Todd Field hat mit TÁR einen der aufregendsten Filme des Jahres gedreht – mit einer Frau im Zentrum, die so komplex und vielschichtig ist, wie die Geschichte, die er erzählt. Ein Gespräch mit der Schauspielerin Cate Blanchett über Musik, Macht und die Freiheit der Kunst.
Die Faszination, die von Todd Fields neuem Film ausgeht, konzentriert sich in seiner fiktiven Hauptfigur: Lydia Tár (Cate Blanchett) ist eine Weltklasse-Dirigentin, vielleicht die größte, brillanteste überhaupt. Und sie hat ein Ego, das ihrem Genie und ihrer damit einhergehenden narzisstischen Ader entspricht. Mit Strenge und Temperament leitet sie die Berliner Philharmoniker, komponiert neue Stücke und unterrichtet nebenbei an der renommierten Juilliard School in New York, wenn sie nicht gerade auf dem Podium steht, Mahlers Sinfonien aufnimmt oder ihre Autobiografie publiziert. Zu ihren engsten Vertrauten gehören ihre Assistentin Francesca (Noémie Merlant), die selbst musikalische Ambitionen hat, sowie ihre Partnerin, die Hauptgeigerin des Orchesters, Sharon Goodnow (Nina Hoss). Und schnell spürt man, dass sie ohne deren pausenlose Unterstützung im Alltag nicht gut funktionieren kann.
Musik und Macht, Mahler und Missbrauchsvorwürfe, und eine atemberaubende Schauspielerin wie Blanchett – viel mehr braucht der US-amerikanische Regisseur Todd Field nicht, um diesen atemberaubenden Film ins Rollen zu bringen. Bereits für seine beiden vorherigen Dramen Little Children (2006) und In the Bedroom (2001) war Field für einen Oscar nominiert, und diesmal stehen die Chancen auf einen Gewinn besonders gut. Tár ist eine Tragödie von Shakespeare’scher Wucht und Dimension über eine überwältigende Persönlichkeit, die in der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit ihrer Schuld an den Rand des Wahnsinns getrieben wird. Und es ist ein Film, der seine ganze Wirkung erst auf großer Leinwand entfaltet und zeigt, wie effektvoll der Regisseur und seine Protagonistin ihr Publikum manipulieren können. Blanchett verteidigt ihre Figur nicht, sie lebt sie in jedem Augenblick, in Freiheit und auf Augenhöhe. Und sie ist so unverschämt gut, dass ihr Spiel allein schon fast unmoralisch ist.
Mrs Blanchett, was war das für ein Gefühl, als Sie zum ersten Mal mit dem Taktstock in der Hand auf dem Podium standen?
Cate Blanchett: Es war unglaublich. Ich musste mich während der Pandemie auf die Rolle vorbereiten, also quasi von zu Hause aus. Das war sehr schade, denn beim Dirigieren geht es natürlich um Präsenz. Es geht um den Atem. Und eine Freundin, die sich damit auskennt, sagte mir: Egal, wie sehr man sich im Stillen vorbereitet oder sich die Aufnahmen anderer Leute anhört, ohne die Musiker ist man sowieso gar nichts. Nichts kann dich darauf vorbereiten, wenn du vor dem Orchester stehst und der Klang zu dir zurückkommt. Heute weiß ich, was sie meinte. Auch wenn TÁR ein Probenfilm ist und das Dirigieren nicht im Zentrum steht: Selbst in den kleinen Ausschnitten, die wir mit dem Orchester spielten, war der Klang einfach fantastisch, so kraftvoll, so schön. Als würde man direkt im Bauch des Instruments sitzen. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum viele Dirigenten so lange dabeibleiben, weil diese Schwingungen sie am Leben erhalten.
Wie ist es mit der Schauspielerei? Könnten Sie sich davon lösen?
Cate Blanchett: Ja, ich schon. Aber jeder Schauspieler, jede Schauspielerin ist anders. Ich persönlich finde es wichtig, manchmal einfach komplett auszusteigen, Abstand zu gewinnen. Denn es ist sehr leicht, in diese Falle zu tappen und von einem Projekt ins nächste zu stürzen. Es passiert mir ständig. Nach jedem Film sage ich mir: „Das war’s, das war das letzte Mal.“ Aber dann kommt jemand mit einer tollen Idee um die Ecke und ich sage wieder zu. Auf Dauer geht das nicht gut.
Auch weil das bedeutet, dass Sie quasi beruflich und privat ständig mit sich selbst konfrontiert sind?
