Asteroid City

Asteroid City

Back to the Future

| Pamela Jahn |
Ein Wes-Anderson-Film ohne Bill Murray? Der US-Regisseur musste in „Asteroid City“ ausnahmsweise ohne seinen längsten Vertrauten auskommen. Merklich geschadet hat es seiner neuesten liebevoll-absurden Tragikomödie nicht.

Es gibt Dinge und Menschen, die kann man nicht ändern. Die muss man nehmen, wie sie sind. Wes Anderson und seine Filme gehören dazu. In seinem Regiedebüt Bottle Rocket (1996) waren es zunächst die Figuren und die Situationen, die skurril wirkten. Seit seinem dritten Spielfilm, The Royal Tenenbaums (2001), drückt sich seine Leidenschaft für alles Schräge, Imaginäre und Artifizielle auch in der Inszenierung aus. Immer wieder aufs Neue steigert er sich in seltsame fiktive Welten hinein, die, so Anderson, „fünf Grad von der Realität entfernt“ liegen – wahrscheinlich sogar noch mehr.

Im Laufe seiner Karriere hat der US-amerikanische Indie-Regisseur bestimmte Formen, Farben und stilistische Versatzstücke zu seiner Visitenkarte gemacht: Eine symmetrisch perfekte Bildsprache. Ein fast schon obsessives Interesse an künstlerischen und historischen Details. Pastellfarben und Retro-Look, alles passend arrangiert und stets komplett durchkomponiert. Dem fügt sich ein dezidiert engagiertes Ensemble von Hollywood-Stars ein, die sich für den gebürtigen Texaner immer wieder gerne in die unglaublichsten Rollen stürzen. Wie Motten das Licht, zieht er die besten Charakterdarsteller an. Und seine Fangemeinde, die so groß und treu ist wie selten bei einem Regisseur, zieht nach.

Seine Kritiker beklagen, Anderson mache stets den gleichen Film. In gewisser Weise tut er das sicherlich. Auch Asteroid City fügt sich nahtlos ein in die gewohnten Muster, die er mit jedem Werk verfeinert. Und genau darin liegt der feine Unterschied: Anderson tritt nicht auf der Stelle. Sein elfter Kinostreich zeigt einen Regisseur, der sich selbst mit fortschreitendem Alter einer steten Entwicklung und Schwerpunktverlagerung unterzieht.

Im Gegensatz zu den frühen, herrlich verschrobenen Tragikomödien, in denen die Familie sowohl als dysfunktionales Gebilde als auch als Sehnsuchtsort im Mittelpunkt stand, haben seine jüngsten Filme einen dunkleren, ernsteren Ton angeschlagen. Seine letzten Geschichten spielten im Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg, im Frankreich der 68er-Ära oder in einem imaginären postapokalyptischen Japan. Die schleichende Bedrohung durch den Autoritarismus war auf unterschiedliche Weise sowohl in der animierten Hunde-Heldengeschichte Isle of Dogs (2018) als auch in dem Episodenfilm The French Dispatch (2021) präsent.

Für Asteroid City hat Anderson einen fiktiven Ort im amerikanischen Südwesten Mitte der fünfziger Jahre kreiert. Die Sonne steht senkrecht über der einsamen Wüstenstadt. Eine Tankstelle, einen Bahnhof, ein Diner und eine stolze Sternwarte, mehr braucht er diesmal nicht. Obwohl, das stimmt nicht ganz: Ein gigantischer Meteoritenkrater ist die eigentliche Attraktion in diesem verlassenen Niemandsland. Vielleicht eignet sich die Gegend auch deshalb besonders gut für die Atomtests, die das Militär unmittelbar hinter den umliegenden Bergen ausführt.

