Anatomie d’une chute (Anatomy of a Fall)
Sandra Hüller in "Anatomie d’une chute (Anatomy of a Fall)"

Cannes Blog 4

Die Frau der Stunde

| Pamela Jahn |
Sandra Hüller zeigt in Cannes gleich in zwei Wettbewerbsfilmen warum sie derzeit einer der aufregendsten Schauspielerinnen ist.

Sandra Hüller ist auf diesem Festival in aller Munde, mehr noch als die Filme, in denen sie spielt: Jonathan Glazers ungewöhnlicher Auschwitz-Film The Zone of Interest und das Gerichtsdrama Anatomie d’une chute (Anatomy of a Fall) von Justine Triet. In beiden Werken zeigt Hüller die ganze Bandbreite ihres darstellerischen Könnens. Während sie im ersten Film die Frau des Lagerkommandanten Rudolf Höß mit bestürzender Eisigkeit und Härte verkörpert, spielt sie im zweiten Wettbewerbsbeitrag eine Schriftstellerin, die nach dem tödlichen Fenstersturz ihres Ehemanns (Samuel Theis) des Mordes verdächtigt wird.

Glazers Film, ein großer und verdienter Anwärter auf die Goldene Palme, ist ein zutiefst verstörendes Werk, an dessen beklemmender Wirkung Hüllers Spiel enormen Anteil trägt. Wir sehen sie umringt von ihrer Familie und den Bediensteten in ihrem schönen Haus. Die Ausstattung und die Kleider geben einen Hinweis darauf, dass wir uns in den vierziger Jahren befinden. Ihr Mann Rudolf (Christian Friedel) trägt Uniform, es herrscht Krieg. Aber Hedwig (Hüller) hat ganz andere Sorgen: Der Haushalt, die Kinder, der schöne Garten mit Pool und Gewächshaus, um alles muss sie sich kümmern, alles muss laufen wie am Schnürchen, alles seine Ordnung haben, wie es sich gehört. Und dann ist da aber auch diese Mauer, grau, massiv und hoch, die Mauer von Ausschwitz, die an das Grundstück angrenzt. Man sieht vom Fenster des Hauses einen Wachturm, man sieht den Schornstein des Krematoriums und nachts leuchtet das Feuer.

Aber Hedwig scheint das alles zu ignorieren. Sie will nur eins, ein glückliches Leben führen, so wie sie es sich immer erträumt hat, um jeden Preis. Glazers Kamera bewahrt eine ähnlich kühle Distanz zum Geschehen. In statischen Aufnahmen fängt er sowohl das Alltagsgeschehen als auch die grausamen Details ein. Doch der Ton erzählt eine andere Geschichte: Johnnie Burns erstaunliches Sounddesign und Mica Levis beklemmende Synthesizermusik vereinen sich zu einem klanglichen Meisterwerk. Und Hüller hat noch nie überzeugender, eindrucksvoller, erschütternder gespielt als hier.

Tatsächlich ist es fast unmöglich, ihre Rolle in Glazers Film mit ihrer Figur in Anatomie d’une chute zu vergleichen. Sicherlich ist es in gewisser Weise auch ungerecht, dass beide Werke in Cannes miteinander konkurrieren. Aber es ist auch interessant, denn in Triets Film steht Hüllers Figur vor Gericht, muss sich rechtfertigen, bevor sie überhaupt die Möglichkeit hat, den Tod ihres Ehemanns zu verkraften. Die Anklage: Mord. Wie Hüller ihre Figur anlegt, tragisch und ambivalent zugleich, ist ein darstellerischer Drahtseilakt, der leicht schief gehen könnte – aber nicht bei ihr. Die 45-jährige Schauspielerin verkörpert jede ihrer Rollen so wahrhaftig, so ganz und gar, dass man ihr gebannt zuschaut, in jedem Augenblick. Triet dagegen ändert im Verlauf der Gerichtsverhandlung die Perspektive, lässt die Kamera den Blickwinkel des blinden Sohns einnehmen, was die Irritation noch verstärkt. Ähnlich wie bei Glazer geht es auch bei Triet nicht um die Schuldfrage, sondern um die Wahrheit hinter dem Verbrechen. Auch hier ist Hüllers Spiel atemberaubend, ihre Aura trügerisch, ihr Auftritt preisverdächtig und einer Palme würdig – man wünscht es ihr.

Nach so viel Schwere und Erschütterung auf der Leinwand, kamen zwei Filme den langsam ermattenden Kritikern gerade recht: Zum einen Aki Kaurismäkis ebenso liebevolle wie schräge Komödie Fallen Leaves, zum anderen Asteroid City, Wes Andersons neuester Kinostreich. Auch hier könnten die beiden Werke thematisch und stilistisch nicht weiter auseinander liegen. Und doch scheinen sie insgeheim miteinander eine Art Komplizenschaft einzugehen. Denn so wie Kaurismäki seine Handschrift im Lauf seiner Karriere mit jedem Film verfeinert und perfektioniert hat, setzt auch Anderson visuell und narrative erneut auf das, was er am besten kann. Diesmal versetzt er seine treue Schauspielerriege in die fünfziger Jahre, die Ära des „Space race“ und der amerikanischen Faszination für alles Fremde und Übernatürliche.

Asteroid City ist wie Fallen Leaves selbstreferenzielles Retro-Kino mit einem beachtlichen Unterhaltungsfaktor, beide Filme sind gleichermaßen vom bittersüßen Deadpan-Humor ihrer Regisseure geprägt. Doch während Anderson nach wie vor auf eine symmetrisch perfekte Bildsprache setzt und sich in winzigen Details verliert, schafft Kaurismäki mit sorgfältig entrümpelten Kulissen und noch weniger Worten Raum für eine zarte Liebesgeschichte und die Emotionen hinter den erstarrten Gesichtern seiner Figuren.

Und noch etwas macht den Film besonders: Von Zeit zu Zeit schalten die Figuren das Radio ein, um die Nachrichten zu hören; es geht um den russischen Angriff auf die Ukraine; die Nähe Finnlands zur russischen Grenze schwingt in dem Meldungen unterbewusst mit. Der Krieg, die soziale Ungerechtigkeit, die Klimakatastrophe, all das bringt Kaurismäki in Fallen Leaves unter, ohne einmal den Zeigefinger zu heben. Auch deshalb hätte sein kleiner, feiner Film den Hauptpreis verdient.

 

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