Der erste Tag meines Lebens

Filmstart

Der erste Tag meines Lebens

| Oliver Stangl |
It’s a wonderful life

Im deutschsprachigen Raum ist der italienische Autor und Regisseur Paolo Genovese vom Namen her zwar eher unbekannt, doch die Grundidee seiner Tragikomödie Perfect Strangers (Perfetti sconosciutti, 2016) geriet zum veritablen internationalen Hit: Das Kammerspiel um eine Freundesgruppe, die sich eines Abends entscheidet, alle erhaltenen Smartphone-Nachrichten miteinander zu teilen und so in emotionale Turbulenzen gerät, erhielt bislang mehr als 20 Remakes – von China bis Island. In Deutschland hieß die entsprechende Variante Das perfekte Geheimnis (2016, Regie: Bora Dagtekin). Genovese zeigte sich mit diesem Film als Mann effektiver Konzepte, in denen sich Unterhaltung und Tiefgang verbinden; die vielen Adaptionen mögen zudem ein Beleg dafür sein, dass der Mann über einen Blick für allgemeingültige menschliche Regungen verfügt.

Genoveses neuer, auf seinem eigenen Roman basierender Film Der erste Tag meines Lebens erinnert vom Grundkonzept her eher an schon Bekanntes, könnte etwa als Mix aus Nick Hornbys 2014 verfilmtem Roman „A Long Way Down“ und Frank Capras Klassiker It’s a Wonderful Life (1946) durchgehen. Ursprünglich in New York angesiedelt, machte Covid der Produktion einen Strich durch die Rechnung, sodass in Rom gedreht werden musste – es gibt Schlimmeres. Im Zentrum des zwischen Fantasy und Realismus pendelnden Films stehen vier Menschen, die keinen Sinn mehr im Leben sehen und Suizid begehen wollen – eine von Trauer beherrschte Polizistin, ein ausgebrannter Motivator, eine Ex-Turnerin, die nun auf den Rollstuhl angewiesen ist und ein übergewichtiges 12-jähriges Mobbingopfer. Da taucht ein geheimnisvoller Mann (Toni Servillo) auf, der ihnen eine zweite Chance gibt: Eine Woche lang können sie geistergleich beobachten, wie die Welt ohne sie aussehen würde, und sogar einen kleinen Ausblick in die Zukunft gibt es. Das Quartett baut nach anfänglicher Abneigung auch emotionale Verbindungen untereinander auf, doch die Frage, wer von der Gruppe die Dunkelheit und das Leid hinter sich lassen kann und wem dies nicht gelingt, wird von Tag zu Tag dringlicher …

Man findet auch hier Themen, die sich durch Genoveses frühere Arbeiten ziehen, etwa Gruppendynamiken oder die Offenlegung von Geheimnissen, die jeder in sich trägt. Das gerät manchmal etwas vorhersehbar und konventionell, und die Motivationen der Charaktere sind nicht in jedem Fall ganz überzeugend. Doch ein gut spielender Cast (allen voran Servillo als Schicksalsengel), so mancher emotionale Moment und der Verzicht darauf, Der erste Tag meines Lebens als reines Feelgood-Movie zu inszenieren, machen den Film insgesamt sehenswert.