Holy Spider

Filmstart

Holy Spider

| Pamela Jahn |
Sozialkritischer Thriller von beklemmender Aktualität

Ali Abbasi konnte es nicht wissen. Als der in Dänemark lebende iranische Regisseur vor zehn Jahren die Idee hatte, einen Film über den „Spinnenmörder“ von Maschhad zu drehen, konnte er nicht ahnen, dass sein Film plötzlich von der Realität eingeholt werden würde. Der Fall, den Abbasi in Holy Spider beschreibt, handelt von Saeed Hanaei, der zu Beginn der 2000er Jahre 16 Prostituierte ermordete, um die Pilgerstadt von Sünde und Laster zu befreien. Jetzt kommt der Film zu einem erschütternden Zeitpunkt in die Kinos, ausgelöst durch den Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die im vergangenen September in Maschhad in Polizeigewahrsam ums Leben kam. Angeblich hatte sie gegen die geltenden Kleidungsvorschriften des Landes verstoßen – seither protestieren die Menschen im Iran und auf der ganzen Welt lautstark gegen das islamische Herrschaftssystem.

Das Timing ist allerdings nicht die einzige Besonderheit. Die Geschichte hat einen spürbar dialektischen Sinn, der über das übliche Katz-und-Maus-Spiel in Thrillern hinausgeht. Denn das Drehbuch fügt den Tatsachen wichtige fiktive Figuren und wirksame Noir-Elemente hinzu, die auf der Leinwand Charakterstärke und eine zunehmend beklemmende Spannung erzeugen. Vor allem Zar Amir-Ebrahimi als engagierte Journalistin trägt diesen Film, der viel zu sagen hat über den herrschenden Sexismus und Frauenhass im Iran.

Rahimi (Ebrahimi) ist in die Stadt gekommen, um die Morde zu untersuchen, hinter denen ein religiöser Fanatiker stecken soll. Und weil sie bei der Polizei auf rigorosen Widerstand und fatale Mängel bei den Ermittlungen stößt, begibt sich die Enthüllungsreporterin schließlich in eigener Mission auf die Suche nach dem Täter. Derweil lernen wir Saeed (Mehdi Bajestani) als einen einfachen Familienvater kennen, der tagsüber als Maurer arbeitet und in seiner Nachbarschaft als ehrenwerter Bürger geschätzt wird. Erst abends, wenn seine Frau und Kinder bei den Großeltern sind, sammelt er auf seinem Motorroller eine Sexarbeiterin nach der anderen ein, die er in seiner Wohnung erdrosselt – bis sich Rahimi selbst als Beute anbietet.

Abbasi inszeniert die Verbrechen mit verstörender Genauigkeit. Gedreht hat er in seinen Film in Jordanien, um eine düstere Authentizität und größere Direktheit der Bilder zu schaffen. Aber auch Bajestani bringt als Täter, der aus Überzeugung und mit wachsamer Entschlossenheit handelt, viel Tiefe und Einsicht ins Spiel, um die Banalität des Bösen auf eindringliche Weise zu vermitteln. So zeichnet Holy Spider die Skizze einer ideologisch und sozial zutiefst gespaltenen Gesellschaft inmitten einer Atmosphäre von religiösem Wahn und der anhaltenden Unterdrückung aller Frauen im Iran.