Intimer Mafia-Krimi zwischen gestern und heute – und ein Liebesbrief an Neapel
Nachts sind alle Katzen grau, heißt es. In Neapel glaubt man das gern. Die Straßen sind leer, die Fensterläden geschlossen. Der Einzige, der sich trotzdem selbstbewusst durch die engen Gassen bewegt, ist Felice (Pierfrancesco Favino), der die Stadt vor 40 Jahren verlassen hat und nun zum ersten Mal in seine Heimat zurückkehrt. In seiner Abwesenheit hat er sich in Kairo ein Leben als Geschäftsmann aufgebaut. Er ist verheiratet, führt dort ein erfolgreiches Unternehmen. Aber die schwindende Gesundheit seiner Mutter bringt ihn nach Italien zurück. Liebevoll kümmert er sich um sie, erinnert sich an die gute alte Zeit. Stumme Super-8-Rückblenden zeigen Felice in seiner Jugend, die er zusammen mit seinem besten Freund Oreste verbracht hat. Sie fuhren Motorradrennen und schwammen im Meer. Sie begingen kleine Verbrechen, nicht mehr. Doch irgendwann passiert ein Mord. Felice verschwand, Oreste blieb. Heute ist er der Anführer eines kriminellen Clans der Camorra, aber trotz aller Warnungen macht Felice sich auf der Suche nach ihm.
Man muss, wie Mario Martone, in Neapel geboren worden sein, um einen Film wie Nostalgia so wirkungsvoll in Szene zu setzen: Die Straßen, die Kirchen, Treppenhäuser, Fenster und Balkone. Ein Spiel aus Licht und Schatten, das immer düsterer wird. Wenn er nicht fürs Kino dreht, arbeitet der heute 63-jährige Regisseur am Theater, hat Bühnenstücke und Opern inszeniert. Gemeinsam mit Kameramann Paolo Carnera zeichnet er ein abgenutztes und doch seltsam intimes Porträt der alten Stadt. Traurigkeit und Enttäuschung, Vergänglichkeit und Nostalgie sind die Parameter, in denen sich die Handlung bewegt: „Die Vergangenheit existiert nicht“, sagt Oreste einmal. Die Stadt ist dieselbe, damals wie heute – und auch Felice ist immer noch gefangen in den Gefühlen, mit denen er als 15-Jähriger aus Neapel verschwand.
Wie in jedem guten Mafia-Film kommt es auch bei Martone zum Showdown zwischen den beiden alten Freunden. Sie brauchen keine Waffen, um einander zu verletzen. Ihnen genügen Worte, um alte Wunden aufzureißen und neue zu schaffen. Die Stimmung ist gereizt, Oreste ein gebrochener Mann. Er hat Mühe, seinem einstigen Blutsbruder in die Augen zu schauen. Felice will die Hoffnung nicht aufgeben, plant sogar, gänzlich in die Heimat zurückzukehren. Doch Martones Film suggeriert bei aller Sensibilität, mit der er sich der Geschichte widmet, auch, dass die Verbrechen und der Terror der Mafia noch immer omnipräsent sind. Sein Film zeigt eine Welt der Gefahr, die im Schweigen, in flüchtigen Blicken und winzigen Gesten ihre ganze Grausamkeit offenbart.
