Oppenheimer Film

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Oppenheimer

| Jörg Schiffauer |
Christopher Nolan zeichnet die Biographie des „Vaters der Atombombe“ als moderne Version des Prometheus-Mythos.

Wer mit seinem Konterfei auf dem Titelbild des Nachrichtenmagazins „Time“ prangt, zählt zu jenen Persönlichkeiten, die wirklich bedeutenden gesellschaftlichen Einfluss auszuüben verstanden haben. Auch wenn dieser Einfluss höchst unterschiedliche Sphären aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft umfasst, erschien es doch ungewöhnlich, dass im November 1948 diese Ehre einem theoretischen Physiker zuteil wurde, der sich bevorzugt mit der Quantenmechanik befasste, einer Materie, die das Begriffsvermögen der allermeisten Menschen überfordert. Doch vor allem ging  besagter Physiker J. Robert Oppenheimer als wissenschaftlicher Leiter des Manhattan-Projekts in die Geschichte ein, das Forschungsprogramm, mit dem die Vereinigten Staaten jene furchtbare Waffe entwickelten, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hiroshima und Nagasaki zum Einsatz kam – die Atombombe.

Christopher Nolan hat sich mit Oppenheimer dieses komplexen Charakters sowie seiner bemerkenswerten Lebensgeschichte angenommen und entlang dieser Biographie grundlegende Fragen über Verantwortung und persönlicher Integrität aufgeworfen. Dem brillanten Wissenschaftler Oppenheimer (von Cillian Murphy mit beeindruckender Präsenz verkörpert), der an Eliteuniversitäten wie Harvard und Cambridge studiert hatte, danach an renommierten Institutionen wie dem California Institute of Technology und der University of California, Berkeley lehrte, war naturgemäß von Anfang an klar, welche Kräfte er potenziell entfachen könnte, als er von Leslie R. Groves (Matt Damon), dem militärischen Leiter des Manhattan-Projekts, das Angebot erhält, sich in führender Funktion an der Unternehmung zu beteiligen. „Sie entwickeln keine neue Waffe, sondern eine neue Welt“, diese warnenden Worte wird ihm sein Physikerkollege und Nobelpreisträger Niels Bohr (Kenneth Branagh) mitgeben, als sich die Entwicklung der atomaren Bombe bereits in der Zielgeraden befindet. Gefahren, die, wie gesagt, Oppenheimer durchaus bewusst sind, doch ihm ist ebenso klar, dass ein verbrecherisches Regime wie Nazi-Deutschland auf keinen Fall als erstes in den Besitz einer solchen Waffe gelangen darf.  Also wirft Robert Oppenheimer seine gesamten intellektuellen Fähigkeiten in die Waagschale, um all jene herausragenden wissenschaftlichen Köpfe – und ihre Egos –, die ab 1942 in einem eigens gebauten Städtchen in Los Alamos, New Mexico zusammengezogen wurden, um die atomare Bombe zu entwickeln, entsprechend zu bündeln.

Nolans Inszenierung bedient sich dabei einer verschachtelten, zwischen mehreren Zeitebenen changierenden Erzählstruktur. Eine Dramaturgie, die in zahlreichen, oft eher kurz gehaltenen Szenen eine Vielzahl von Charakteren samt komplexen wissenschaftlichen Materien ins Spiel bringt und so ein wenig die titanisch anmutende Herausforderung widerspiegelt, der sich Oppenheimer bei der Koordination des Manhattan-Projekts gegenübersah. Zudem wird aber auch von Anfang an deutlich, dass  J. Robert Oppenheimer für seine Integrität als Wissenschaftler und verantwortungsbewusster Bürger, die ihn veranlasste, dass atomare Wettrüsten im Kalten Krieg – auch eingedenk der schrecklichen Zerstörungen, die die Bomben in Japan angerichtet hatte – zunehmend kritisch zu betrachten, einen hohen Preis zahlen musste. Der nach dem Ende des  Zweiten Weltkriegs noch Gefeierte, eckte im Amerika der McCarthy-Ära mit einer solch kritischen Einstellung an und verfing sich zusehends in den Ränkespielen der Politik. Gleich dem eingangs erwähnten Helden der griechischen Mythologie ereilt Oppenheimer, der der Menschheit mit dem atomaren Feuer eine neue Welt eröffnet hatte, der Zorn der Götter in Gestalt eines politischen Systems, in dem der Ungeist der McCarthy-Ära vorherrscht.

Christopher Nolan zählt zu den wenigen Auteurs von Weltrang, der sich im gegenwärtigen Hollywoodkino als feste Größe etabliert hat. Ein Platz, den er sich mit seiner Fähigkeit eroberte, komplexe Themen publikumsträchtig aufzubereiten ohne Abstriche in Richtung Gefälligkeit – was Form und Inhalt angeht – zu machen. Oder wie bei seiner „Dark Night“-Trilogie einem zur Formelhaftigkeit neigenden Sujet  seine klare individuelle Handschrift zu verleihen. Nolans Regiearbeiten weisen dank dieser Konsequenz Alleinstellungsmerkmale – das Beharren eines der letzten Loyalisten des analogen Films, auf diesem Material zu drehen, ist der offenkundigste Aspekt – auf, die jeden seiner Filme zu einem unverwechselbaren Solitär in der Kinolandschaft machen. Oppenheimer reiht sich dabei nahtlos in Nolans bisheriges Œuvre ein.