Cate Blanchett: Nein, ich bin ja nicht daran interessiert, mich selbst zu spielen. Natürlich kann man, wenn man sich eine Figur aneignet, nie ganz ausblenden, wer man selbst ist. Aber vor allem, wenn man es mit einer so komplexen Rolle wie Lydia Tár zu tun hat, muss man sie auch ein Stück weit von sich fernhalten. Ihr Charakter ist so kompliziert, so vielschichtig, darauf muss man sich voll und ganz konzentrieren.
Der Film zeigt: Mit großem Erfolg kommt große Macht, und Macht kann korrumpieren.
Cate Blanchett: Ich glaube, dass Erfolg und die Art und Weise, wie er von außen gemessen wird, sich oft sehr, sehr stark von dem unterscheidet, was man intern als Erfolg ansieht. Gleichzeitig offenbart jedes Quäntchen Erfolg unmittelbar und sehr deutlich die eigene Persönlichkeit. Es geht darum, was man damit macht und wie man mit anderen Menschen umgeht. Und wie gesagt, TÁR ist kein Film über das Dirigieren. Es geht nicht um Konzertmusik. Der Film ist eine Meditation über Macht. Er hätte in jedem beliebigen Metier spielen können. Lydia hätte eine Meisterarchitektin oder die Chefin einer Bank sein können, nur wäre das vielleicht etwas langweiliger gewesen. Aber es gibt überall Menschen in Machtpositionen. Und es gibt immer eine ganze Reihe von Faktoren, die sich auf das Verhalten von Menschen in Machtpositionen auswirken, denke ich. Es gibt Leute, die von ihnen profitieren, so wie es Leute gibt, die in der jeweiligen Hierarchie unter ihnen stehen. Und es gibt bestimmte Erwartungen. Dadurch entstehen Spannungsverhältnisse.
Inwiefern?
Cate Blanchett: Ich habe zum Beispiel diese Erfahrung gemacht, als mein Mann und ich die Sydney Theater Company übernommen haben. Der vorherige künstlerische Leiter war sehr hierarchisch, ein großartiger Mensch, aber ganz anders als wir. Als mein Mann am ersten Tag ins Büro kam, ließ er sofort den Schreibtisch entfernen. Stattdessen stellten wir dort eine Reihe von Sofas auf, und es gab einige Leute, die in den ersten Monaten nicht wussten, was los war, weil wir unsere Autoritätsposition nicht so auslebten, wie es erwartet wurde oder wie es traditionell üblich war. Das war sowohl eine Generationsfrage als auch eine Frage der Persönlichkeit.
Macht sich Lydia überhaupt darüber Gedanken, was andere Leute über sie denken?
Cate Blanchett: Ich glaube, sie ist sehr verschlossen gegenüber sich selbst. Je mehr man über sie erfährt, desto mehr erfährt man, wovor sie davonläuft. Ihre größten Geheimnisse sind die, die sie vor sich selbst verbirgt. Wenn man kreativ arbeitet und dabei ist, etwas zu erschaffen, denkt man nicht an sich selbst oder daran, wie man wahrgenommen wird. Man ist ganz bei der Sache, die man zu entschlüsseln oder zu erreichen versucht. Da kann es vorkommen, dass man sich in der Kunst verliert. Und in dem Moment sagt und tut man vielleicht Dinge, die jemand anderes später in Frage stellt, wenn er oder sie den Mut oder das Maß an Handlungsfähigkeit hat, etwas zu sagen. Das zeigt zum Beispiel Lydias Beziehung zu Olga, die mit ihr auf eine Art und Weise spricht, wie es sonst niemand tut. Ist das sexuell? Ich weiß es nicht. Ich finde es erfrischend, und man kann sehen, wie Lydia sich darauf einlässt.
Wie gehen Sie persönlich mit derartiger Kritik um?
Cate Blanchett: Es gibt einige wenige Leute, denen ich in Bezug auf meine Arbeit vertraue und denen ich genau zuhöre, denn es gibt eine Vielzahl von Meinungen, die ständig auf einen einprasseln, und damit kann man sich leicht verrückt machen. Ich denke, man muss auch ein gutes Selbstbewusstsein haben, aber das ist das Schwierige. Ich glaube, man muss seine Unsicherheit in Schach halten und ein gesundes Maß an Zweifeln zulassen. Man muss ständig alles in Frage stellen. Jeder erste Tag am Set ist wie der erste Schultag, man fängt an zu arbeiten, und man denkt, dass man von nichts eine Ahnung hat, und gemeinsam wird man einen Weg finden. Das ist immer wieder erschreckend für mich, selbst nach all dieser Zeit im Geschäft.
