Es wird heiß auf dem Lido ... und spannend im Kino!
Warten. Immer wieder warten. Auf den nächsten Film. Das nächste Interview. Den nächsten Star. Es mag verwundern, wie viel Zeit man bei einem Filmfestival damit verbringt, nichts zu tun.
Michael Fassbenders Auftragsmörder in David Finchers The Killer kennt diesen Zustand nur zu gut. Auch sein Job besteht zu einem Großteil daraus, abzuwarten und sich stillschweigend auf seinen Einsatz vorzubereiten. Manchmal macht er Yogaübungen, um die Gelenke geschmeidig zu halten. Oder er baut sein Gewehr zusammen, um sicher zu gehen, dass im entscheidenden Moment alles reibungslos funktioniert. Auch genügend Schlaf ist wichtig, erklärt er mit bedächtiger Stimme im Voice-Over. Dazwischen wartet er weiter. Und wir mit ihm. Fassbenders Killer ist ein Asket, der uns in der sensationell unspektakulären Eröffnungssequenz des Films die größte Herausforderung an seinem Job verrät: Langeweile. In einem fließenden Monolog, der sich wie ein roter Faden durch den fesselnden Thriller zieht, spricht er über die verschiedenen Charakteristiken seines Berufs und viele andere Themen, wie etwa die Unmoral der Welt oder die Musik von The Smiths. Währenddessen sitzt, steht und liegt er hoch oben in einem Bürokomplex und zielt mit seinem Scharfschützengewehr auf ein Pariser Fünf-Sterne-Hotel, bis sein Opfer in der Suite gegenüber auftaucht und er den Abzug drückt.
Doch die Kugel verfehlt ihr Ziel, und damit fängt die Geschichte an, die Andrew Kevin Walker nach der Graphic Novel von Alexis Nolent in ein schmales, über weite Strecken dialogfreies Drehbuch verwandelt hat. The Killer erzählt in fünf Kapiteln, was nach dem Patzer des Superprofis passiert. In einem kuriosen Tempo bewegt sich Fassbender durch die verschiedenen Stationen seines Rückzugsgefechts, in dem es um Spurenbeseitigung geht und damit immer wieder auch sein eigenes Leben auf dem Spiel steht. Die Kombination aus Finchers meisterlichem Blick fürs Detail und Fassbenders schauspielerischer Eleganz ist es, was diesen Film spannend macht. The Killer ist ein Thriller, der an der Oberfläche spielt, der Stil hat und mit einem großartigen Gefühl für das richtige Timing inszeniert ist – Fassbenders mürrisches Pokerface ist genau richtig dafür.
Vom Warten versteht auch die kaum 15-jährige Priscilla recht viel. Sofia Coppolas gleichnamiges Biopic über Elvis Presleys Ehefrau erzählt von dem schwierigen Leben an der Seite eines Welt-Stars, der schon als junger Mann in Uniform auf einem westdeutschen Militärstützpunkt einerseits sanft und verletzlich, aber auch ein extremer Kontrollfreak ist. Basierend auf Priscilla Presleys Memoiren zeigt der Film, wie sie als Schulmädchen Mitte der fünfziger Jahre erst bei ihren Eltern und schließlich hinter den Toren von Graceland zu einer jungen Frau heranwächst.
Coppola konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf das bizarre Abhängigkeitsverhältnis, das dieser von außen äußerst seltsam anmutenden Beziehung zugrunde liegt. Denn es ist nicht nur der Erfolg und die Pillen, die Jacob Elordis Elvis vom perfekten Gentleman immer wieder für einen unkontrollierten Augenblick zum Monster aufbrausen lassen. Seine eigenen Ängste und Unsicherheiten sind stets präsent. Und Priscilla zeigt sich verständlich, weil sie ihre erste große Liebe nicht kaputt machen will. Viel zu lange wartet sie stillschweigend und macht, was man ihr sagt, bis sie ihr Leben eines Tages schließlich selbst in die Hand nimmt.
Ganz ähnlich geht es übrigens auch Felicia Montealegre in Maestro, die von Carey Mulligan in Bradley Coopers Biopic über Leonard Bernstein mit einer Mischung aus spröder englischer Gelassenheit und bescheidener Eleganz gespielt wird. Nur muss Mulligan sich ihren Platz neben Cooper in jeder Szene schwer erkämpfen, weil der sich in seiner Rolle des virtuosen Künstlers mit einer geheimen Vorliebe für Männer immer ein bisschen zu sehr selbst gefällt. Viel interessanter wäre es, einmal zu sehen, was passiert, wenn der Schauspieler sich ganz auf die Regie konzentriert, anstatt stets gleichzeitig im Zentrum der Handlung zu stehen. Erst gegen Ende, wenn die Handlung sich auf Felicias Kampf gegen den Krebs konzentriert, gelingt es Cooper in seinem Film eine Balance zu finden. Maestro ist immer dann am besten, wenn der Meister-Dirigent selbst in den Hintergrund tritt. Auch wenn Bernstein in Wirklichkeit nie bereit war, Kompromisse einzugehen, egal wie sehr er seine Frau liebte.
Der bisher spannendste Film im diesjährigen Wettbewerb ist Yorgos Lanthimos neuestes Werk Poor Things, in dem Emma Stone das Versuchskaninchen für die wilden Experimente eines depressiven viktorianischen Professors (Willem Dafoe) spielt. Lanthimos zeigt uns eine verzerrte Steampunk-Welt, die einmal in gestochenem Schwarzweiß gedreht ist, aber auch wie durch ein Fischauge erscheint und dann wieder von innen heraus in satten Farben beleuchtet wird, als würde alles strahlen, was seine kuriose Heldin Bella Baxter (Stone) mit dem Zeigefinger berührt.
Poor Things, adaptiert von Tony McNamara nach dem gleichnamigen Roman, ist eine außergewöhnliche, äußerst originelle Mischung aus Fanny Hill und Frankenstein. Erzählt wird die Geschichte einer jungen schwangeren Frau, die unfreiwillig ihren eigenen Selbstmordversuch überlebt, weil ihr besagter Dr. Godwin Baxter (den sie „Gott“ nennt) das Gehirn ihres ungeborenen Kindes in den Kopf transplantiert. Das Experiment hat zur Folge, dass Bella von nun an wie ein ungemein aufgewecktes Kind ihre Umgebung studiert und auf ihre Mitmenschen zugleich betörend und verstört wirkt.
Lanthimos zeichnet wie immer mit viel Spaß, Detailverliebtheit und Fantasie das Bild einer ungewöhnlichen Frauenfigur, die in diese Welt hineingeboren wird, ohne sich an gesellschaftliche Erwartungen halten zu müssen, und die es wagt, in einer von Männern dominierten Welt frei zu sein. Das Ergebnis ist ein Film, so wunderbar schräg und bizarr, kühn und klug, wie man es von den früheren Werken des griechischen Regisseurs kennt – und allein dafür hat sich das lange Warten am Lido wieder einmal gelohnt.
