Stams - Bernhard Braunstein
Bernhard Braunstein

Stams | Interview

Schneller, höher, weiter

| Pamela Jahn |

Das Ski-Internat Stams in den Tiroler Alpen ist das Labor einer neuen Wintersportgeneration. Hier lernt und trainiert eine verlesene Anzahl von Jugendlichen, um sich auf den harten Wettbewerb auf der Piste oder Schanze vorzubereiten. Die Besten haben das Ziel Olympia. Ein Gespräch mit dem österreichischen Regisseur Bernhard Braunstein über seinen Dokumentarfilm „Stams“, der unlängst bei der 73. Berlinale in der Sektion Panorama seine Weltpremiere feierte.

Herr Braunstein, sind Sie ein guter Skifahrer?
Bernhard Braunstein: Ich bin schon mit vier auf den Brettern gestanden. Das war meine große Leidenschaft und ich glaube, ich war auch ganz gut. Ich war in einem Skiclub, bin kleinere Rennen gefahren. Und es war schon manchmal so, dass ich bereits im Sommer auf den Winter gewartet habe, dass die Saison losgeht und ich wieder Skifahren kann.

Aber es gab nie die Überlegung, das professionell zu machen?
Bernhard Braunstein: Stams war mir damals schon ein Begriff. Ich wusste, dass es diese Schule gibt, aber ich habe mir das nicht zugetraut. Ich hatte immer den Eindruck, dass dort wirklich nur die Besten der Besten zugelassen werden, und da war ich auf jeden Fall nicht dabei.

Wie ist aus diesem kindlichen Interesse die Idee zu Ihrem Film entstanden?
Bernhard Braunstein: Ich hatte schon immer im Kopf, mit Jugendlichen arbeiten zu wollen. Diese Zeit der Pubertät, des Erwachsenwerdens, fand ich spannend. Und diese Kombination von Skifahren und Schule, Jugend und Erwachsenwerden, diese beiden Themenfelder haben mich schließlich nach Stams geführt. Es ist die älteste Skisportschule, viele Olympiasieger und Weltmeister wurden dort ausgebildet. Und ich wollte einmal genauer hinschauen: Wie geht es den jungen Leuten dort? Was machen die? Und was bedeutet es für jeden und jede Einzelne von ihnen, wenn man sich für so einen Weg entscheidet?

Ihr Film setzt ein mit dem Gottesdienst zu Beginn des Schuljahres, der dem Ganzen automatisch einen gewissen Überbau gibt. Man ist selbst als Zuschauer eingeschüchtert, wen man hört, was da auf die Jugendlichen zukommt.
Bernhard Braunstein: Dieser Einstieg über den Gottesdienst spiegelt für mich zwei Aspekte wider: Zum einen die Tatsache, dass die Schule eben auch in einem religiösen Kontext steht. Es gibt ein sehr berühmtes altes Barockkloster dort. Früher war die Schule des Internats in den Klostergebäuden untergebracht. Zudem ist Österreich und besonders Tirol ein sehr katholisches Land. Die Religion ist Teil des Schuljahres, das mit einem Gottesdienst beginnt und endet. Und wenn am Ende die Zeugnisse vergeben und bestimmte Sportlerinnen und Sportler geehrt werden, dann übernimmt diese Ehrungen in dem Fall der Abt. Andererseits steht Stams quasi als Metapher für die Bedeutung des Skisports in unserem Land. Der Sport an sich hat eine ganz große Dimension und ist bis heute in gewisser Weise identitätsstiftend. Es ist eine der wenigen Sportarten, in der wir lange Zeit richtig gut waren, auch wenn das mittlerweile leider nicht mehr so ist.

Ist der Sport in Stams eine Art Religion für sich?
Bernhard Braunstein: Ich denke, es hängt davon ab, welche Rolle der Glaube an sich für den individuellen Menschen spielt. Aber wenn jemand religiös ist und das viel Bedeutung hat, kann es gut sein, dass die Jugendlichen den Sport auch als eine Art Mission sehen.