Was war für Sie der Schlüssel zu Lydias Figur?
Cate Blanchett: Alles fing mit der Musik an. Ich habe einen Knopf im Ohr getragen, weil ich irgendwo gelesen habe, dass Simon Rattle schon in jungen Jahren gemerkt hat, dass er die ständig Musik in seinem Kopf hört, also immer, pausenlos. Und er merkte ziemlich schnell, dass das nicht „normal“ war. Und es waren nicht unbedingt ganze Musikstücke, wie man das vielleicht erwarten würde. Es waren Gesänge, manchmal nur ein Trommelschlag oder ein Geräusch, und manchmal war es Mahler. Ich wollte das mit dem Knopf im Ohr nachempfinden, und es hat funktioniert. Aber auch Todds Drehbuch war so rhythmisch, es war eine Partitur für sich. Oft ist es ja so, dass man eine Geschichte liest und die Charaktere sind wirklich gut gezeichnet. Oder man ist wirklich an dem speziellen Filmemacher oder der Filmemacherin interessiert, aber man weiß, dass man an den Dialogen arbeiten muss, weil alle im gleichen Rhythmus sprechen. Hier spielte buchstäblich jeder seine eigene Musik. Todd war sehr daran interessiert, dass wir uns in unterschiedlichen Rhythmen bewegen, insbesondere der Unterschied zwischen Olga und Francesca und die Art und Weise, wie sich Lydia durch den Raum bewegt, waren ihm wichtig.
Hilft Ihnen Musik grundsätzlich dabei, sich in Ihre Figuren hineinzuversetzen?
Cate Blanchett: Manchmal ist es Musik, manchmal ist es ein Bild, manchmal eine Zeile im Drehbuch. Aber wenn ich Theater spiele, habe ich oft eine Playlist, mit der ich mich aufwärme. Da läuft dann ein bisschen Nick Cave und jede Menge Nina Simone.
In „Manifesto“ von Julian Rosefeldt haben Sie dreizehn verschiedene Figuren in einem Film gespielt. Wie schafft man das?
Cate Blanchett: Das habe ich in erster Linie Bina Daigler, einer fantastischen Kostümbildnerin, zu verdanken. Zusammen mit ihr und der Maskenbildnerin Mara Rouse haben wir einen halben Tag damit verbracht, jede einzelne dieser Figuren zu entwickeln. Ich habe einfach verschiedene Kostüme und Perücken ausprobiert, bis wir gesagt haben: „Ja, da ist sie, die Nächste bitte!“ Wir haben die Figuren ziemlich schnell erfunden, es war ein großer Spaß. Überhaupt ist die Anprobe oft der kreativste Ausgangspunkt, weil man anfängt, die innere Psychologie einer Figur zu sehen, über die man so lange nachgedacht hat. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie sie sich auf der Leinwand physisch manifestiert. Es ist wie mit dem Bühnenbild im Theater, bevor die Schauspieler den Raum betreten, aber das Publikum bereits die Gelegenheit hat, eine Bedeutung in das Setting hineinzulesen.
Es geht in „TÁR“ auch um die sogenannte Cancel Culture. Denken Sie, es herrscht in der Kunstwelt derzeit eine gewisse Nervosität, sich zu bestimmten Themen zu äußern?
Cate Blanchett: Das ist sicherlich ein Phänomen der Zeit, in der wir leben. Egal, was man sagt, zu wem und in welchem Rahmen, alle sind darauf bedacht, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Aber für mich ist das wirklich nur ein winziger Aspekt des Films. Es ist nur Teil der Textur, Teil der Welt, in der sich die Figuren bewegen.
Haben Sie das Gefühl, dass die Kunstwelt davon mehr betroffen ist als andere Bereiche?
Cate Blanchett: Ich sehe da keinen Unterschied. Und ich würde mir wünschen, dass wir dieselbe Debatte zum Beispiel über die Leute führen, die bei Goldman-Sachs in der Chefetage sitzen. Wir Kunstschaffenden stehen einfach mehr in der Öffentlichkeit. Ich würde gerne sehen, was in anderen Bereichen, die nicht so sehr nach außen gerichtet sind, hinter verschlossenen Türen passiert. Ich verteidige die Missstände in der Branche nicht, in der ich arbeite, und ich glaube, es gibt zum Glück viele Menschen, die versuchen, diese archaischen Strukturen aufzubrechen und zu ändern. Aber wir Schauspielerinnen, Kuntschaffenden sind ungehorsam, wir müssen die Regeln permanent in Frage stellen. Es ist eine Freiheit, die wir nicht nur für uns, sondern für alle verteidigen.
