Sinnlich verfilmtes Frauenporträt
Wie das Schweigen brechen? Helene (Mala Emde) muss kurz überlegen. Dann fällt ihr die alte Legende von der Mittagsfrau wieder ein. Wenn man sie in der glühenden Mittagshitze auf dem Feld treffe, sagt sie dem einsilbigen Bauern, der ihr am Küchentisch ernst gegenübersitzt, müsse man mit ihr reden, sonst werde man verrückt. Helene und ihre ältere Schwester Martha (Liliane Amuat) klammerten sich in ihrer Kindheit lange an den Mythos, um sich auf diese Weise die psychische Verwirrtheit ihrer Mutter Selma (Eli Wasserscheid) zu erklären. Es war ein Trost. Jetzt muss Helene erzählen, ihre ganze Geschichte, bis klar ist, warum sie an diesem schwülen Sommertag zurück aufs Land gefahren ist.
Barbara Albert hat sich der gleichnamigen Romanvorlage von Julia Franck angenommen und ihren Film mit Mala Emde in der Hauptrolle hervorragend besetzt. Man muss das gleich zu Beginn erwähnen, denn Emdes darstellerische Kraft ist für das Gelingen der Kinoadaption wesentlich. Sie verkörpert mit großer Sinnlichkeit und Wahrheit eine Figur, die sich in jeder Sekunde dem Leben stellt, egal, wie sich das Schicksal auch dreht.
Um der Bautzener Provinz und den immer vehementeren Wahnzuständen der Mutter zu entfliehen, gehen die Schwestern Ende der 1920er gemeinsam in die Großstadt, nach Berlin, um bei ihrer jüdischen Tante zu leben. Und obwohl Martha bald den gefährlichen Verführungen der Metropole erliegt, hält Helene weiterhin an ihrem Ziel fest: Sie arbeitet in einer Apotheke, um sich das Geld für ein Medizinstudium zu ersparen. Und als sie Karl (Thomas Prenn) kennenlernt, scheint ihr Glück für einen Moment sogar perfekt.
Doch mit der Machtübernahme der Nazis verliert sie nicht nur ihre große Liebe. Auch Martha und die Tante fliehen vor dem, was kommt. Helene jedoch will bleiben, des Studiums wegen. Mit der Hilfe von Wilhelm (Max von der Groeben), einem SS-Mann, kann es gelingen. Sie nimmt eine neue Identität als Arierin an, aber auch die hat ihren Preis.
Albert erzählt mit äußerst sinnlichen und haptischen Bildern von einer Frau, die sich den toxischen Verhältnissen der Zeit zum Trotz fürs Leben entscheidet und ihren Weg geht. Nicht immer wirkt die Adaption in sich stimmig in ihrer auf Brüche und Kontraste angelegten Struktur. Aber es ist die spannende Ambivalenz in Emdes Spiel, die die Geschichte über vier Jahrzehnte hinweg auf beindruckende Weise zusammenhält.
