Filmstart

The Cleaners

| Alexandra Seitz |
Ebenso aufschlussreicher wie beunruhigender Dokumentarfilm über Online-Zensur

Delete … delete … ignore … delete … ignore“ – so murmelt die Stimme im Off. Es hört sich an wie ein Mantra oder eine Beschwörungsformel wider alles Unbill dieser Welt, doch die Person im halbdunklen Großraumbüro irgendwo in Manila teilt ihrem Rechner lediglich per Sprachsteuerung mit, welche Uploads gelöscht werden sollen und welche auf der Plattform verbleiben können. Die Hauptstadt der Philippinen ist der weltweit größte Outsourcing-Standort für Content Moderation. Das heißt, dass die Silicon-Valley-Konzernriesen in Manila Tausende von mutmaßlich schlecht bezahlten Arbeitskräften beschäftigen, die ihre Internet-Plattformen, die so genannten Sozialen Medien wie Facebook, YouTube, Twitter, Instagram und so fort vom schlimmsten Schmutz und Schund – respektive von Inhalten, die Straftatbestände darstellen oder das moralische Empfinden verletzen – frei halten sollen. Was zugleich bedeutet, dass diese Content-Moderatoren sich den ganzen Tag lang potenziell traumatisierende Bilder voller Hass und Gewalt ansehen müssen. Sie löschen Enthaupt-ungsvideos und Kinderpornografie und alles, was man sich gar nicht erst vorstellen mag, sie löschen aber eben auch Scherz, Satire und Ironie mitsamt tieferer Bedeutung und kritischem Potenzial. Wer sind diese Putzkolonnen? Was, außer Geldnot, motiviert sie zu ihrem Tun? Und nach welchen Maßgaben entscheiden sie über „löschen“ und „ignorieren“, respektive darüber, was Teil der Debatten der digitalen Öffentlichkeit sein darf?

Es sind unmittelbar einleuchtende und angesichts der Skandale der vergangenen Monate um mögliche politische Einflussnahmen der Netzwerk-Betreiber hochbrisante Fragen, denen Hans Block und Moritz Riesewick in ihrem Debütfilm The Cleaners nachgehen. Und wenig verwunderlich ist es auch, dass die beiden Filmemacher auf ihrer Suche nach Antworten Pandoras Büchse öffnen, aus der eine Vielzahl weiterer, nicht minder beunruhigender Fragen entweicht – nicht zuletzt, weil Silicon Valley so beredt dazu schweigt. Die Fülle und Diversität seiner Themen die von der individuellen Motivation der Content-Moderatoren über das Verkümmern des Bürgersinns in der Echokammer bis hin zur drohenden Aushöhlung demokratischer Strukturen reichen macht den vorliegenden Dokumentarfilm zwar alles andere als übersichtlich, aber zu einer unbedingt sehenswerten Sammlung von Denkanstößen.

Schlüsse ziehen und eine Haltung entwickeln, muss sodann jeder für sich. Schließlich gilt es, das Heft zurück in die Hand zu bekommen.