Sehnsucht als schöne Arbeit und Fest fürs Auge
Helena Wittmann liebt es, das Meer zu filmen. Stand in Drift (2017) eine Beziehung zwischen zwei jungen Frauen im Zentrum, verlagert Human Flowers of Flesh das Gewicht nun nicht nur vollends ins Mittelmeer, mit Ida und ihrer ausschließlich männlichen Crew ist hier auch eine Mehrzahl an Charakteren miteinander. Idas Segelschiff ist ein reisender Lebensraum, zuerst führt es von Marseille nach Korsika. Auf der Insel zeigt sich dann schließlich haptisch, worauf Ida ihren Kurs gesetzt hat: Schon sprachlich angedeutet, beobachtet der Film sie, wie sie einer stummen Faszination für die französische Fremdenlegion nachgeht. Was sie dabei genau zu finden hofft, ruht geduldig irgendwo in der Schwebe zwischen Marguerite Duras und Claire Denis. In Calvi fallen die Legionärskörper wortwörtlich vom Himmel, sehen dabei fast aus wie die Quallen, die vor allem ein Crewmitglied faszinieren, das Meerespflanzen sammelt. Mit Fortdauer der Fahrt kristallisiert sich mit der nordalgerischen Stadt Sidi Bel Abbès ein konkretes geschichtliches Terrain der Légion étrangère als Ziel heraus.
Dort wartet ein Namhafter, doch auch Angeliki Papoulia ist vor allem durch ihre Arbeit mit Yorgos Lanthimos zu Recht längst keine Unbekannte des Arthouse-Kinos mehr. Ihre Ida verkörpert sie so filigran und doch selbstbewusst, dass es ihr beinahe keiner Worte bedarf. Klassische Protagonistin ist die schweigsame Suchende keine, denn Helena Wittmann versteht es wie kaum eine Zweite, eine hypnotische Balance aus Relationen zu komponieren, in der einzelne Elemente ebenbürtig wirksam sind, ob riesig oder winzig. Die wunderschönen Naturaufnahmen mal in Totalen, mal unter dem Mikroskop erheben sich nicht über Sequenzen, in denen Maschinen gepflegt, Bücher gelesen, Handverletzungen verbunden werden; dank des griffigen Sounddesigns und einer Kameraarbeit, die mehr gewitzte Details einfängt als bei einmaligem Ansehen wahrnehmbar sind. Mit seiner unbeirrten Geduld kann sich Human Flowers of Flesh in den Augen einiger wahrscheinlich nicht herausschälen aus der Schublade, in die sperrige Kunstfilme gern gesteckt werden, doch lädt er eigentlich mit offenen Armen zum bloßen Anschauen und Anhören ein zum Mitschaukeln mit der Kamera auf hoher See, zum Eintauchen ins windige Wasser, zum Besuch des Schiffsinneren als Museum der kleinen Wunder, zum Miterleben sorgsamen menschlichen Umgangs, zum Staunen über die gedankliche wie physische Camouflage der Fremdenlegionäre, dieser Schattenboxer des Kolonialismus. Sicher variiert die Erfahrung mit unterschiedlichem Vorwissen, doch wenn Poesie und Materie so zart versöhnt werden, können alle gewinnen.
