Sweet Country | Interview

Ein Mann des Pazifiks

| Pamela Jahn |
Nicht viele Schauspieler besitzen eine eigene Farm mit Weingut. Sam Neill schon. Auch sonst ist der Neuseeländer eher eine Ausnahmeerscheinung. In Warwick Thorntons „Sweet Country“ spielt er nun zum ersten Mal in einem Western. Ein Gespräch über Politisches, Tierisches und Persönliches.

Es gibt noch immer Leute, die stutzen, wenn sie den Namen Sam Neill hören. Und das, obwohl der in Irland geborene Schauspieler zweifelsohne zu den gefragtesten Leinwanddarstellern seiner Generation gehört. Wirklich „klick“ macht es im Allgemeinen erst, wenn man seine Rolle als Dr. Alan Grant in Steven Spielbergs Jurassic Park erwähnt, mit der sich Neill 1993 ins Gedächtnis eines breiten Kinopublikums brannte. Dabei war der heute 70-Jährige zu dem Zeitpunkt längst ein gestandener Profi, der bereits mit Andrzej Z˙ulawski (Possession), Claude Chabrol (Le Sang des autres), Jane Campion (The Piano) und Wim Wenders (Bis ans Ende der Welt) zusammengearbeitet hatte. Und auch danach sollten zahlreiche Kinofilme sowie eine gesunde TV-Karriere (unter anderem Peaky Blinders) folgen. Ihn selbst störe die bis heute anhaltende Verwunderung um seine Person jedoch herzlich wenig, sagt Neill lässig, während jenes typisch verschmitzte Lächeln über sein Gesicht huscht, mit dem er auch auf Fotos stets zu sehen ist.

Tatsächlich vermag auch seine jüngste Rolle, die des friedliebenden Missionars Fred Smith in Warwick Thorntons Sweet Country, an diesem Umstand wenig zu ändern. Trotzdem war es Neill wichtig, Teil der Geschichte zu sein, die für ihn den Ursprung vieler nach wie vor aktueller Probleme reflektiere. Im Zentrum des Geschehens steht der Aborigine Sam (Hamilton Morris), der in den zwanziger Jahren in der australischen Einöde von Alice Springs aus Notwehr einen betrunkenen weißen Landbesitzer erschießt, weil dieser zuvor seine Frau vergewaltigt hat. Verängstigt und mittellos flüchtet sich das Ehepaar Hals über Kopf ins unbarmherzige Hinterland, um Sam vor der ihm bevorstehenden Todesstrafe zu bewahren. Doch der gnadenlose Sergeant Fletcher (Bryan Brown) ist ihnen auf den Fersen, um dem vermeintlichen Delinquenten einen kurzen Prozess zu machen. Allein Fred, bei dem Sam und seine Frau zuvor angestellt waren, glaubt nicht an eine kaltblütige Tat, und so setzt er alles daran, dem Angeklagten zumindest eine faire Gerichtsverhandlung zu ermöglichen.

 


Interview mit Sam Neill

Sie sind bekannt dafür, dass Sie sich kein Blatt vor den Mund nehmen. Nun spielen Sie einen gottesfürchtigen Farmer, dem das Fluchen gänzlich fremd ist. War das eine Herausforderung?
Sam Neill:
Ich gebe zu, ich fluche schon ganz gern mal. Allerdings passieren derzeit auch allerhand Dinge in der Welt, die mich ärgern. Wie es politisch aussieht im Besonderen. Und das hat thematisch in gewisser Weise auch mit unserem Film zu tun. Es geht darin um eine schwierige Phase der australischen Geschichte, in der es ganz ungeniert zu offenem Rassismus kam. Aber bis heute traut sich keiner, darüber zu reden. Es ist zum Verrücktwerden. Dabei müssen wir genau dort hin schauen, in die Vergangenheit. Wir müssen uns daran erinnern, wie es vor hundert Jahren zuging, unsere eigene Geschichte, die eigenen Wurzeln kennen. Denn heute laufen Nazis durch Charlottesville, als sei vorher nichts gewesen. Haben wir denn gar nichts gelernt? Nein. Die Leute vergessen lieber, und dann geht alles von vorn los. Auf der einen Seite mag Sweet Country ein unterhaltsamer Western sein, der eine menschliche Seite hat. Aber er funktioniert auch auf einer anderen Ebene, denn man kann dabei durchaus etwas über die Zeit, damals wie heute, lernen. Das hat mich fasziniert. Zumal der Film, wie es immer so schön heißt, auf einer wahren Geschichte beruht, auf einer der vielen düsteren Geschichten, die sich in Australien, wie in jeder anderen kolonialen Gesellschaft, im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte zugetragen haben. Furchtbare Dinge sind da geschehen. Und je mehr ich darüber nachdenke, umso wütender werde ich. Dabei bin ich im Vergleich zu Bryan Brown noch ganz harmlos. Das können Sie mir glauben. Wir sind engste Freunde, aber er hat in der Hinsicht einen schlechten Einfluss auf mich.

