20.000 ARTEN VON BIENEN

Filmstart

20.000 Arten von Bienen

| Pamela Jahn |
Einfühlsames Familiendrama um die Frage: Wer und was bin ich?

Wenn es doch nur so einfach wäre: „Kann ich sterben und als Mädchen zur Welt kommen?“, fragt Aitor (Sofía Otero) zögernd – und meint es ernst. Das Kind ist kaum acht und der Problemfall in der Familie, zumindest sehen es die Erwachsenen so. Verwirrt sei der Junge, der am liebsten Lucia heißen würde, sich aber notgedrungen auch mit dem Spitznamen „Cocó“ zufrieden gibt. Die Sorgen und Selbstzweifel ihres Sohnes kommen zum Vorschein, als die Bildhauerin Ane (Patricia López Arnaiz) mit ihren drei Kindern für einen kurzen Sommerurlaub aus Frankreich ins spanische Baskenland zurückkehrt. Es ist gleichzeitig ein Familienbesuch bei Anes verwitweter Mutter Lourdes (Ane Gaberain), die sich früher um die Finanzen ihres Künstlergatten kümmerte und im Alter ihre Liebe für die Imkerei entdeckt hat. Die Stimmung im Haus ist angespannt. Richtig glücklich ist Cocó nur bei den Bienen im Garten. Denn nicht nur die Kinder haben im Spielfilmdebüt von Estíbaliz Urresola Solaguren mit sich und der Welt zu kämpfen. Die ganze Familie gleicht einer emotionalen Großbaustelle, auf der Beziehungsaltlasten die Kommunikation behindern und auch die Eltern mit der eigenen Identität in Konflikt stehen.

Die baskische Regisseurin und Drehbuchautorin hat sich nach mehreren Kurzfilmen und einer Dokumentation an eine Geschichte gewagt, die leicht in alle Richtungen hätte schief gehen können. Der warme, natürliche Erzählstil und eine berührende Darstellung von Sofía Otero schützen das sensible Drama jedoch vor dem Fall ins Klischee. Der Film verzichtet auf eine übertriebene Dramatik und eröffnet dem Publikum stattdessen eine neue Perspektive und schafft Verständnis für die Schwierigkeiten, mit denen sich transsexuelle Kinder konfrontiert sehen. Vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass ein Umdenken in erster Linie sowohl in der Familie als auch allgemein in der Gesellschaft nötig ist, setzt die Regisseurin wertvolle Akzente.

Ane ist zu sehr mit Eheproblemen und ihrem angeknacksten Künstlerdasein beschäftigt, um auf die zaghaften Hinweise und Hilferufe ihres Kindes einzugehen. Auch die Großmutter und eine Tante repräsentieren in ihren Reaktionen auf Cocós seltsames Verhalten jeweils verschiedene Versionen des Generationsunterschieds. Hier und da hätte man sich als Zuschauer ein bisschen mehr Reibung gewünscht. Aber auch Patricia López Arnaiz überzeugt auf der Leinwand mit einer Präsenz, die sich in Anes unerschütterlicher Empathie für ihr Kind niederschlägt und eine innige Beziehung zeigt, die man zutiefst bewundert.