten und Freunde der Beerdigung fern. Sie fürchteten das durch das Porno-Intermezzo verursachte schlechte Image, das Aristide Massaccesi selbst auf seinem letzten Weg nachhing.