Im Film begleiten Sie die Jugendlichen in ihrem Alltag, in der Schule, beim Training, bis hin zu den Wettkämpfen, wo sie hinaus auf die Piste oder Schanze müssen und es ums Ganze geht. Und wie man sieht, ist das vor allem viel mit Enttäuschungen verbunden.
Bernhard Braunstein: Wahrscheinlich ist das der springende Punkt, denn es gibt eben nicht nur diesen einen großen Moment, sondern sie fahren ganz, ganz viele Rennen. Das ist unglaublich. Aber dadurch entsteht eine Routine, dieses Hinfahren, Hotel, Trainingsläufe, dann das Rennen fahren und zum nächsten. Und was halt oft passiert, ist, dass sie keine gute Platzierung erreichen. Dann gibt es Tränen und sie haben dieses Gefühl, nicht zu genügen. Klar, man hat so hart gearbeitet, gibt alles, aber es reicht wieder nicht und wieder nicht und wieder nicht. Diese Erfahrung des permanenten Scheiterns, die machen sehr, sehr viele. Das kann extrem zermürbend sein und bitter.

Wie haben Sie die Nähe zu den Jugendlichen gefunden?
Bernhard Braunstein: Ich habe den Film sehr lange vorbereitet, habe intensiv recherchiert und viel Zeit in der Schule verbracht, um die Jugendlichen kennenzulernen. Es gab sehr viel Austausch, sehr viele Erklärungen. Ich bin auch nicht mit einer vorgefertigten Idee oder Meinung hingegangen und habe versucht, diese dann aus den Jugendlichen herauszukitzeln. So funktioniert das nicht. Ich beobachte vorurteilsfrei und so tolerant wie möglich und greife das auf, was von den Jugendlichen kommt. Es war mir wichtig, dass der Film aus ihrer Perspektive heraus erzählt wird.

Gab es Bedenken von Seiten der Eltern?
Bernhard Braunstein: Wenn, dann habe ich es nicht mitbekommen. Ich glaube eher nicht. Alle haben vorab ihr Einverständnis gegeben, sowohl die Jugendlichen als auch die Eltern. Und natürlich die Schulleitung, die dem Projekt erstaunlich offen gegenüberstand. Denn es war von vornherein klar, dass das kein Werbefilm wird, dass ich mir das sehr genau anschauen und nichts beschönigen werde. Ich konnte mich auch vollkommen frei bewegen. Also niemand hat mir gesagt, das darfst du filmen, das darfst du nicht. Sie hatten kein Mitspracherecht. Wir waren komplett unabhängig. Und dass sie das zugelassen haben, war sehr mutig.

Was hat Sie in der Recherche und beim Drehen am meisten überrascht?
Bernhard Braunstein: Ein Aspekt, der für mich besonders viel Bedeutung bekommen hat, ist die Verletzungsproblematik, weil ich gesehen habe, wie sehr es die Jugendlichen beschäftigt. Ich habe im Laufe der Dreharbeiten immer mehr bemerkt, wie viel, wie schwer und wie oft sich die unterschiedlichen Sportlerinnen und Sportler verletzen. Und dann wusste ich: Das muss ein wichtiger Teil des Films werden. Denn es braucht unglaublich viel Kraft, das auszuhalten und sich da wieder heraus zu kämpfen. Mich hat auch beeindruckend, wie stark diese jungen Menschen zum Teil sind. Oft dauert es Monate, bis sie wieder Ski fahren können.

Gab es Fälle, wo die Jugendlichen aus diesem Grund die Schule abgebrochen haben?
Bernhard Braunstein: Verletzungsbedingt habe ich das nicht erlebt. Es gab eine Protagonistin, die hat die Schule frühzeitig verlassen, weil sie diese Doppelbelastung nicht mehr ausgehalten hat. Also Schule und Sport, denn beiden Seiten wird in Stams gleich viel Raum gegeben. Die Schüler und Schülerinnen verbringen fünf, sechs Stunden pro Tag im Unterricht, dazu kommen die vielen Stunden Training und die Rennen – das ist enorm, was von ihnen erwartet wird und was sie leisten müssen.