Aber die Handlung ist, wie immer bei Anderson, vertrackter, als sie auf den ersten Blick scheint: Wir sehen, wie sich gleich zu Beginn herausstellt, ein Theaterstück, das eigentlich nur auf dem Papier existiert. Geschrieben hat es der Dramatiker Conrad Earp (Edward Norton), der Szene für Szene, Wort für Wort in seine Schreibmaschine tippt. Wie das Skript und die Umstände seiner Entstehung sich zueinander verhalten, erfahren wie von einem Moderator (Bryan Cranston), der uns auf der Bühne eines Fernsehstudios die Umstände erklärt; auch die Hauptdarsteller Jones Hall (Jason Schwartzman) und Mercedes Ford (Scarlett Johansson) sind mit von der Partie. Doch sobald sich der Bildrahmen weitet und eine grellbunte Farbpallette das Schwarz-Weiß der Eingangssequenz wegspült, sind wir auch schon mittendrin in den Geschehnissen und im Leben von Augie Steenbeck (Schwartzman), einem Kriegsfotografen, dessen Sohn Woodrow (Jake Ryan) das Zeug zu einem Sternenforscher hat. Vor angemessener Kulisse soll der Teenager gemeinsam mit einer Handvoll weiterer angehender Astronomen in Asteroid City mit einem Jugendwissenschaftspreis ausgezeichnet werden. Was der Junge und seine drei Schwestern allerdings nicht wissen, ist, dass ihre Mutter vor ein paar Tagen gestorben ist. Jetzt hofft Archie, der selbst noch mit seinem Schicksal als frischgebackener Witwer kämpft, auf die Unterstützung seines Schwiegervaters Stanley Zak (Tom Hanks), der zufällig auch in der Gegend wohnt.

Natürlich ist das nur eine der Geschichten, um die es in Asteroid City geht. Bald überschlagen sich die Ereignisse, entsprechend rasch erweitert sich das Figurenensemble um eine labile Filmdiva (Johansson) und deren Tochter (Grace Edwards), einen Fünf-Sterne-General (Jeffrey Wright), die Astronomin Dr. Hickenlooper (Tilda Swinton) – und, man hat es geahnt, Besuch aus dem Weltall, in Form eines Außerirdischen, der dem Ganzen einen Hauch von Mystery und Science-Fiction gibt.

Konstruiert als klassischer Dreiakter wirkt Asteroid City stringenter in der Ausführung als der Vorgänger The French Dispatch, Andersons filmischer Liebesbrief an den Journalismus alter Schule, der sich an einer Anthologie-Struktur orientierte und an seiner Uneinheitlichkeit litt. Hier funktioniert der Wechsel zwischen Broadway und amerikanischer Kleinstadtprovinz glatter, geschmeidiger. Und die Tatsache, dass aufgrund des unmittelbaren Kontakts mit Außerirdischen auf unbestimmte Zeit im Ort eine strikte Quarantäne verhängt wird, macht das Absurde greifbarer und die Fiktion wird plötzlich real.

„Mir gefällt nicht, wie der Typ uns ansieht, dieser Außerirdische. Als wären wir dem Untergang geweiht“, sagt Schwartzmans Archie einmal. Doch so schlimm kommt es nicht. Andersons Verfahren hat genügend Schwung, ist kurios und verschroben genug, um seine Figuren und den Film insgesamt ein weiteres Mal mit genügend Fantasie und Esprit zu befeuern. Vielleicht das größte Manko ist, dass ausgerechnet Bill Murray, der wegen einer Covid-Erkrankung aussetzen musste, diesmal nicht seinen einzigartigen trockenen Charme über die Wüstenkulisse verstreut.

Davon abgesehen ist Asteroid City eine typische Wes-Anderson-Konstruktion, wie man sie kennt und erwartet. Eine Überraschung ist der Film nicht. Aber er zeigt den Regisseur wieder ganz bei sich. Anderson hat eine zutiefst persönliche Erzählweise gefunden, die so originell ist, dass nicht wenige Filmemacher versucht haben, sie zu imitieren, und kläglich daran gescheitert sind. Und auch er selbst muss aufpassen, dass das Prinzip der intellektuellen und visuellen Versponnenheit, auf dem sein ganzes Schaffen als Künstler beruht, nicht irgendwann doch endgültig ins Leere läuft. Noch ist die Magie, die den Bildern Leben einhaucht, stark genug.