Das 57. Karlovy Vary Filmfestival
Amir braucht dringend einen Job, andernfalls muss seine Freundin Narges einen anderen heiraten. Die aussichtslose Suche in einer iranischen Hafenstadt treibt den jungen Mann in eine Fischerei, wo er in illegale Geschäfte hineinschliddert.
Der deutsch-iranische Beitrag Leere Netze, den die Jury auf dem Karlovy Vary Filmfestival mit ihrem Spezialpreis ausgezeichnet hat, erzählt berührend von einem jungen Mann, der im Kampf um seine Liebe sogar sein Leben gefährdet. – Auch wenn sich die Geschichte mit brutalen Aufnahmen von leidenden, sezierten Fischen schwer ertragen lässt. Regisseur Behrooz Karamizade hat vor allem die junge Generation in seiner iranischen Heimat im Blick. Er wollte herausfinden, wie Not seinen Protagonisten dazu bringt, moralisch verwerfliche Dinge zu tun.
Zum Filmschaffen in der Ukraine konnte das Festival nur einen bescheidenen Beitrag leisten. Kriegsbedingt stagniert die Produktion in diesem Land. Die wenigen Filme, die es hervorbringt, erlebten ihre Weltpremieren schon auf größeren Festivals und liefen in Karlovy Vary außerhalb des Wettbewerbs. Luxembourg, Luxembourg, die Geschichte eines Loosers, der mit seinem Zwillingsbruder eine Reise zu seinem im Ausland sterbenden Vater unternimmt, überraschte immerhin mit einem skurrilen Humor, den man aus diesem krisengeschüttelten Land nicht unbedingt erwarten würde.
Überhaupt traten vermehrt schrille Figuren in der 57. Ausgabe des Festivals in Erscheinung. In zwei spröden Wettbewerbsfilmen aus Tschechien, die das Publikum stark polarisierten (We have never beend modern, A Sensitive Person), sind es Hermaphroditen und obdachlose, schrullige Theaterkünstler. Er habe geahnt, dass sich die Rezeption dieser Filme schwierig gestalten würde, sagt Festivalleiter Karel Och, aber als Beitrag zum Thema Diversität waren sie ihm willkommen. Das russische Kino durfte dagegen in diesem Jahrgang erstmals keinen Raum finden.
Trotz der großen Konkurrenz unter den internationalen Festivals um die besten Filme sei er nicht in Schwierigkeiten geraten, einen respektablen Wettbewerb auf die Beine zu stellen. Statt geplanten 12 Produktionen konnten allerdings nur elf präsentiert werden, ein Beitrag unterlag der chinesischen Zensur. Viele dieser Geschichten ranken sich um Figuren, die ihre Wurzeln verloren haben und um ihre Würde kämpfen.
Beispielhaft: Der Dokumentarfilm Dancing on the Edge of a Volcano um eine Crew, die im krisengeschüttelten Beirut gegen endlose Widrigkeiten Dreharbeiten zu einem Film vorbereitet. Aber auch die leise Studie Las chicas estan bien aus Spanien, in der fünf Schauspielerinnen auf einem idyllischen Landwesen über die Liebe, das Leben, ihre Sehnsüchte und Träume philosophieren.
Und allen voran die pensionierte Lehrerin in dem bulgarischen Drama Blaga’s Lessons, die sich auf Geschäfte mit hartgesottenen Gangstern einlässt, nachdem sie ihr mühsam angespartes Geld für das Grab ihres Mannes an Betrüger verloren hat. Der Film überragte den Wettbewerb und gewann verdient den Kristallglobus für den besten Film sowie den Preis für die beste Hauptdarstellerin Eli Skorcheva. Ohne viele Worte gibt der Regisseur Stephan Komandarev alten Menschen eine Stimme, die in ihren Nöten von der Politik meist allein gelassen werden. Das von Enttäuschungen zerfurchte Gesicht der grandiosen Protagonistin hängt einem lange nach.
Allerdings hat man in Karlovy Vary schon stärkere Jahrgänge erlebt. Die Poesie kam etwas zu kurz und manche Filme hatten schlichtweg wenig zu erzählen.
