Crossing Europe, das Arthouse-Filmfestival im Land ob der Enns, findet heuer zum 20. Mal statt. Ein Überblick.
Nach 19 Jahren findet das Crossing Europe Filmfestival heuer zum 20. Mal statt – man kann also zu Recht von einer etablierten Filmkulturinstitution sprechen. Rund 320.000 Menschen hat XE, so die Abkürzung, in dieser Zeit in die Stahlstadt Linz gelockt, 421.000 Euro Preisgeld wurden an heimische wie internationale Filmschaffende vergeben. Österreichs zweitgrößtes Filmfestival (nach der Viennale), das 2003 von Wolfgang Steininger initiiert und bis 2021 von Christine Dollhofer geleitet wurde, ist sich dabei auch unter der Direktion von Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler programmatisch treu geblieben: Im Fokus steht europäisches Arthouse-Kino, das sich relevanten gesellschaftspolitischen Themen widmet. Selbstverständlich sei man stolz auf die 20. Ausgabe, so Gebetsroither und Riedler – umso mehr, als das Festival in seinen ersten Jahren von Auf und Abs und Fragen nach dem generellen Weiterbestehen geprägt war (auch die aktuellen Teuerungen und Kostenexplosionen spüre man so wie die gesamte Kulturbranche im Land).
Ein Jubiläum sei jedenfalls der perfekte Zeitpunkt zurückzublicken – aber auch nach vorne zu schauen. Und so werde man zur Feier zwar kleine Akzente setzen, eine reine Jubiläumsausgabe aber vermeiden. Rund 140 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme werden in den Festivalkinos Moviemento, City-Kino und Central zu sehen sein, als Motto hat man „Europe, we need to talk!“ gewählt. Die Idee dahinter sei, so die Festivalleiterinnen, „dass die Aufbruchsstimmung im Europa der Zehnerjahre – die sich auch zum Teil in den Filmen des Festivals widergespiegelt hat – einer Ernüchterung bzw. einem Pessimismus, was die Vision eines offenen, diversen, solidarischen, demokratischen und friedvollen Europas betrifft, gewichen ist. Und wir sehen die Notwendigkeit, darüber zu reden.“ Mit der Filmauswahl wolle man „nachfragen“, warum es in Europe gerade nicht so rund laufe – ob man Anworten finde, sei ungewiss, das Unterfangen aber jedenfalls einen Versuch wert.
Für Pessimismus im Land hat auch einige Jahre lang Covid-19 gesorgt. Die Zeiten von Corona-Beschränkungen scheinen nun zwar vorbei zu sein, doch sind Gebetsroither und Riedler der Meinung, dass die Pandemie Spuren hinterlassen habe: „Das Verhalten des Kino- und Festivalpublikums ist erratischer geworden. Intuitiv versucht man, an die Zeit ,vor Corona‘ anzuschließen, darum war uns heuer auch nicht danach, die ,Festivalarchitektur‘ von Crossing Europe neu zu denken. Zentral ist, dass das Publikum nach dem Festival mit dem Gefühl nach Hause geht, etwas mitgenommen zu haben.“
Griechische Tragödien und soziale Realitäten
Zu den besonders spannenden Programmpunkten zählen seit jeher die Tributes, und ein solcher ist in diesem Jahr der griechischen Schauspielerin Angeliki Papoulia gewidmet – für das Festivalteam „eine der kompromisslosesten und eindringlichsten Darstellerinnen des zeitgenössischen europäischen Autorenkinos“. Das umfangreiche Programm zu Papoulia wird unter anderem Filme beinhalten, die im Laufe der Jahre schon beim Festival in der oberösterreichischen Hauptstadt gelaufen sind, darunter der mit Horrorelementen angereicherte Thriller The Miracle of the Sargasso Sea (Griechenland, Deutschland, Niederlande, Schweden 2019, R: Syllas Tzoumerkas; Papoulias gibt hier eine fluchende und trinkfreudige Polizeichefin) oder, als Österreich-Premiere in der Reihe „Competition Fiction“, Silence 6–9 (GR 2022, R: Christos Passalis), eine mysteriös-surreale Liebesgeschichte. Mit dabei ist auch jener Film, mit dem erstmals ein internationales Publikum auf die Mimin (sowie natürlich auf Regisseur Yorgos Lanthimos) aufmerksam wurde: Dogtooth (GR 2009). Die Geschichte um ein Paar, dass seine drei Kinder (zwei Mädchen, ein Junge) mit bizarren Beschreibungen der Welt indoktriniert und sozial völlig abschottet, ist eine radikale Parabel um Macht und die Vermittlung von Realität. In dem für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominierten Werk ist Papoulia als älteste Tochter zu sehen.
Der Tribute demonstriert anschaulich, dass Papoulia eine Schauspielerin ist, die bevorzugt in Filmen auftritt, denen eine radikale künstlerische Vision zugrunde liegt; nicht selten werden darin gesellschaftspolitische Themen teils metaphorisch, teils surreal verhandelt. Ihre Liebe gehört jedoch nicht nur der Filmkamera, sondern auch der Bühne: Papoulia ist Mitbegründerin der blitz theatre group und war als Darstellerin, Autorin und Co-Regisseurin nicht nur in Griechenland, sondern auch an zahlreichen namhaften Häusern in ganz Europa engagiert. 2019 sprach sie im Interview am Karlovy Vary International Film Festival über ihre Motivation: „Ich versuche Dinge zu tun, die mich begeistern, sonst macht es keinen Sinn. Ich suche immerzu nach Wegen der Theater- oder Filmarbeit, die mich herausfordern, sehe ihnen mit Freude entgegen.“ In Linz wird Papoulia beim Tribute-Talk über diese Begeisterung sprechen.
