„Architektur bewegt“ ist der doppeldeutige Titel der Architekturtage, die in allen Bundesländern am 8. und 9. Juni ein äußerst vielfältiges Programm präsentieren. Ein Schwerpunkt ist der fruchtbaren Wechselwirkung von Architektur und Film gewidmet.
Architektur ist eine jener Kunstformen, die oft unbewusst den Alltag eines jeden Menschen zu einem gewissen Grad prägen. Schließlich wohnen wir alle in Räumen, deren Besonderheiten sich irgendwann einmal jemand ausgedacht hat, meist basierend auf den Geschmäckern und Notwendigkeiten der jeweiligen Zeit. Natürlich macht es einen Unterschied, ob man in einem Plattenbau am Stadtrand oder in einem Haus am Meer lebt, aber auch abgesehen von solchen Extrembeispielen haben die unzähligen architektonischen Gestaltungselemente gerade in urbanen Umgebungen zweifellos eine Auswirkung auf das subjektive Wohlbefinden der dort Lebenden und Arbeitenden.
Die alle zwei Jahre stattfindenden Architekturtage wenden sich deshalb dezidiert nicht nur an Architektur-Aficionados, sondern an alle, die sich dafür interessieren, warum unser Lebensraum so ausschaut und nicht anders und welche Gestaltungsmöglichkeiten es überhaupt gibt. Kinder sind ja oft geborene Architekten – Lego ist nicht umsonst eines der erfolgreichsten Kinderspielzeuge. Gerade für Familien bietet das Programm der Architekturtage einige Highlights. Das Medium Film wurde von den Programmverantwortlichen – dem Verein Architekturtage und den Architekturhäusern in den Bundesländern – nicht zufällig als eines der populärsten ausgewählt, um einem möglichst breiten Publikum die mannigfaltigen Themenkomplexe der Architekturwelt näher zu bringen. Abgesehen von interessanten Dokumentationen über einflussreiche Architekten und spannende Bauwerke werden auch Spielfilme präsentiert, die den Einfluss und die Bedeutung von oft visionärer Architektur und Design für die Filmgeschichte verdeutlichen.
Wir beginnen unsere Reise durch die Bundesländer in der Steiermark, wo Jacques Tati in seinem Klassiker Mon Oncle beweist, wie amüsant Architektur- und damit auch Zeitkritik sein kann. Der 1958 entstandene Film über die spirituelle Leere eines sterilen, vollautomatisierten Hauses wirkt heute aktueller und erschreckender denn je. An ungewohnten Grazer Spielstätten wie der Contipark Tiefgarage, dem Dachgeschoss von Kastner & Öhler oder der Murinsel werden Kurzfilme gezeigt, die sich mit außergewöhnlichen Orten auf der ganzen Welt beschäftigen. In Klagenfurt wird beim offenen internationalem Workshop „Ortsbezogene Kinos“ die Frage diskutiert, in welche global-lokalen Netzwerke sich kinematografische Szenen heute einfügen und wie bestehende räumliche urbane oder ländliche Situationen dabei adaptiert oder verändert werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Fragestellung, welche Rolle solche mobilen Kino-Situationen für die Entwicklung und Förderung von zeitgenössischen Betätigungsdemokratien spielen könnten.
Ein solches Pop-up-Kino können die Besucher während der beiden Festivaltage etwa in Bludenz, Vorarlberg bewundern, der Den oft verheerenden Einfluss, den Shopping Center auf den innerstädtischen, aber auch auf den ländlichen Bereich ausüben können, diskutiert die Regisseurin nach der Filmvorführung in Ried, Oberösterreich, mit Architekten und Besuchern. Wie man die Städte der Zukunft wieder lebenswerter gestalten kann, zeigt der dänische Regisseur Andreas Dalsgaard in seinem Film The Human Scale, der in Wels zu sehen sein wird.
Mit dem Kino im Kesselhaus in Krems hat ORTE, das Architekturnetzwerk Niederösterreich, einen kompetenten Partner für seine Dokumentarfilmschau über den kreativen Prozess bei international renommierten Architekten wie Zaha Hadid, Tadao Ando, Peter Behrens oder Hans Hollein gefunden. Am Samstag werden in Anwesenheit des Regisseurs drei der eindrucksvollsten Arbeiten des Schweizers Christoph Schaub gezeigt. Nach Bird’s Nest – Herzog und De Meuron in China spricht Schaub ausführlich über die mannigfaltigen Herausforderungen des Architekturfilmens.
In Wien rückt die Architektur dieses Mal über unterschiedliche Medien in den Mittelpunkt: Im Umspannwerk Favoriten gibt es ein kuratiertes Film- und Vortragsprogramm zu den Themen Raumfahrt, Weltall und Elektrizität, werden dort auch die Preise für den Kinder und Jugendfilmwettbewerb „Architektur bewegt“ vergeben. In der Seestadt Aspern wird in Citizen Jane: Battle for the City der Kampf von Jane Jacobs für ein lebenswertes New York in den sechziger Jahren gefeiert. Die streitbare Aktivistin diente als Vorbild für viele Initiativen alternativer Stadtentwicklung in den letzten Jahrzehnten.
Die Architekturtage beschränken sich jedoch nicht auf Österreich, es gibt Kooperationen und Veranstaltungen in Bratislava und Maribor, im Burgenland widmet sich Architektur Raumburgenland in seinem neuen Programm „Stinform“ (small towns in the former Habsburgian monarchy) der Erforschung der Kleinstädte Kapuvár (Ungarn) und Galanta (Slowakei). Auch abseits des filmischen Schwerpunktes haben die Architekturtage zahlreiche weitere Highlights zu bieten: offene Ateliers, Stadtspaziergänge, Vorträge, Diskussionsveranstaltungen und diverse Partys runden das vielfältige Programm ab.
