Daniel Richter
© Foto Marvin Hesse

Filmstart

Daniel Richter

| Pamela Jahn |
Sehen, malen und gesehen werden

Daniel Richter zieht vorsichtig horizontale Farblinien über eine riesige Leinwand. Mal ein tiefes Blau, mal ein kräftiges Gelb oder ein tiefes Rot. Ihm sitzt ein Papagei auf dem Kopf, ein zweiter zwitschert munter aus dem Off – und der Künstler pfeift im Takt, als seien die Vögel seine Verbündeten in einer geheimen Mission. Nach getaner Arbeit gesteht Richter, dass dies für ihn der mühsamste Teil seines Schaffensprozesses sei: „Einer muss es ja machen, und das bin ich.“ Aber seine Werke bräuchten diese monochrome Basis, eine Struktur. Danach würde alles „leichtfüßiger“ werden – ein Blick auf die fertigen Gemälde spricht für sich.

Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass viel mehr hinter der satten, grellen Farbigkeit steckt, als die scheinbar abstrakte Form seiner Kunst augenscheinlich zulässt. Richter ist ein Meister darin, verschiedenste visuelle Eindrücke – von Kriegsfotografien aus dem Jahr 1916 bis hin zu Aufnahmen von Mitgliedern der Taliban – mit Öl und Kreide derart zu transformieren, zu verformen und zu reduzieren, so dass am Schluss ein überzeugendes ästhetisches Gesamtbild entsteht.

Für sein vielschichtiges dokumentarisches Porträt hat Richter dem Filmemacher Pepe Danquart drei Jahre lang Zugang zu seinem Atelier gewährt. Offen und reflektiert stellt sich hier einer der spannendsten und wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler der Kamera, analysiert, was seine Kunst ausmacht und erzählt, wie er überhaupt zum Malen kam, während er dicke Farbpasten ineinander rührt, Yoga macht, in Plattenläden und Buchhandlungen stöbert oder ein Konzert der Goldenen Zitronen besucht. Immer ist Richter mit Geist, Witz und einem unnahbaren rauen Charme präsent, der an seine Anfänge als Punk in den siebziger Jahren erinnert und an die Zeit, als er noch Plattencover und Plakate für das Hamburger Label Buback gestaltete, das ihm heute gehört.

Danquart, der auch Spielfilme dreht, hat zuvor bereits Extremkletterer, Radrennfahrer und Politiker wie etwa Joschka Fischer unter die Lupe genommen. Jetzt fliegt er mit Richter um die Welt, nach Paris, London und New York; überall dorthin, wo dessen Bilder heute in den renommiertesten Galerien und Museen hängen oder auf Auktionen für Rekordsummen versteigert werden. Richter selbst ist sich der globalen Beliebtheit und kommerziellen Wirkung seiner Kunst in jedem Augenblick bewusst. Und darin liegt für ihn persönlich vielleicht der größte Widerspruch. Danquarts Film ist weniger kritisch; Szenen von Ausstellungs-Eröffnungen, Kunstauktionen, Empfängen und Interviews mit Galeristen, Sammlern und Malerkollegen rahmen das Bild, das er von Richter zeichnet. Es ist ein Bild, das nur vereinzelt Bruchstellen aufweist, aber äußerst sehenswert und angenehm unprätentiös ist.