Die Reihe „European Panorama“ ist vielfältig wie immer: Mystery zu bieten hat etwa The Five Devils / Les cinq diables (Frankreich 2022, R: Léa Mysius), in dem ein junges Mädchen durch die Beschwörung eines Dufts in die Vergangenheit versetzt wird, wo sie seltsamen Familiengeheimnissen auf die Spur kommt; Murina (Kroatien, Slowenien, Brasilien, USA 2021, R: Antoneta Alamat Kusijanovic´) dagegen ist eine sexuelle Coming-of-Age- Geschichte um ein 14-jähriges Mädchen, das Erfahrungen mit einem älteren Mann sucht.
Aus der Reihe „Competition Documentary“ sei Das Hamlet-Syndrom (Deutschland, Polen 2022, R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski) herausgegriffen: Hier stehen fünf junge Menschen aus der Ukraine im Zentrum, deren Lebensentwürfe durch den Russisch-Ukrainischen Krieg zerrüttet wurden. Bewältigt werden sollen die Traumata mit einer modernen Hamlet-Adaption, die von Theaterregisseurin Roza Sarkisian inszeniert wird. Shakespeares zeitlose existenzielle Fragen treffen auf allzu Aktuelles.
Die bewährten gesellschaftspolitischen Schienen „Arbeitswelten“ (in der vier Dokumentarfilme gezeigt werden) und „Architektur & Gesellschaft“ gibt es ebenfalls wieder: Erstere steht diesmal unter dem Motto „Kunst ist auch nur ein Job“. Im Künstlerporträt Daniel Richter (Deutschland 2022) interessiert sich Oscarkurzfilmpreisträger Pepe Danquart (Schwarzfahrer) anhand seines prominenten Protagonisten für die Vereinbarkeit von politischem Bewusstsein und dem kapitalistisch geprägten Kunstmarkt; She Chef (Deutschland, Österreich 2022) von Melanie Liebheit und Gereon Wetzel dagegen porträtiert den harten Weg einer Jungköchin, die in Europas Spitzengastronomie eine eigene Nische für ihre – im Wortsinn – Kochkunst sucht. In zweiterer Schiene steht unter anderem die Doku The Visitors (Tschechien, Norwegen, Slowakei 2022, R: Veronika Lišková) auf dem Programm, in der es eine junge Sozialanthropologin ins norwegische Svalbard zieht. Nicht nur die Wetter-bedingungen sind dort ziemlich harsch, auch Neuankömmlinge sind nicht bei allen willkommen. Soziale Beobachtungen treffen hier auf eisige Temperaturen.
Die Jugend von heute
Um den Kino-Nachwuchs kümmert sich bereits zum vierten Mal die Programmschiene „YAAAS!“, zu der wieder rund 800 Jugendliche aus diversen europäischen Ländern erwartet werden. Diesmal treffen die YAAAS! Young Programmers 2023 (von der HBLA für künstlerische Gestaltung Linz) die Filmauswahl für die Wettbewerbsschiene YAAAS! Competition. In dieser Sektion laufen Spielfilme, die im Wettbewerb um den Festivalpreis YAAAS! Competition Award 2023 stehen. Mit dabei ist etwa Le Lycéen (Der Gymnasiast, Frankreich 2022, R: Christophe Honoré), in dem Oscarpreisträgerin Juliette Binoche die Mutter eines 17-Jährigen aus der Provinz spielt, der nach einem tragischen Verlust eine Weile bei seinem Bruder in Paris leben möchte, um einen emotionalen Neustart zu versuchen. Die Young Programmers übernehmen dabei die Einführung bei den YAAAS! Screenings, die Filmgespräche mit den anwesenden Filmgästen und kümmern sich um die Teilnehmenden der YAAAS! Workshops.In Letzteren können die Teilnehmer neue Fertigkeiten erlernen, sich mit Filmschaffenden austauschen oder auch eigene Arbeiten präsentieren.
Um junge Menschen dreht sich auch der Cinema Next Europe Club: Dieser bietet Filmschaffenden die Möglichkeit, sich aus den Festivalprogrammen Inputs zu holen und ihre Netzwerke zu erweitern. Der Club wird heuer übrigens international – neben den österreichischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern kommen auch europäische dazu.
Arbeiten von oberösterreichischen Filmschaffenden sind wie stets in der Schiene „Local Artists“ präsent, Horrorfans kommen auch 2023 mit der beliebten Reihe „Nachtsicht“ auf ihre Kosten. Rund um das Festival lässt sich, etwa am Partydeck des OK, ohne die Einschränkungen der letzten Jahre socializen. Neben DJ-Sets wird auch wieder Live-Musik ertönen – die Voraussetzungen für ein Festival wie damals sind also gegeben.
