Filmstart

Augenblicke: Gesichter einer Reise

| Alexandra Seitz |
Ein gutgelaunter und uneitler Dokumentarfilm über die Kunst und ihren Ort, mitten im Leben.

Eine alte Dame und ein junger Mann reisen durch das Land und machen Kunst; jene Art von Kunst, die das Vorgefundene nutzt und die Ansässigen einbezieht. Sie treffen Menschen bei der Arbeit und beim Müßiggang, kommen ins Gespräch. Mitunter sind sie unterschiedlicher Meinung, manchmal sogar voneinander genervt, doch ihre Freude an der gemeinsamen Arbeit teilt sich mit, nicht zuletzt aufgrund des aufgeschlossenen, sozialen Charakters der Projekte.

Die alte Dame ist die angesehene französische Filmemacherin Agnès Varda, Essayistin, Fotografin, Protagonistin der Nouvelle Vague, die am 30. Mai ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert hat. Der junge Mann ist der 33-jährige französische Fotograf und gefeierte Streetart-Schaffende JR, der mit riesigen Schwarzweiß-Abzügen arbeitet, die er auf Wände im öffentlichen Raum affichiert. Zwei visuelle Künstler, die unterschiedlichen Generationen angehören, verschiedene Interessen und differierende Arbeitsweisen haben, die sich aber nichtsdestotrotz zusammentun, um ihren Blick auf die Welt miteinander zu teilen und dann mit der Welt zu teilen, was sie sehen. Eine wunderbare Idee mit einem berührend lebensfreudigen Ergebnis: Das ist Visages Villages, Oscar-nominiert als Bester Dokumentarfilm.

Unterwegs in JRs Foto-Truck, der wie ein Pixi-Automat funktioniert, besucht nun also die künstlerische Eingreiftruppe idyllische Dörfer, verlassene Siedlungen, Höfe und Ställe, Felder, Wiesen und Strände und interveniert: Bergarbeiter auf alten Fotos erobern sich ihre ehemaligen Heimathäuser zurück, auf Gruppenporträts in einer Unterführung begegnen einander die in verschiedenen Abteilungen und zu unterschiedlichen Zeiten arbeitenden Belegschaftsmitglieder einer Fabrik auf gigantischen Containertürmen verwandeln sich die Abzüge der Frauen von Hafenarbeitern in Totemfiguren.

Schaulustige finden sich ein, Passanten kommentieren. Varda redet mit den Leuten, JR hat auch etwas zu sagen, gemeinsam kommt man weiter und schnell wird aus der Intervention der Künstler ein soziales Ereignis. Immer wieder spült der Zufall auch Unvorhergesehenes an: einen Glöckner, der bereits in dritter Generation durch den Glockenturm der Kirche wirbelt, oder den Lebenskünstler Pony, der aus Kronkorken Bilder schafft und sich einen glücklichen Menschen schätzt. Sie nehmen alles gleichermaßen offenherzig an, Varda und JR, die Alte und der Junge, und schließen Kreise, wo andere nur Gräben sehen.