Das Festival des asiatischen Films im französischen Vesoul, das älteste seiner Art in Europa, hielt von 28. Februar bis 7. März seine 29. Ausgabe ab. Neben neuen Filmen gab es hervorragend restaurierte Klassiker aus Singapur und von den Philippinen zu sehen.
Das Festival in der eher beschaulichen Kleinstadt Vesoul im Osten Frankreichs ist in jeder Hinsicht ein Phänomen. Es ist ein Publikumsfestival ersten Ranges und zieht, wohl auch, weil das kulturelle Angebot in der ländlichen Region eher spärlich ist, Massen von Menschen aus Vesoul und Umgebung an, viele von ihnen – und das ist das Besondere – deutlich über vierzig, um es vorsichtig auszudrücken. Die Vorstellungen im von außen potthässlichen, in den Sälen aber sehr komfortablen Majestic-Multiplex-Kinos sind überaus gut besucht, auch im größten Saal, der gut und gerne 600 Menschen fasst.
Diese Begeisterung ist auch der Festivalleitung zu verdanken, Martine und Jean-Marc Therouanne, die die Veranstaltung – offiziell: Festival International des Cinémas d’Asie – zu einem der renommiertesten Asienfestivals weltweit gemacht haben. Das „Cinémas“ hier in der Mehrzahl steht, ist höchst lobenswert, denn selbstverständlich gibt es nicht nur ein asiatisches Kino, wie das Festival auch nachdrücklich erweist. Das Ehepaar Therouanne, auch nicht mehr ganz jung, versprüht einen jugendlichen Enthusiasmus und eine Liebe zur Sache, die ihresgleichen suchen und sich offenkundig auf die Zuschauenden überträgt, von denen viele seit Jahren Stammgäste sind. Stammgäste sind auch manche der zahlreich angereisten asiatischen Filmschaffenden – seien es Kreative, Festivalleiter und -innen oder Menschen, die in den nationalen Archiven unermüdlich an der Restaurierung von zum Teil verloren geglaubten Filmen arbeiten.
Der Wettbewerb ist mit neun Spielfilmen und acht zumeist kurzen Dokumentarfilmen eher schlank gehalten, eine weise Entscheidung, wenn man an die überbordende Unübersichtlichkeit anderer Festivals denkt. Das aktuelle Angebot an Filmen mag dieses Jahr nicht sonderlich berauschend gewesen sein, aber die Tatsache, dass zu fast jedem Film Gäste anwesend waren, entschädigte für so manche Leerstelle. Der Hauptpreis, der Cyclo d’Or für den besten Spielfilm, ging zu Recht an die schräge mongolische Komödie The Sales Girl von Sejendorj Janchivdorj: Saruul, ein junges Mädchen, wird von ihrer Freundin gebeten, sie bei ihrem Job zu vertreten. Es handelt sich, wie sich bald herausstellt, um einen Sexshop mit dementsprechender, zum Teil recht überraschender Kundschaft. Jeden Abend muss Saruul ihrer etwas exzentrischen Chefin die Tageslosung nach Hause bringen. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Weitere, zum Teil mehrere Preise gingen an den aserbaidschanischen Film noir Cold As Marble von Asif Rustamov, die intensive Studie einer problematischen Vater-Sohn-Beziehung, an die smarte indische Komödie Behind Veils von Praveen Morchhale und an den düsteren, politisch unbequemen iranischen Film No End von Nader Saeivar, einem engen Freund des unter Hausarrest gestellten prominenten Regisseurs Jafar Panahi.
Der Preis der Jugendjury sowie der Publikumspreis gingen – erwartbar – an Ken Kweks schrille, nicht immer ganz geschmackssichere Gay-Rights-Dramödie #LookAtMe aus Singapur, wo die Situation für LGBT-Menschen trotz rezenter Lockerungen immer noch höchst prekär ist. Stichwort Jugendjury: Den größten Eindruck bei Eröffnungs- und Abschlussfeier machte deren Vorsitzender, der 16-jährige Antoine Raffin, der jeweils eine fulminante Rede auf Französisch und Englisch hielt und tosenden Applaus erhielt. Die Jugend ins Festivalgeschehen einzubinden (beide Therouannes waren in ihrem „früheren Leben“ Lehrer) ist ein großes Anliegen des Festivals, und die Bemühungen tragen offenkundig Früchte.
Wem der Wettbewerb zu schmal ist, kommt in mehreren hervorragenden Sonderreihen auf seine Kosten. Die größte von ihnen trug den Titel „Cinémas des diasporas asiatiques“ und zeigte zahlreiche Filme von und über asiatische Menschen, die entweder aus der Diaspora in ein ihnen unbekanntes Heimatland zurückkehren (Retour à Seoul, kürzlich auch bei uns im Kino zu sehen) oder in fremden Ländern ihr Glück versuchen, aber beileibe nicht immer finden. Davon erzählt etwa der hoch dramatische Film Blue Bayou von Justin Chon, die Geschichte eines koreanischen Mannes, der als Kind von einem US-amerikanischen Ehepaar adoptiert wurde und wegen eines kleinen Deliktes abgeschoben werden soll, weil eine weitgehend unbekannte Gesetzesklausel seine Bürgerrechte in diesem Fall null und nichtig macht. An Chons Seite, der auch die männliche Hauptrolle spielt, ist keine Geringere als Alicia Vikander zu sehen. In dieser Reihe war übrigens auch ein österreichischer Film vertreten, nämlich Macondo von Sudabeh Mortezai.
Ein wirkliches Highlight für alle Fans des asiatischen Kinos waren aber die durchwegs gut besuchten historischen Filme, die – in zum Teil atemberaubend wunderbar restaurierten Fassungen – zu sehen waren. Der Fokus lag diesmal auf den Philippinen (etwa das großartige Melodram Portrait of the Artist as Filipino, 1965, von Lamberto Avellana) und auf Singapur. Einen extrem raren Film wie Jewel in the Slum (1952, Regie: Haji Mahadi), erstklassig restauriert und mit einer kompetenten Einführung versehen, auf der großen Leinwand erleben zu können, das erzeugt Gänsehaut. Produziert wurde der Film von den Shaw Brothers, die von Singapur aus ihren Siegeszug in ganz Südoastasien antraten und später vor allem für ihre Hongkong-Martial-Arts-Klassiker berühmt wurden. Auch The Lion City (1960) von Yi Sui ist ein solches Kleinod aus dem Archiv. Ehrungen für das Lebenswerk gab es in Vesoul für Lee Yong-kwan, einen der Mitbegründer und langjährigen Programmdirektor des bedeutendsten asiatischen Filmfestivals im koreanischen Busan, sowie für den großartigen, international vielfach ausgezeichneten türkischen Filmemacher Semih Kaplanoğlu, dessen acht Filme auf großes Interesse stießen.
Alles in allem erwies sich das Festival International des Cinémas d’Asie in Vesoul als höchst spannende, dichte und lohnende Veranstaltung, die nicht nur den unglaublichen Reichtum des Filmschaffens in Asien ins Rampenlicht rückte, sondern auch wegen ihres enormen Publikumszuspruchs als eine echte Erfolgsgeschichte gelten kann.
