Die diesjährige Ausgabe von Queertactics präsentiert eine Selektion international erfolgreicher aktueller Filme und feiert queeres Filmschaffen in Österreich
2019 als Nachfolge des renommierten Identities – Queer Film Festival Vienna ins Leben gerufen, bringt Queertactics als das neue queerfeministische Filmfestival Wiens eine feine Auswahl an Filmen kurzer, langer, dokumentarischer und/oder experimenteller und Spielfilm-Form ins Kino, vom 16. bis 19. November als schillerndes Kontrastprogramm zum grauen Spätherbst. Auch 2023 zeigt Queertactics einen Querschnitt neuen queeren Filmschaffens aus diversen Produktionsländern, und verdeutlicht mit dem Programm, dass queerem Kino längst kein Nischendasein mehr zukommt – und es trotzdem unbedingt noch mehr Sichtbarkeit verdient.
In der auch hinsichtlich der Genres vielseitigen Zusammenstellung eröffnet Queendom den Reigen, ein dokumentarisches Zeugnis des Alltags und der aktivistisch-performativen Kunst von Gena Marvin, das unter anderem beim CPH:DOX und beim London Film Festival gezeigt wurde. Gena protestiert mit dem Körper, in surrealem Drag auf den Straßen Moskaus – Mut und Fantasie vereinigt. Gena Marvin und Regisseurin Agniia Galdanova werden beim Screening im Metro Kino, das wie die allermeisten Queertactics-Filme eine Österreichpremiere bedeutet, anwesend sein.
Nach der Eröffnungsparty im Club Roxy bringt der erste reguläre Festivaltag nicht weniger als vier Langfilme, im Admiral Kino zu sehen sein wird mit Regra 34 zum einen der Gewinnerfilm des Goldenen Leoparden beim Locarno Film Festival 2022. Filmemacherin Julia Murat erzählt episodenhaft das Leben einer engagierten und sexuell selbstbestimmten jungen Frau, in das sich der tabubehaftete Topos sadomasochistischen Begehrens integriert. Neben der nicht-einfachen Liebegeschichte Polarized (R: Shamim Sarif) bringt der Freitag mit UKI zudem einen visuell äußerst beeindruckenden, dystopisch-psychedelischen Trip der taiwanesischen Multimedia-Künstlerin Shu Lea Cheang sowie Jewelle: A Just Vision, mit dem Madeleine Lim der hoch einflussreichen Schriftstellerin, LGBTQ-Aktivistin sowie Vorreiterin des Afrofuturismus Jewelle Gomez ein lebendiges filmisches Denkmal setzt.
Der Festivalsamstag steht im Zeichen kurzer Filme, aber auch eines der längsten Filmtitel überhaupt: Het leven en de vreemde verrassende avonturen van Robinson Crusoe die acht en twintig jaar helemaal alleen op een bewoond eiland leefde en zei dat het van hem was – auf Englisch The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe Who Lived for Twenty and Eight Years on an Inhabited Island and Said It Was His – räumt in einnehmenden 16mm-Bildern mit dem Fall Robinson Crusoe auf, wobei aufräumen heißt: rearrangieren, verquer-fantastisch wiederaneignen, der kolonialen Grundannahme der Geschichte entgegentreten. Weltpremiere beim Internationalen Film Festival Rotterdam Anfang dieses Jahres, Österreichpremiere bei Queertactics Ende dieses Jahres. Ebenso prägen zwei Kurzfilmprogramme den Tag, die „Queertactics-Perlen“ kommen aus den USA, Großbritannien und Deutschland, drei Arbeiten von Alexis Langlois – durchaus eine Art „Shooting Star“ des französischen Queer-Cinemas – garantieren schimmernde Welten aus Camp, Horror und Widerstand. Im Gedenken und tiefem Dank an die Identities-Gründerin Barbara Reumüller, die im Frühjahr 2023 viel zu früh verstarb, wird außerdem Shinjuku Boys (1995) von Kim Longinotto gezeigt, der einfühlsam in den Alltag dreier trans Männer in Tokio eintauchen lässt: Ein Film, der mit seiner unverändert akuten Gültigkeit beispielhaft für das Identities und Barbara Reumüllers Vermächtnis steht.
Dem Coming-of-Age-Liebesdrama Camila saldra esta noche (Camila Comes Out Tonight) (Inés María Barrionuevos Film wurde unter anderem in den Wettbewerb des San Sebastián Film Festivals geladen) gehen am Sonntag eine Buchpräsentation – „Angry Cripples. Stimmen behinderter Menschen gegen Ableismus“ – sowie ein Dokumentarfilm – Assexybilidade (Acsexybility) – voraus, die, in der Form gänzlich verschieden, eine inklusive Gesellschaft fordern. Der brasilianische Filmemacher Daniel Gonçalves lässt die Menschen in seinem Film Lust und Sexualität jenseits von Körpernormen gleichsam erleben wie reflektieren. Filmische Einforderung wie auch filmisches Angebot von Teilhabe.
Den feierlichen Abschluss des Festivals bildet das acht Werke umfassende Gala-Screening der Shortlist sowie die Verleihung des Kurzfilmpreises Goldene Medusa in den Breitenseer Lichtspielen. Nominiert für die drei Auszeichnungen sind unter anderen Sarah Braid mit Holladio hods gsogt (war u. a. beim Crossing Europe zu sehen), Marie Luise Lehner mit Im Traum sind alle Quallen feucht (u. a. dotdotdot, Hofer Filmtage), Eva Egermann und Cordula Thym für C-TV (Wenn ich dir sage, ich habe dich gern …) (u. a. Diagonale, Kurzfilmtage Oberhausen) und Isa Schieche für Die Räuberinnen.
