Cléo de 5 a 7
Cléo de 5 a 7

Veranstaltung

Alte und neue Meisterinnen

| Jakob Dibold |
kinovi[sie]on zeigt Meilensteine der Filmgeschichte sowie weitere Einblicke ins Filmschaffen von Frauen. Vom 19. bis 21. Oktober im Innsbrucker Leokino.

Bereits seit 2005 rückt kinovi[sie]on das Filmschaffen von Frauen in den Mittelpunkt. In der zweiten Ausgabe der Reihe im laufenden Jahr werden nun unter anderem Filme präsentiert, die es in die jüngst aktualisierte, renommierte Top-100-Liste der Sight & Sound Critics’ Poll geschafft haben. kinovi[sie]on zeigt vom 19. bis 21. Oktober, begleitet von einem Kurzfilmprogramm mit Arbeiten österreichischer Filmschaffender, im Leokino drei dieser besten Filme aller Zeiten; wobei Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles um eine Besonderheit reicher geworden ist: Erstmals wurde damit ein Film einer Frau auf Platz eins der Liste gevotet.

Akermans gleichermaßen herausforderndes wie visuell und semantisch ungemein lohnendes Opus magnum von 1975 eröffnet am Donnerstag. Mit der großartigen Delphine Seyrig als Mitstreiterin gelang der Belgierin eine Inszenierung einer eingeengten Frauen-Existenz, des Kraftakts Alltag und Haushalt in einer patriarchalen Gesellschaft sowie der anschwellenden Auflehnung gegen dieses Leben bis hin zur radikalen Entsagung und Entladung. Ein wohl lange noch aktueller Film, gestalterisch und thematisch.

Auf Platz 60 des Sight & Sound-Rankings findet sich Daughters of the Dust (1991), der am Freitag läuft. Der Debütlangfilm der Regisseurin Julie Dash erfährt seit seiner Restauration und Wiederveröffentlichung 2016 wieder vermehrt Rezeption, einerseits weil die nur im ersten Moment simple Geschichte einer Großfamilie der afroamerikanischen Gullah, die von St. Helena Island aufs Festland der Vereinigten Staaten migrieren will, essenzielle Erfahrungen von Nachfahren Schwarzer Versklavter poetisch vermittelt, andererseits weil Dash und Director of Photography Arthur Jafa – der Filmemacher und Videokünstler erhielt für diese Arbeit den Bildgestaltungs-Preis des Sundance Film Festivals – das Geschehen in einer schier traumhaften, zwischenweltlichen Atmosphäre sich schwebend entfalten lassen.

Den zweiten Programmpunkt des Freitagabends bilden vier Kurzfilme aus Österreich, das Herzstück in der Mitte eines Fußball-Kunstwerks – Apropos of Logic (2016, Suzie Léger) –, einer humorvoll-kritischen Reflexion reproduktiver Tätigkeiten – Invisible Hands (2021, Lia Sudermann und Simon Nagy) – sowie Nenda Neururers Musikvideo Borders (2021) gegen sexistisches, rassistisches, chauvinistisches Diskriminierungsverhalten heißt C-TV (Wenn ich Dir sage, ich habe Dich gern). Der hoch unterhaltsame Halbstünder von Eva Egermann und Cordula Thym tourt seit der preisgekrönten Premiere bei der Diagonale zu Recht und hoffentlich noch sehr lange durch Vorführsäle Europas. Als glamouröse fiktive Talkshow inszeniert, in die Sequenzen aus Arbeitsleben und fantasievolle Zwischenspiele einfließen, beschwört C-TV  liebevollen Widerstand gegen Heteronormativität und Ableismus in Form einer empowernden Alternativrealität, in der Menschen, die wenn, dann meist nur in Mitleids-Logik eingebettet in Film und Fernsehen präsent sind, als besondere, aber auch durchschnittliche Stars auftreten. All dies gelingt mit ebenso viel gestalterischer Raffinesse wie mit befreitem (und befreiendem) Witz.

Eine stilistisch sehr weit entfernte Sängerin im Vergleich zu jener, die in C-TV zu hören und sehen ist, schrieb 1962 als Figur bei Agnès Varda Filmgeschichte: Samstags beschließt Cléo de 5 à 7 (neuerdings Platz 14 der Sight & Sound-Liste) das kinovi[sie]on-Wochenende, Vardas Blick auf eine junge Frau, die auf die Ergebnisse einer Krebsuntersuchung wartet beziehungsweise viel mehr ihr Blick durch diese Frau auf das Paris der Sechziger – seine Menschen, seine Machtverhältnisse –, den Zeit-Raum, in dem sich in den Warte-Stunden ihre Existenz reflektiert.

Vor diesem Abschluss mit einem Klassiker bietet kinovi[sie]on zum zweitem Mal nach dem März dieses Jahres einen kostenlosen Networking-Workshop für Frauen und nichtbinäre Personen im Filmbereich an. Am Samstag von 14 bis 17 Uhr, gestaltet von Suzie Léger (zu sehen auch im Kurzfilmblock). Anmeldung bis 15. Oktober unter kinovisieon@leokino.at.

www.leokino.at