War Bryan Brown es auch, der Sie auf das Drehbuch aufmerksam gemacht hat?
Nein, ich glaube wir bekamen das Drehbuch ungefähr zur gleichen Zeit in die Hände. Es ist unser fünfter oder sechster gemeinsamer Film. Wir arbeiten gern zusammen und haben es immer sehr entspannt.

Gilt das auch für Warwick Thornton?
Warwick ist wahrscheinlich der netteste, entspannteste und feinfühligste Typ, dem ich je begegnet bin. Man könnte denken, dass er eine ungeheure Wut im Bauch haben müsse. Hat er aber nicht. Er ist die Ruhe in Person.

Ganz ähnlich wie Ihre Figur im Film.
In gewisser Hinsicht schon. Allerdings ist niemand in diesem Film einfach nur schwarz oder weiß. Das hat mich auch in Bezug auf meine Figur sehr beschäftigt. Denn mit der Kirche ist das ja auch so eine Sache: Die Missionare, die es damals gab, waren im Großen und Ganzen wohlwollende Leute, aber sie haben oftmals mehr Schaden angerichtet als Gutes zu tun. Vor allem in Australien. Zum Beispiel, dass sie den Aborigines die Kinder wegnahmen, um diese in schrecklichen Missionarshäusern zu erziehen. Das war kontraproduktiv und grausam. Nichts weiter.

Als Zuschauer erfährt man sehr wenig über die Hintergrundgeschichte von Fred Smith. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht, wo er herkam?
Ja. Mir kam er immer wie ein Mann vor, der zwar nicht religiös aufgewachsen ist, aber den Glauben für sich gefunden hat. Ich denke, irgendwas ist passiert in seinem Leben, dass ihn zu Gott geführt hat. Etwas Dramatisches, ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert, also wie man Gott findet. Aber irgendwie hat Fred ihn für sich gefunden.

Die Landschaft, in der Sie gedreht haben, ist ziemlich brutal. Wie anstrengend waren die Dreharbeiten?
Ich habe vor vielen Jahren schon einmal einen Film mit Meryl Streep in der Gegend gedreht, A Cry in the Dark, über den Azaria-Chamberlain-Fall, und dann später auch einen mit Wim Wenders. Den Wenders-Film haben wir im Winter gedreht, das war also nicht so schlimm. Allerdings hatte ich zunächst durchaus Bedenken, was unseren Dreh jetzt anging, weil wir zur gleichen Zeit dort waren wie bei dem Film mit Meryl, und das war damals eine schreckliche Tortur. Eine extreme Hitze. Aber irgendwie war es diesmal anders. Schon allein deshalb, weil es Warwicks Land ist, es seine Leute sind, die wissen, wie man den Bedingungen dort beikommt. Das heißt, wir haben uns während der Dreharbeiten immer gut aufgehoben gefühlt.

Wenn Sie über Warwick Thorntons Heimat reden, denken Sie dann manchmal auch an Ihre eigenen irischen Wurzeln zurück?
Nicht wirklich, auch wenn ich dort geboren wurde. Wenn Sie mich so fragen, fühle ich mich persönlich vielmehr als ein Mann des Pazifiks, egal wie kitschig das jetzt klingen mag. Ich bin Neuseeländer, die Familie meiner Frau ist größtenteils japanisch oder Maori. Wir haben alle irgendwo unsere Wurzeln. Meine liegen in Irland, aber ich fühle mich recht wohl, wo ich jetzt zu Hause bin. Die Aborigines sagen: „Das Land gehört uns nicht, wir gehören dem Land.“ Und mir wird immer klarer, was dahinter steckt, seit ich meine eigene Farm habe und dort professionell Wein anbaue. Das Land gehört mir, ich habe es gekauft. Aber ich merke auch, wie ich immer mehr davon abhängig werde, je länger ich dort bin.

Woher rührt Ihre Leidenschaft für Wein?
Alkoholsucht, nehme ich an. Nein, im Ernst, das geht auf eine lange Familientradition zurück, aber ich bin der Erste, der Wein anbaut. Ein Vorteil meines Erfolgs als Schauspieler war es, dass ich mir irgendwann leisten konnte, guten Wein zu trinken, nicht nur das Zeug aus dem Tetrapack. Und ich kannte Leute, die in Central Otago, wo ich damals lebte, anfingen Wein anzubauen. Aber nicht irgendeinen, sondern tollen Pinot Noir, und ich dachte: Das ist großartig. Mein Lieblingswein. Warum baue ich den nicht einfach selbst an? Mittlerweile gehören mir vier Weinberge, die zwar nicht sehr groß sind, aber immerhin. Als ich damit anfing, habe ich mir geschworen, keinen gewöhnlichen Wein zu produzieren, denn das kann jeder. Mein Ziel ist es, den besten Wein der Welt herzustellen.