Erstaunlich ist auch, dass nicht mehr Konkurrenz unter den Jugendlichen zu spüren ist.
Bernhard Braunstein: Ja, ich hätte gedacht, dass es mehr Kampf gibt, mehr Intrigen, vor allem, weil es so eine Einzelsportart ist. Stattdessen habe ich bemerkt, dass eine große Solidarität herrscht, dass sich die Jugendlichen gegenseitig unterstützen, dass sehr enge Freundschaften und Beziehungen entstehen. Ich hatte den Eindruck, die Jugendlichen machen viele ähnliche Erfahrungen und das schweißt sie zusammen – wie eine Art Schicksalsgemeinschaft in den Tiroler Bergen.

Wie haben Sie den Druck von Trainerseite empfunden?
Bernhard Braunstein: Den Trainern geht es natürlich darum, dass die Jugendlichen so schnell und so gut wie möglich fahren. Und ständig unter dieser Belastung zu stehen, führt dazu, dass die Jugendlichen sich oft fühlen, wie in einem Tunnel zu sein. Oft geht dann auch die Lust am Sport verloren. Und das ist schade, denn ursprünglich geht es ja darum, so wie das bei mir war, dass Skifahren einfach Spaß macht. Diese Erfahrung mit der Natur, mit dem eigenen Körper, das hat etwas sehr Erfüllendes. Aber wenn man plötzlich Leistung bringen muss, oder die Eltern, die das Ganze finanzieren, Druck machen, stellt sich oft das Gefühl ein, sie schulden ihnen etwas, wollen auch deswegen nicht versagen, machen sich selber Stress. Und dann fallen so Sätze wie im Film: „Vorher hatten wir Freude und jetzt sind wir Maschinen.“ Natürlich kann man das nicht verallgemeinern. Es hängt immer vom Einzelnen ab, wie belastbar der- oder diejenige ist. Aber viele machen diese Erfahrung, das lässt sich nicht leugnen.

Denken Sie, dass sich der Hochleistungssport und die Informationen darüber, was alles damit zusammenhängt, wie etwa die Verletzungen und das Problem mit Doping, sich die Waage halten, inwieweit die Jugendlichen darüber aufgeklärt werden?
Bernhard Braunstein: Es wird schon mit sehr offenen Karten gespielt. Allen ist bewusst, dass Skifahren ein gefährlicher Sport ist. Trotzdem ist es natürlich eine Katastrophe, wie schwer diese jungen Menschen zum Teil verunglücken und manche sogar Folgeschäden für das ganze Leben davontragen. Das steht jedoch unhinterfragt im Raum. Beim Hochleistungssport ist das eben so. Und meiner Meinung nach sollte es an erster Stelle darum gehen, warum das so ist und wie man dagegen steuern kann. Es lässt sich wahrscheinlich nicht komplett vermeiden. Aber speziell beim Skifahren gibt es die Tendenz, den Ski immer schneller, das Material immer aggressiver zu machen, so dass die Rennen immer spektakulärer werden. Und das hat Konsequenzen für die Sportler und Sportlerinnen. Mit anderen Worten: Wenn man das Material sicherer bauen würde, dann wären die Rennen vielleicht vier bis fünf oder auch zehn Sekunden langsamer, aber es würden sich wahrscheinlich nur ein Drittel der Athleten verletzen. Nur wenn man das anspricht, heißt es sofort: „Ja, aber wenn wir das machen und die Schweizer und die Norweger nicht, dann fahren die uns davon.“ Es müsste also eine Gesamtentscheidung getroffen werden. Und in dem Moment ist es immer leicht, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Dabei könnte eine so große Ski-Nation wie Österreich durchaus Druck machen, denke ich, und es wird zum Teil auch versucht. Aber es wäre sicher wichtig und möglich, dass der Sport sich in der Hinsicht verbessert.