Auch Harrison Ford ist zurück in Cannes ... und ist sichtlich gerührt.
Im letzten Jahr war Top Gun: Maverick der Film, der in Cannes für die größte Aufregung sorgte. Für sein äußerst cooles Comeback als rebellischer Kampfpilot wurde Tom Cruise nicht nur von den Fans vor Ort umjubelt, sondern vom Festival zudem mit einer Ehrenpalme für sein Schaffen insgesamt geehrt. In diesem Jahr wurde ging die Auszeichnung an Harrison Ford, der zur Premiere von Indiana Jones and the Dial of Destiny angereist war – und man muss es dem mittlerweile 80-jährigen Ausnahmeschauspieler lassen, er macht im Film und im wahren Leben immer noch eine extrem gute Figur.
Ford selbst zeigte sich tief berührt, als er die Auszeichnung auf der Bühne von Festivalpräsidentin Iris Knobloch und dem künstlerischen Leiter Thierry Fremaux entgegennahm. Über vierzig Jahre ist es her, seit er 1981 zum ersten Mal als Archäologe Indiana Jones in Steven Spielbergs Raiders of the Lost Ark auf Reisen ging. „Man sagt, wenn man kurz davor ist zu sterben, sieht man noch mal sein Leben vorbeiziehen – und ich habe gerade mein Leben vorbeiziehen sehen“, scherzte er, weil wenige Minuten zuvor eine Collage von Filmausschnitten, die sein Gesamtwerk zusammenfasste, gezeigt worden war.
Unter der Regie von James Mangold ist er im neuen Kapitel der Indiana Jones-Franchise als gealterter, aber, wenn es drauf ankommt, immer noch fideler „Indy“ zu sehen. Phoebe Waller-Bridge spielt sein angenehm anarchisches weibliches Pendant und Mads Mikkelsen gibt einen garstigen deutschen Nazi auf der Jagd nach einem wertvollen Artefakt: das Rad des Schicksals, die „Antikythera“. Dabei handelt es sich um ein Gerät, von dem manche Leute glauben, dass es den Lauf der Historie ändern kann, indem man in der Zeit zurückreist.
Sehr originell klingt das auf dem Papier nicht, und jedes Mal, wenn im Kino die unvergessliche Titelmusik von John Williams ertönt, schwingt ein Hauch von Nostalgie durch den Saal. Aber ähnlich wie Cruise in Top Gun: Maverick schafft es auch Ford, seiner ikonischen Figur so viel neues Leben einzuhauchen, dass man ihm gerne dabei zuschaut, wie er in famosen Actionszenen mal im Tuk-Tuk durch die schmalen Gassen von Marrakesch, mal durch die ganze Weltgeschichte rast.
Im Wettbewerb ging es derweil in der ersten Hälfte des Festival etwas ruhiger zu. Bis zum Wochenende hatte sich noch kein großer Favorit herauskristallisiert. Das Sanitäter-Drama Black Flies, in dem ein Neuling (Tye Sheridan) von einem ergrauten Sean Penn durch ein New York voller Gewalt, Armut und medizinischer Notfälle gelotst wird, leidet an einer Geschichte, die zu sehr auf Adrenalin und bekannte Klischees als auf emotionale Tiefe setzt. Aber auch einfühlsamere Dramen wie Le retour von der französischen Regisseurin Catherine Corsini über eine Frau, die sich um eine wohlhabende Familie auf Korsika kümmert, oder Ramata-Toulaye Sys Regiedebüt Banel & Adama blieben am Ende hinten den Erwartungen zurück. Der erste Spielfilm von der franko-senegalesischen Regisseurin erzählt von zwei jungen Menschen, die sich aller Normen und Traditionen zum Trotz ineinander verlieben. Die Bilder, die Sy dafür findet, sind wunderschön und auch sonst ist der Film voller interessanter Ideen, die jedoch im Lauf der Handlung zunehmend ins Leere laufen.
Kaouther Ben Hanias hybrider Dokumentarfilm Les filles d’Olfa, der die wahre Geschichte einer tunesischen Mutter aufgreift, deren zwei ältere Töchter verschwunden sind, seit sie sich der Terrorgruppe Islamischer Staat angeschlossen haben, beginnt auf einem ähnlich hohen Niveau. Der Clou des Films: Im Rahmen dieser emotional aufgeladenen Versuchsanordnung werden die vermissten Schwestern durch Schauspielerinnen ersetzt. Wie eine lange Therapiesitzung führt der Film seine Protagonistinnen dahin, wo es wehtut, und die Kamera ist manchmal ein wenig zu sehr darauf bedacht, den Schmerz und die Trauer in den Augen der Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. In anderen Szenen sind es die Schauspielerinnen, die sich abmühen. Ben Hania erhebt keinen Anspruch auf das Schicksal der Familie – sie lässt die Mutter und ihre Mädchen weitgehend mitbestimmen, in welche Richtung der Film geht. Das ist ehrenwert, führt aber auch dazu, dass wir mitunter die Spontaneität selbst der offenkundig dokumentarischsten Abschnitte in Frage stellen.
Einen ersten frühen Anwärter auf die Goldene Palme gab es dennoch: Nuri Bilge Ceylan, der mit seinem siebenten Film im Wettbewerb zu den Veteranen gehört, hat mit About Dry Grasses (Kuru Otlar Üstüne) ein fesselndes Drama über einen Lehrer in einem Dorf in Ostanatolien gedreht, der von einer Schülerin des Missbrauchs beschuldigt wird. Es wäre der zweite Gewinn für den türkischen Regisseur, der bereits 2014 für Winter Sleep mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Aber auch wenn sein neuestes Werk sich nahtlos einfügt in eine Filmografie, die auf lange, nachdenkliche Dramen baut, ist es immer wieder erstaunlich, wie Ceylan es schafft, seinen Figuren und Geschichten eine emotionale Bedeutung zu verleihen, die länger nachwirkt, als man nach stolzen 197 Minuten Laufzeit vermutet.
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