Just Be There - Dokumentar-film

Filmstart

Just Be There

| Jakob Dibold |
Wenn Sehen zu Schauen wird, tief in das Wesen des Tanzes

 

Kurz zu Beginn und folgend als vereinzelte Einbrüche der Außenwelt in die streng funktional geprägten Innenräume dieses Films rauschen sich im Wind wiegend Blätter. Die Natur gibt damit, wenn man ihn denn so annehmen will, einen kleinen Hinweis auf die scheinbare Widersprüchlichkeit der so feinen wie disziplinierten Körperarbeit des professionellen Tanzens, wie es hier gezeigt wird: Ganz bei sich und den eigenen Muskelapparaten, das physische Gedächtnis auf Hochtouren, abstrahieren Menschen Geschichten und Gefühle in Bewegungsabfolgen; in minimalistischen vier Wänden, die dafür maßgeschneidert sind, die Präsentation dieser Kunst vor dem großen Außen, der Öffentlichkeit – einem Publikum – zunächst hinter verschlossenen Türen unermüdlich einzuüben. Es sind Proben, die der ausgezeichnete Beobachter Caspar Pfaundler uns in Just Be There zeigt, in Wien in Vorbereitung auf die Nurejew-Gala 2019, für die Manuel Legris – damals noch selbst Direktor des Wiener Staatsballetts – und Nina Poláková eine Choreografie von Patrick de Bana zu Musik von Philip Glass erarbeiten. Tausende Kilometer entfernt in Taiwan bereiten Ensemblemitglieder des Cloud Gate Theatre of Taiwan unter Leitung von Cheng Tsung-lung neue Stücke vor, zentral dabei eines zu Musik von Sigur Rós. Eine von de Bana formulierte Anweisung wird gleichsam zum Titel des Films als auch zu einer herausfordernden Einladung an das Kinopublikum: Sei einfach da. Und sei eingeladen, aus dem eigenen Dasein ein Mit-Dasein werden zu lassen, mittendrin in der intimen Sphäre des Probenprozesses, in denen ungefiltert, ungeschönt und verwundbar Profis ihres Fachs Fehler um Fehler machen.

Schon weil es alles andere als selbstverständlich ist, solche Einblicke hinter (und zeitlich vor) die Kulissen zu erhalten, wäre das anschauenswert, ohne Off-Kommentar und dafür mit unaufdringlicher, doch entschiedener Rauminszenierung ist es das umso mehr: Das vielsprachig Gesagte nur so viel untertitelt wie unbedingt nötig, sprechen die Körper, während die Kamera kein starrer Bilderzeuger ist, sich vielmehr mal dorthin, mal dahin mit- oder fortdreht, die Doppelung aller Anwesenden in den Spiegelwänden nutzt, den Fokus mitunter auf bestimmte Personen lenkt. In Taiwan lassen sich dabei vorzüglich subjektive „Hauptfiguren“ finden, freudvoll wie im Suchbild; in Wien erlebt man zudem respektvolle, aber hitzige Diskussionen über das angestrebte Getanzte. Trotz der Spezialisierung der Darstellenden ist Just Be There insofern nicht „bloß“ Tanz-, sondern wegen seines behutsamen Einfangens der Entstehung, der Erarbeitung, der Erkämpfung eines schlussendlich abgeschlossenen Werks ein Kunst-Film. Adäquat ergänzt übrigens von eindrücklichen Malereien Pfaundlers, anfangs und ausgangs auf der Saal-Leinwand und in größerer Zahl begleitend zu den Vorstellungen im Metro Kinokulturhaus zu sehen.