Bekommen alle Regisseure, mit denen Sie arbeiten, automatisch eine Flasche Wein als Dankeschön?
Nur, wenn sie sehr, sehr gut sind.

Wer hat zuletzt eine Flasche verdient?
Um den Wein geht es dabei gar nicht. Die größte Anerkennung, die man sich verdienen kann, ist, wenn ich eines meiner Tiere nach jemandem benenne. Ich habe Rinder, Schafe, Hühner und einige mehr. Und wenn mir jemand besonders ans Herz gewachsen ist, benenne ich ein Tier nach ihr oder ihm. Meine Kuh Helena Bonham Carter hat zum Beispiel gerade Laura Dern zur Welt gebracht, ein kleines Kalb. Beide Schauspielerinnen sind begeistert von ihren tierischen Patenkindern.

Wer hatte sonst noch die Ehre?
Bryan Brown war ein Schaf, ein Bock sogar. Leider ist er schon gestorben. Susan Sarandon und Anjelica Huston sind auch Schafe und leben noch. Und Meryl war ein Huhn.

Haben Sie Steven Spielberg auch auf diese Weise ausgezeichnet?
Nein, es sind vor allem Schauspieler. Es geht dabei in gewisser Weise darum, dass wir von den Regisseuren ja auch alle ein bisschen wie Tiere behandelt werden. Und wenn ich die nun auf einmal auch miteinbeziehen würde, könnte die Sache leicht aus dem Ruder laufen. Dann herrschten am Ende „Animal Farm“-ähnliche Zustände, das gilt es zu vermeiden.

Sie haben im Lauf Ihre Karriere interessanterweise mit zwei polnischen Regisseuren gearbeitet: Andrzej Z˙ulawski und Krzysztof Zanussi.
Ja. Wie rechts ist Zanussi heute eigentlich? Bei ihm weiß man ja nie so genau, woran man ist. Er ist ein großes Rätsel.

Und Żuławski?
Żuławski war ein durchgeknalltes Genie. Und er war nicht nur selber verrückt, sondern hat auch alle um sich herum verrückt gemacht. Das war quasi Bedingung, sonst hieß es gleich, man sei nicht wirklich engagiert. Und wer nicht wirklich engagiert war, wurde ins Abseits gestellt. Ich hatte so etwas noch nie erlebt und habe bis heute keine annähernd ähnliche Erfahrung gemacht.

Sie haben in über hundert Filmen mitgespielt, mit einigen der größten Regisseure gearbeitet, in allen Genres. Wählen Sie jetzt, da Sie Ihre zweite Leidenschaft, den Wein, haben, auch bei den Rollen vorsichtiger aus?
Ich wünschte, ich könnte sagen: Ja. Und ich wünschte, ich hätte einen Plan, aber den gibt es nicht. Die meisten Schauspieler haben keinen Plan. Sie behaupten vielleicht, sie hätten einen, doch in Wirklichkeit ist das gelogen. Um ganz ehrlich zu sein: Ich war nie übermäßig ambitioniert als Schauspieler. Ich bin unendlich dankbar für die Karriere und all die Möglichkeiten, die ich hatte. Aber ich wollte zum Beispiel nie Hamlet in Stratford spielen, oder ein Star am Broadway sein. Das ist nichts für mich. Mein Interesse gilt ausschließlich dem Kino. Ich liebe es, an Filmsets zu sein und an Orte zu reisen, an die ich sonst nie kommen würde. Anderseits lebe ich ein sehr eigenwilliges Leben, zu Hause mit meinen Hühnern und Enten, am anderen Ende der Welt. Das ist mir durchaus bewusst, und ich bin sehr zufrieden, wie es ist.

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, Ihren Lebensunterhalt mit der Schauspielerei verdienen zu können?
Damals war ich dreißig. Ich spielte in einem Film mit dem Titel My Brilliant Career, der mich nach Australien brachte.

Der Titel klingt wie eine Ironie des Schicksals.
Vielleicht, darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht. Davor hatte ich vornehmlich Dokumentarfilme gemacht. Allerdings auch nur aus Mangel an Alternativen. Ich sollte eigentlich Anwalt werden, habe aber den Abschluss nicht geschafft. Und danach gab es einiges, von dem ich dachte, das könnte vielleicht was für mich sein. Am Ende wurde es die Schauspielerei. Ich bin sehr glücklich, dass es so gekommen ist. Was will man mehr?