Stams Film

Filmstart

Stams

| Philip Waldner |
Der Dokumentarfilm bemüht sich um einen differenzierten Blick auf sportlichen Leistungsdruck.

Der Name „Stams“ ist zum Synonym für Österreichs Triumphe im Schisport geworden. Das Tiroler Schigymnasium gilt als wichtigste Kaderschmiede und zählt zu den erfolgreichsten Schi-Internaten weltweit. Dass der exzellente Ruf, den das Gymnasium genießt, jüngst durch Vorwürfe sexueller Übergriffe geschädigt wurde, macht auf Schattenseiten in der Welt des Leistungssports aufmerksam. An diesen Schattenseiten ist Regisseur Bernhard Braunstein, der in seinem Dokumentarfilm Stams einige Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums über ein Jahr hinweg begleitet hat, aber letztlich nicht interessiert. Stattdessen zeigt er nüchtern den Alltag der hoffnungsvollen Athletinnen und Athleten, der sich aus hartem Training, Unterricht und spärlichen Freizeitaktivitäten zusammensetzt. Dabei steht der enorme Leistungsdruck, dem die jungen Menschen ausgesetzt sind, im Fokus. Penibel werden mit den Trainern die Schwünge beim Slalom oder das Absprungverhalten auf der Schanze analysiert. Nicht selten spielen sich Dramen ab. Als eine der Schispringerinnen auf ihre Ziele hin befragt wird, droht sie in Tränen auszubrechen. Ohne eisernen Willen und Disziplin wird man es eben nicht an die Spitze schaffen.

Am überzeugendsten ist Stams an den wenigen Stellen, wo es sich Braunstein trotz seines um eine neutrale Beobachtungsweise bemühten Ansatzes herausnimmt, Mechanismen der Indoktrination aufzuzeigen. Der Film beginnt beim Gottesdienst, wo die Schüler im Namen Gottes dazu angehalten werden, ihre Angst zu überwinden. Kurz darauf sieht man, wie eine Klasse mit einem kurzen Inspirationsvideo über Mikaela Shiffrin dazu animiert werden soll, ihr auf sportlichem Wege nachzueifern. Katholizismus und körperliche Ertüchtigung ziehen hier ideologisch an einem Strang.

Gelegenheit zur Reflexion bietet etwa der Philosophieunterricht. Ausgehend von Kierkegaard fragt der Lehrer: „Bin ich mein Körper oder habe ich einen Körper?“ Damit weist er indirekt auf Probleme hin, die entstehen, wenn man sich rein über physische Leistungsfähigkeit definiert. Später muss eine Rennläuferin, nachdem sie sich bei einer Abfahrt verletzt hat, ihrer Mitschülerin auch eingestehen: „Ohne Sport bin ich nicht ich selber.“ Trotz dieser Momente des Zweifels enthält sich Stams unterm Strich eines klaren Urteils über den gezeigten Mikrokosmos. Das ist an sich nicht verwerflich, man kann sich aber fragen, ob es manche Themen stärker als andere verlangen, dass man eindeutig Stellung bezieht. Am Ende kommt eine Dokumentation heraus, mit der sowohl Kritiker als auch Proponenten der österreichischen Schipropaganda gut werden leben können.